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Musik 21

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Was verbindet Stuttgart 21 mit Musikpädagogik? Kaum zu glauben, aber es ist der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus, der laut einer Infratest-Umfrage von Mitte September in der nächsten Legislaturperiode keine regierungsfähige Mehrheit mehr für die CDU erreichen wird und wohl als der Schlagdrauf am Stuttgarter Hauptbahnhof in die Landesgeschichte eingeht. Dabei begann Mappus seine Amtszeit mit einer ganz bemerkenswerten „ordre de Mufti“. Bereits in seiner Regierungserklärung vom 10. März legte er ein bildungspolitisches Konzept vor – ein besseres JeKi sozusagen. „Zusammen mit den Jugendmusikschulen im Land werden wir schon im kommenden Schuljahr mehr für die musikalische Grundbildung von Kindern zwischen vier und zehn Jahren tun. Das erfolgreiche Programm ‚Singen-Bewegen-Sprechen‘ (S-B-S) werden wir auf zunächst 1.000 Gruppen mit insgesamt 20.000 Kindern erweitern und Jahr für Jahr einen weiteren Jahrgang bis Klasse vier einbeziehen.“

Hintergrund dieser Initiative, die seither Baden-Württembergs Kultusbehörden auf Trab hält, ist ein überraschend erfolgreiches Fördermodell an einem Mannheimer Kindergarten, durch das bei Kindern mit Migrationshintergrund eine hundertprozentige Schulfähigkeit erreicht wurde. Vergleichsgruppen mit konventioneller Sprachförderung schnitten deutlich schlechter ab.

Der multi-, inter- und transkulturelle Riss durch die Gesellschaft, endlich gekittet durch Musik? Da wittert man gleich einen erneuten Missbrauchsfall an der Musikpädagogik, die in den vergangenen Jahren für viel herhalten musste. Herausgekommen ist wenig, die Hoffnung, dass Transferleistungen einen besser ausgestatteten Musikunterricht legitimieren, hat sich nicht erfüllt. Das Schulfach Musik steht heute, was das Vorhandensein kompetenter Pädagogen insbesondere im Elementarbereich, aber auch was die Stundentafel angeht, nicht wirklich gut da. Dass das Problem nicht neu ist, zeigt ein Text aus der Neuen Musik-Zeitung Nr. 32 aus dem Jahr 1910/11 über Mängel im Schulgesangsunterricht: „Die Ursachen des fast allgemeinen Misserfolges dieses Unterrichtszweiges werden wir zwei verschiedenen Faktoren zuschreiben müssen, einesteils dem bisher herrschenden Schulsystem, das der Musik keinen wirklichen Platz gönnt, andernteils der unvollkommenen oder mangelnden musikalischen Vorbildung der Lehrer.“

Soweit die Situation vor 100 Jahren. Dass der Verband der Schulmusiker seine Bundesschulmusikwoche (siehe Seite 31) dieses Jahr „Brennpunkt Schule – Musik baut auf“ nannte, ist ein Zeichen. In einer Zeit, in der gerade mal sieben Prozent durch Bildung aus ihrer sozialen Schicht in eine höhere aufsteigen, in der das Schulsystem auf Themen wie Risikoschüler und Bildungsverlierer, wie Migration und Parallelwelten hilf- bis kopflos reagiert, war der Kongress ein willkommener Multiplikator für neue Ideen und Konzepte. „Singen-Bewegen-Sprechen“ war noch nicht vertreten, hat aber gute Chancen, bis zum nächsten VdM-Musikschulkongress 2011 und zur nächsten Bundeschulmusikwoche 2012 auch bundesweit von sich reden zu machen – mit oder ohne Mappus im Amt.

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