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Bergs „Lulu“ am Theater Augsburg: Mathias Schulz (Alwa) und Sophia Christine Brommer in der Titelpartie. Foto: A. T. Schaefer
Bergs „Lulu“ am Theater Augsburg: Mathias Schulz (Alwa) und Sophia Christine Brommer in der Titelpartie. Foto: A. T. Schaefer
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Lulu bleibt unerlöst: Erstaufführung der Kloke-Fassung des Schlussaktes von Bergs „Lulu“ in Augsburg

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Ohne PR-Wirbel um die bundesdeutsche Erstaufführung boten Dramaturgie-Intendantin Juliane Votteler und GMD Dirk Kaftan erstmals Alban Bergs „Lulu“ mit dem von Eberhard Kloke bearbeiteten 3. Akt. Er hat die vorhandenen „Lulu“-Skizzen nur so weit ausgestaltet, als Bergs Zielrichtung eindeutig war. Auf Lulus Weg durch die Pariser Halbwelt zum tödlichen Ende in London kontrastieren zu den schrillen Ensembles unter den Börsenraffkes und Sex-Erpressern jetzt neu die Solovioline für Lulu, dann Violine und Klavier begleitet von einem eher klagend aufspielenden Akkordeon. Bergs von Wedekind übernommene Drehorgelmelodie klingt treffend banal herein.

Daneben stehen viele Sprechszenen, eine Parallele zum 1.Akt. Insgesamt zerfasert im 3.Akt parallel zum Zerfall des sozialen Miteinander auch die Musik, klingt gezielt trivialer, wie aus dem Song-, Brettl- und Schmierenmilieu adaptiert. Dazu kontrastiert dann die von Berg wieder orchestral voll auskomponierte finale Mordszene. Aus den von Kloke angebotenen Szene-Bausteinen hat das Augsburger Team nur einen kleinen Teil genommen, um den 3. Akt zu straffen.

Im musikdramatischen Endergebnis aber überzeugt – wie schon die Kopenhagener Uraufführung einer etwas anderen Szenenauswahl – auch diese Fassung nicht. Lulus Abstieg sollte noch direkter und schneller erfolgen – was womöglich auch unserem beschleunigten Lebensgefühl geschuldet sein kann. Das hätte auch Momme Röhrbeins Einheitsbühnenbild geleistet: eine gläsern durchsichtige Lounge oder Loft-Halle, die sich mit wenigen Möbeln und Hintergrundprojektionen verwandelt, in der aber vor allem Drehtüren das Sex-Karussell der Männer gleichsam „rasant“ ermöglichen – sie alle zielen auf Lulus Bild als Messerwerfer-Zielscheibe, wovon am Ende nur ein brüchiger Fetzen als letzter Teppich übrig bleibt.

Regisseurin Monique Wagemakers hat darin die Entlarvungen und Abstürze einer moralisch verlogenen und entsprechend inhuman verbogenen Männerwelt sinnfällig erzählt. Ein möglicher, spezifisch weiblicher Regie-Blick auf eine Welt,  in der Liebe auf Sex und Sex zur geldwerten Ware reduziert wird, wurde nicht erkennbar. Staunenswert war, dass Augsburg bis auf den 87-jährigen(!), perfekt rollendeckenden Franz Mazura als Lulus Penner-Vater Schigolch alle wichtigen Rollen aus dem Hausensemble besetzen kann.

Am Premierenabend bewahrheitete sich abermals, dass bei solch anspruchsvollen Werken eigentlich erst die fünfte Aufführung rezensiert werden sollte, wenn alle Rollendebütanten und jüngeren Solisten so richtig in ihre Aufgaben hineingewachsen sind. Dann könnte das Lob für Stephen Owens jetzt noch zu wenig „tiger-mächtigen“ Dr.Schön, für Kerstin Deschers dann wohl souveräner lesbische Geschwitz oder Mathias Schulz’ dann neurotisch eleganteren Alwa und alle anderen uneingeschränkt ausfallen. Auch Sophia Brommers Lulu hätte dann wohl mehr von der stimmschauspielerischen Expression des Schlussteils schon für den erste Hälfte des Abends und Dirigent Dirk Kaftan die oft dicke Laufstärke besser differenziert.

Aber dennoch: Augsburg hat als erstes bundesdeutsches Opernhaus die Diskussion um Bergs „Lulu“ vorangetrieben.

Weitere Termine:
Di 06.12.11 · Fr 09.12.11 · Mi 14.12.11 · So 18.12.11 · So 08.01.12 · Sa 28.01.12 · Do 02.02.12 · Di 14.02.12

 

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