Obgleich hierzulande von Pietro Mascagnis Opern zumeist die unverwüstliche „Cavalleria rusticana“ gespielt wird, stehen in Italien immer wieder auch dessen andere Opern auf dem Spielplan – mit Ausnahme der „Isabeau“. Nach der Uraufführung, 1911 in Buenos Aires, war die Leggenda drammatica in drei Teilen zwar äußerst populär, aber in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es nur noch die eine oder andere konzertante Aufführung. Neben dem Schwierigkeitsgrad, insbesondere der Tenorpartie, war es aber auch Luigi Illicas durch Mascagni arg komprimiertes Libretto, das im Allgemeinen nur Unverständnis auslöste.
Ein schon vor dem Ende des Absolutismus hoffnungslos dem Rat seines zwiespältigen Kanzlers ausgelieferter König will seine jungfräuliche, dem Glauben verschriebene Tochter verheiraten. Da sie alle Freier eines Liebesturniers ausschlägt, soll sie zur Strafe in der Mittagssonne nackt auf ihrem Schimmel durch die Stadt reiten. Das Volk ist auf der Seite Isabeaus und fordert, dass niemand dabei zusehen dürfe. Das Verbot durchbricht ein Falkner, zu welchem Isabeau in Liebe entbrennt. Aber beide finden gemeinsam den Tod.
In Andreas Janders Gesamtraum, mit wasserschadhaften, teil abgerissenen Blütentapeten, in den sich – gleich einem Spiel im Spiel – beim Auftritt des zivilisationsunkundigen Falkners Urwald-Traumwelten mit Dinosauriern senken, gelingt der Inszenierung Konstanze Lauterbachs das Wunder, die symbolgeladene Handlung bilder- und assoziationsreich, spannend und bisweilen sogar witzig zu erzählen. Die Polit-Story aus dem Mittelalter verlegt sie in eine surreal überhöhte Gegenwart, mit diversen Bezügen zu jüngsten Volksaufständen.
Der korpulenten Titelheldin erspart die Regisseurin während des musikalischen Intermezzos im zweiten Akt zwar die Nacktheit, nicht aber die Tortur eines sich in seinen Schwierigkeitsgraden steigernden Hindernislaufs über Ytongsteine. Pferd und Falke werden – in Lauterbachs Personalunion von Regisseurin und Kostümbildnerin – artistisch und mit Mitteln des Tanztheaters umgesetzt (Katrin Bote und Jiri Kobylka). Hinreißend spielfreudig und exzessiv in individualisierter Darstellung der in pinkfarbenen Leggins und grauen Mänteln unterschiedlicher Materialität gekleidete, sich auf schwankendem Terrain bewegende Chor des Staatstheaters, von Georg Menskes – in Personalunion von Dirigent und Chordirektor – einstudiert.
Ein Höhepunkt ist das Turnier der Augen, das in der Brauschweiger Aufführung mit einer Erweiterung internationaler Freier um Isabeau aufwartet: zu den mit zerbrechlichen Namenstafeln, anstelle von Schilden, ausgestatteten (und auch auf dem Besetzungszettel einzeln nachgewiesenen) Freiern zählt nun auch ein „Wendelino di Brunsviga“.
Isabeau tauscht im dritten Akt ihren viel besungenen weißen Mantel gegen einen roten. Eine Schneekugel wird ihr, die beim ersten Auftritt an das Volk weiße Madonnen (oder weiße Isabeaus?) verteilt hatte, zu einem Gefängnis der Einkehr, das sie dann mit der Zelle Folcos tauscht. Mit dem standesmäßig ungleichen Bewunderer schlüpft sie unter eine Decke. Dafür werden Folco von der zur Lynchjustiz aufgeheizten Menge die Augen ausgestochen und die Genitalien blutig zerstört. Isabeau aber öffnet sich selbst die Pulsadern, um dem Falkner wenigsten auf diese Weise jene Einheit des Blutes zu gewähren, die der Biss des Falken in ihren Arm bereits im ersten Akt antizipiert hatte.
Das Staatsorchester Braunschweig sorgt unter Georg Menskes für enorme Klangentfaltung. Aber der ununterbrochene Fluss der Partitur will sich am Premierenabend noch nicht recht zu einer organisch gewachsenen Einheit verbinden.
Endet der erste Aufzug von Wagners „Tristan und Isolde“ mit einem Überhang der Bühnenmusik der Königsfanfaren, so beginnt Mascagnis „Isabeau“ mit solistischen Fanfaren und Pauken, die in Braunschweig im Foyer des 1. Ranges erklingen. Mascagni wollte mit dieser Oper den Verismo überwinden und mischte gekonnt und wirkungsvoll Wagnersche Leitmotivtechnik und Chromatik mit italienischer, zündender Kantilene. Gleichwohl verzichtete Mascagni auch in „Isabeau“ nicht auf die für den Verismo so spezifische Funktion des Intermezzos: dabei mischen sich das Trappeln der Hufe von Isabeaus Schimmel und deren gebrochener Widerhall, gepaart mit einem mittäglichem Geläut aller Glocken der Stadt. Die angestrebte klangliche Potenzierung ähnlicher Raumklangsituationen – 3. Akt „Tosca“ und 2. Akt „Königskinder“ – ist dem Komponisten gelungen. Allerdings auch die Steigerung des Schwierigkeitsgrades für die Solisten, was in der Folge dazu führte, dass selbst Placido Domingo von seiner Absicht, den Folco einzuspielen, wieder Abstand nehmen musste.
Um so sensationeller, dass das Staatstheater Braunschweig mit Arthur Shen einen Tenor im Ensemble hat, der diese extrem hohe, heldische Partie sensationell bewältigt. Auch das übrige internationale Ensemble singt bravourös und spielt voller Intensität und Begeisterung. So die jugendlich dramatische Sopranistin Mária Porubcinová in der Titelpartie, Selcuk Hakan Tirasoglu als König, Cornelia Butz und Annegret Glaser als Isabeaus getreue Dienerinnen Ermyntrude und Ermyngarde, sowie Dae-Bum Lee als Herold und Oleksandr Pushniak als Kanzler. Die junge Julia Rutigliano verkörpert Folcos greise Großmutter mit prachtvoller Altstimme.
Diese Operproduktion reiht sich in die am Staatstheater Braunschweig seit einigen Jahren gepflegten „Ausgrabungsprojekte“. Ein Mitschnitt von Louis Spohrs „Alchymist“ ist soeben bei Oehms Classics (OC 923) auf CD erschienen. Auch Mascagnis „Isabeau“, vom Norddeutschen Rundfunk mitgeschnitten, sollte auf CD erscheinen, denn die Qualität überragt deutlich jene der klanglich und in ihrer Besetzung fragwürdigen älteren Gesamtaufnahmen dieser Oper.
Die späte deutsche Erstaufführung löste uneingeschränkten Jubel für die musikalischen und szenischen Leistungen aus. In der Tat ein Opernabend, der die Reise nach Braunschweig, wenn nicht gar den wiederholten Aufführungsbesuch, wert ist.
Weitere Aufführungen: 26. März, 1. 12., 15. April, 22. Mai, 23. Juni 2011.
Rundfunk-Übertragungen: NDR am 21. April und Deutschlandradio Kultur am 30. April 2011.