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Multikulti gibt es nicht, aber kulturelle Vielfalt

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...und: Wer das Eigene nicht kennt, kann das Andere nicht erkennen
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„Habt ihr auch ein paar afrikanische Trommelgruppen dabei?“, fragte mich ein Dozent einer deutschen Musikhochschule, denn Afrika sei doch so „in“. Mit seiner Frage bezieht er sich auf die bevorstehende Tagung des Deutschen Musikrates am 4. und 5. November 2005 in Berlin unter dem Titel „Musikland Deutschland – Wie viel kulturellen Dialog wollen wir?“. Auf meine Nachfrage, was er denn von dieser Tagung erwarte, formulierte er vor allem seinen Wunsch nach ganz viel Musik, möglichst in der Vermischung unterschiedlicher Ethnien, denn „wir sind doch eine Welt“.

Die Erwartungshaltungen fokusieren häufig in der Verkürzung auf eine weitere Multikulti-Veranstaltung – und genau das wird diese Tagung nicht sein. Der Deutsche Musikrat möchte mit dieser musikpolitischen Tagung nicht eine weitere multikulturelle Kuschelecke einrichten, sondern das Beziehungsfeld „Kulturelle Identitäten und Interkultureller Dialog“ in den Mittelpunkt stellen.

Der Begriff „Multikulti“ hat sich in vielen Lebensbereichen etabliert, ohne dass sich damit eine Begriffsschärfung verbindet. Die Bandbreite dessen, was mit diesem Begriff verbunden wird, ist etwa so weit angelegt, wie die Bandbreite der Instrumentalisierung aus unterschiedlichsten Interessenlagen. Diese Entwicklung hat zu einem Gemischtwaren- laden der Interpretationen geführt, der weder den jeweils damit verbundenen Zielen dient, noch die Nebelschwaden einer multikulti-seligen Begriffsverklärung lichten kann. Der Grund ist einfach: Multikulti gibt es nicht. Jede Kultur lebt durch die Wahrnehmung und Selbstäußerung des Individuums. Die wahllose Vermischung kann nicht funktionieren, weil der Prozess kultureller Identitätsbildung ein langfristig angelegter und ein Leben lang wirkender Prozess ist. Somit ist Multikulti ein Code für eine von vorneherein gescheiterte Idee ohne Realitätsbezug.

Die Wahrnehmung unterschiedlicher Identitäten kann nur über eine Position des „sich selbst bewusst zu sein“ gelingen – denn wer das Eigene nicht kennt, kann das Andere nicht erkennen, geschweige denn schätzen lernen. Die Neugier und Offenheit jedes neugeborenen Kindes sind Chance und Verantwortung zugleich, dieses Selbstbewusstsein im Sinne einer breit angelegten und qualifizierten kulturellen Bildung anzulegen.

Diese drei Grundpfeiler im Dialog der Kulturen, Selbstbewusstsein, Offenheit und Neugier sind uns weitgehend abhanden gekommen – nicht zuletzt weil wir im Umgang mit unserer jüngeren Geschichte beispiellose Verdrängungsmechanismen entwickelt haben. Ich kenne kein Land, das sich in seinem kulturellen Selbstverständnis derart zwischen Erinnerungskultur, Verdrängung und der Jagd nach einer „neuen“ Identität verfangen hat. Die leidigen Diskussionen zum Thema „Leitkultur“ haben gezeigt, wie eingeengt und tabuisiert diese Meinungsbildungen in der Öffentlichkeit stattfinden. In dem Spannungsfeld politischer Instrumentalisierungen, medialer Sensationsbefriedigung und Verdrängung geht der Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen und Zusammenhänge verloren. Diesen Nachkriegszustand können wir nur durchbrechen, wenn wir kulturelle Selbsterfahrung und damit kulturelle Identitätsfindung ermöglichen und stärken.

In politisches Alltagshandeln übersetzt würde es bedeuten, Sonntagsreden in Montagshandeln umzusetzen, statt beispielsweise durch ausfallenden Musikunterricht, Kürzungen und Schließungen bei den Musikschulen das wertvolle Kreativpotential von Kindern und Jugendlichen mehr und mehr verrotten zu lassen und damit den Entscheidergenerationen von morgen und übermorgen die Grundlage für einen kulturellen Dialog auf Augenhöhe zu entziehen.

In politisches Alltagshandeln übersetzt würde es bedeuten, die Wahrung kultureller Vielfalt im Sinne der geplanten UNESCO-Konvention als unverzichtbares Gegengewicht zu den „Shareholder Value“ durchwirkten Globalisierungsentwicklungen bewusst zu machen und zu stärken, statt die Auswirkungen der EU-Dienstleitungsrichtlinie nur auf die deutschen Schlachthöfe bezogen zu kommunizieren. Die Europäische Union wird keine Überlebenschance haben, wenn sie ihre Einheit nicht zuerst über ihre kulturelle Vielfalt definiert. In politisches Alltagshandeln übersetzt würde es bedeuten, das Spannungsfeld zwischen privilegierter Partnerschaft oder Vollmitgliedschaft der Türkei in der EU nicht nur als eine Frage geostrategischer Überlegungen oder kultureller Ausschlusskriterien zu diskutieren, sondern vor der Folie eines breit angelegten Dialoges zu kommunizieren.

Ein Dialog, den wir von der Kommunalebene bis zur Auswärtigen Kulturpolitik viel stärker befördern müssen als bisher. Dabei richtet sich diese Verantwortung in besonderer Weise auch an die zivilgesellschaftlichen Kräfte im Kulturbereich, denn Kultur- beziehungsweise Musikpolitik ist Gesellschaftspolitik. So hat der Landesmusikrat Berlin im Jahr 2001 als erstes Bundesland die Wertungskategorie Baglama (türkische Langhalslaute) bei Jugend musiziert Berlin gegen so manchen Widerstand eingeführt. Die Erfahrungen in Bezug auf Begegnung, (Kennen-)Lernen und ein bisher unbekanntes Maß an Verständigung sind beglückend. Warum sollten nicht die Musikhochschulen ein Signal setzen, indem sie sich in ausgewählten Schwerpunkten ihre Instrumentalausbildung in diesem Sinne erweitern?

Andere Kulturen in unserem Land als Reichtum und nicht als Bedrohung zu empfinden, ist eine Voraussetzung für den interkulturellen Dialog. Dieser Dialog kann nur gelingen, wenn wir unsere Wurzeln nicht nur ausgraben, um nachzusehen, ob sie noch da sind, sondern wenn diese Wurzeln uns Nährstoffe in unserer sich täglich immer wieder erneuernden kulturellen Selbstfindung liefern. Diese Nährstoffe können aber nur fließen, wenn wir uns nicht selbst immer wieder durch gesellschaftlich kurzsichtige und volkswirtschaftlich teure Kürzungen in Bildung und Kultur das Wasser abgraben.

Diese Zusammenhänge im gesellschaftlichen Bewusstsein deutlich zu machen, ist die Voraussetzung für einen wirklichen Wandel in unserem Verhältnis zu kultureller Vielfalt in unserem Land. Dazu sind nicht nur die Politik, sondern auch die Bürgerinnen und Bürger und mit ihnen die zivilgesellschaftlichen Kräfte, wie zum Beispiel der Deutsche Kulturrat oder der Deutsche Musikrat, gefordert.

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