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Lohengrin in Erl: Andrea Silvestrelli, Susanne Geb, Michael Kupfer und die Chorakademie der Tiroler Festspiele Erl. Foto: Tom Benz
Lohengrin in Erl: Andrea Silvestrelli, Susanne Geb, Michael Kupfer und die Chorakademie der Tiroler Festspiele Erl. Foto: Tom Benz
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Musikalisch auf höchstem Niveau und kompletter als in Bayreuth: Wagners „Lohengrin“ in Erl, dirigiert und inszeniert von Gustav Kuhn

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Im Passionsspielhaus Erl, wo der Blick auf das Festspielorchester und seinen auch inszenierenden Maestro Gustav Kuhn nicht nur stets voll gegeben ist, sondern hinter Gazeschleier und in farbiger Ausleuchtung des Bühnenhintergrunds noch betont wird, ist die Szene stets zweitrangig. Aber neben sehr konventionellen Momenten und häufig statischen, geradezu halbszenisch wirkenden Strecken wartet Kuhn als Regisseur doch auch immer wieder mit szenisch verblüffenden Lösungen auf. Durch die Erler Erstaufführung des „Lohengrin“ sind nun die zehn „bayreuthwürdigen“ Bühnenwerke Richard Wagners im österreichischen Wagner-Festspielort komplett – und im Gegensatz zu Bayreuth in Erl ungekürzt zu erleben.

Unter einem Himmel voller blauer und silberner Christbaumkugeln (Bühne: Ina Reuter) erscheint Lohengrin aus der Vertiefung eines kleinen Grabens hinter der Rampe. An einer langen, goldenen Kette führt er eine tief dekolletierte Ballerina, die mit roten Strumpfhosen und schwarzem Tutu einen schwarzen Schwan auf Spitze tanzt (Claudia Czyz); Gottfried ist diese aus Konstanze Lauterbachs Inszenierung von Siegfried Wagners „Schwarzschwanenreich“ adaptierte Figur somit nicht; vielleicht aber das weibliche Double für jenen blondgelockten Knaben im weißen Abendkleid, der bei Elsas Traumerzählung, eine blaue Christbaumkugel in den Händen, im Graben verschwindet. Er taucht auch am Ende der Handlung wieder auf, aber der von Lohengrin ernannte Führer ist dann doch die sexy Ballerina, die ihr Ballettkostüm ablegt und  ein goldenes Lurexgewand überstreift, während Lohengrin, nun mit dem Knaben auf den Schultern (als der in Wagners Regiebemerkung als Schwanersatz benannten Taube?) abtaucht.

Erler Kinder, im „Rheingold“ die Nibelungen, treten während des Hochzeitschors „Treulich geführt“ im Kostüm von 20 Kinderbräuten und 20 Jung-Bräutigamen auf – möglicherweise als eine Visualisierung der Infragestellung dynastischer Heiraten in Wagners Schriften, insbesondere aber als eine kluge regionale Verwurzelung jenes Festivals, dessen neu erbautes Winter-Festspielhaus noch in diesem Jahr seine Pforten öffnet.

Weiter wunderlich an Kuhns Inszenierung ist das beinahe gänzliche Fehlen von Waffen – nur Lohengrin reicht Schwert, Ring und Horn als Erinnerungsgaben an Elsa. Der Waffenverzicht schafft dieser Romantischen Oper entgegen Wagners Intentionen etwas Mirakulöses, und Ortruds Klage, Lohengrin sei ein Zauberer, ist dann wohl doch berechtigt, wenn Lohengrin den Telramund zweimal ohne Berührung, allein kraft seines Willens niederstreckt. Über dem breiten, sonst zumeist gekürzten Finale des zweiten Aufzugs liegt eine strukturelle Projektion, und am Ende wird das Orchester in ein tiefes Mauve getaucht.

Gewöhnungsbedürftig sind die Kostüme von Lenka Radecky: den gold gemusterten, roten Nazarenergewändern für die Brabanter und schlichteren, leinenfarbenen für die Sachsen, steht ein König in goldenem Jackett und mit Schlips voran. Andrea Silvestrelli singt ihn arg kehlig und mit Überdruck, so dass ihm beim Gebet einmal die Stimme wegbricht. Elsa, blond und in blauem, fließenden Gewand, wirkt wie eine Schwanweiß-Gestalt; Susanne Geb, aus der Mannschaft der kleinen  Partien in Erl aufgerückt, singt sie makellos und mit viel Dramatik. Ortruds Auftritte, hier auf deren Gesangsmomente reduziert, meistert Mona Somm in schwarzem Domina-Outfit bei geringer Textverständlichkeit. Geradezu komische Qualität erhält der Machtkampf der beiden Frauen: während ihres Duetts gehen sie auseinander, und beim

Zug zum Münster stellt sich die jeweils Singende vor die Andere, verdeckt diese.Bravourös, mit schier unerschöpflichen Stimmreserven verkörpert Michael Kupfer den Heerufer. Auch Oskar Hillebrandt als Telramund lässt stimmlich kaum Wünsche offen. Eine Sensation bietet der junge Tenor Ales Briscein, der den Lohengrin leicht und doch heldisch, ohne Ermüdungserscheinungen verkörpert, den Großteil der Gralserzählung gar im Knien. Der von Marco Merdved einstudierte, über 70-köpfige Chor – eine Kooperation der Chorakademie der Tiroler Festspiele Erl mit der Capella Minsk – wird der Aufgabe energiegeladen kraftvoll und mit faszinierenden Piani gerecht. Besonders beeindruckend der Doppelchor „In Früh’n versammelt uns der Ruf“, den Kuhn als morgendliche Kaffeezeremonie exerziert – möglicherweise mit Bezug zu Einar Schleef, der in Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ mit einer kollektiven Kaffeeszene den ritualisierten Faschismus bloßgestellt hat.

Reinen Genuss bereitet  das groß besetzte Festspiel-Orchester. Auf dem Bassfundament (mit neun Kontrabässen) erheben sich sphärisch imaginative Gralsklänge. Die vier an der Spitze des Orchesterberges positionierten, rot gewandeten Fanfarenbläser spielen im zweiten Akt im Freien, rechts und links vom Passionshaus, dessen Seitentüren hierfür geöffnet werden. Dominanter als bei anderen „Lohengrin“-Aufführungen kommt am Ende des zweiten Aufzuges die gewaltige Orgel dieses Hauses zum Einsatz.

In den ungekürzten Ausmaßen von Wagners Uraufführungs-Partitur gewinnt insbesondere der – leider auch in Bayreuth fast immer stark eingestrichene – dritte Aufzug, u. a. mit Lohengrins Prophezeiung, „Nach Deutschland sollen noch in fernsten Tagen / des Ostens Horden siegreich nimmer ziehn!“ Von einem tschechischen Tenor einer Gemeinschaft vorwiegend russischer Künstler vorgetragen, nimmt in Erl an dieser sonst zumeist aus political correctness gestrichenen Passage niemand Anstoß. Das Premierenpublikum spendete enthusiastischen, uneingeschränkten Applaus für alle Beteiligten.

Die Tiroler Festspiele Erl dauern noch bis 29. Juli und enthalten auch Wiederaufnahmen von Wagners „Tristan und Isolde“, „Tannhäuser“ und „Parsifal“. Durch Sängerinnen und Sänger von Gustav Kuhns Accademia di Montegral sind die großen Partien bis zu vierfach besetzt; das Programm verzeichnet allein für Wagners Musikdramen acht namhafte Heldentenöre.

Weitere Aufführungen: Freitag, 20. Und 28. Juli 2012.

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