Während die Vogelstimmen in der Natur zurzeit schweigen, verschafften sie sich doch Gehör – allgegenwärtig und meist raffiniert kompositorisch verfremdet innerhalb einer Musik, die im Konzerthaus Dortmund manchmal regelrecht vom Himmel zu kommen schien. Bei Olivier Messiaen, der in diesem Monat 100 Jahre alt geworden wäre, bildet die Natur den Ursprung aller seiner Schöpfungen. Und im Dortmunder Konzerthaus versammelten sich Interpreten, die zur absoluten Referenz zählen in ihrer Stellung zur Person und zum Werk Messiaens gleichermaßen.
Messiaen war zu allererst Organist. Also eröffnete die britische Organistin Jennifer Bate die Zeitinsel aufs plausibelste. Langjährig war sie mit Messiaen befreundet, und ihr hat der Meister viele seiner Werke gewidmet. Tagelang war sie an der Klaisorgel des Konzerthauses in Klausur gegangen - und konnte das Instrument nach eigenem Bekunden auf Anhieb lieb gewinnen! Akustik und Dispositionen scheinen hier für die ganze Entfaltung des Subtilen, Atmosphärischen wie gerufen zu kommen. Die ersten, gregorianisch beeinflussten Tonskalen der "Nativité du Seigneur" entblößen das Zerbrechliche, legen Facetten einer erstaunlichen formalen Logik frei. Repetitive Muster bekommen in diesem Spiel etwas Hypnotisches, mit Rhythmen, die sich jeder klassischen Vorstellung von Metrum verweigern, dafür ganz andere Welten eröffnen. Jennifer Bates Orgelspiel entfesselte die ganze physische Wucht, die bei Messiaen stets als Chiffre für Freude steht - ungezähmt, oft regelrecht orgiastisch!
All dies transportierte auch Pierre Laurent Aimard im Zyklus "Vingt Regards sur l`Enfant Jesus" – eine wahre Tour de Force für Spieler und Hörer gleichermaßen. Noch stärker konzentrieren sich hier Meditation und explosiver Ausbruch auf engem Raum - und noch aufrührerischer wird jede landläufige Vorstellung von Bekenntnismusik durcheinandergewirbelt.
Aimard bekam viele pianistische Impulse von Messiaens Lebenspartnerin und Muse Yvonne Loriod vermittelt – sinnlich und bewusst organistisch in den ruhigen, klangmalerischen Momenten, aber auch mit extremer, von spontanen Impulsen gezeichneter Virtuosität bestritt er in Dortmund eine regelrechte „Tour de Force“ – für Spieler und Hörer gleichermaßen.
Das Orchesterwerk "Et expecto resurrectorium mortorem" markierte schließlich einen Zeitsprung zum Spätwerk – und mit Zubin Mehta war ein Dirigent in Dortmund vertreten, der einige von Messiaens Uraufführungen in New York geleitet hatte. In perfekter Balance vollführten die Münchener Sinfoniker dieses beschwörende Spiel für Bläsergruppen und -vorwiegend metallisches- Schlagwerk. Vor allem kontrastieren hier Abschnitte aus Gamelan-artigen Klangskulpturen und expressive Tutti-Ausbrüchen.
Der Abschluss der Zeitinsel in Dortmund wagte schließlich einen schillernden Blick ins Jenseits. Ist dieses Jenseits wirklich in so leuchtende Farben getaucht, wie die Interpretation von Olivier Messiaens letzter Komposition aus dem Jahr 1991 „Éclairs sur l`au delà“ durch Sylvain Cambreling und das SWR-Sinfonieorchester suggeriert?
Da entfalteten sich Choralpassagen, Streicher-Traumsequenzen, klangsinnlich-üppige Naturpanoramen, hypnotisierende repetitive Abschnitte und immer wieder ein gebieterisches Aufbrausen aller raffinierten Effekte! Cambreling und das SWR-Sinfonieorchester zelebrieren so etwas in Vollendung. Aber nichts anderes hatte auch erwartet, wer etwa seine überragende Interpretation des „Saint francois d Assis“ vor fünf Jahren bei der Ruhrtriennale erleben durfte.