Wie in den Jahren zuvor moderierte der künstlerische Leiter der Fachmesse jazzahead, Peter Schulze, die Rednerliste der Eröffnungsveranstaltung an. Messechef Hans-Peter Schneider war sichtlich bewegt, zum 13. Mal seine Erfindung – eine Fachmesse für den Jazz mit angeschlossenem Festival – eröffnen zu können. Bremens Bürgermeister und Kultursenator Carsten Sieling konnte immerhin schon auf zwei Jazzahead-Eröffnungen innerhalb seiner kurzen Amtszeit verweisen. Doch einer fehlte: Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI), ließ wegen des Skandals um den ECHO für Kollegah und Farid Bang seine Ansprache ausfallen.
Es wurden also in Bremen keine Jazz-ECHO Preisträger verkündet. Dies soll Ende dieser Woche nachgeholt werden, falls es den ECHO dann noch gibt – noch ist die Preisverleihung auf den 31. Mai festgelegt. Nachdem zahlreiche Künstler aus Klassik und Pop ihren Preis wegen der antisemitischen und diskriminierenden Texte der Battle-Rapper zurückgegeben haben, fällt es auf, dass kein Jazzmusiker darunter ist. Warum eigentlich? Sind Jazzmusiker so unpolitisch? Oder fällt es ihnen schwerer, sich von dem begehrten Symbol der Anerkennung zu trennen, als den verkaufsmäßig erfolgreicheren Kollegen aus der Klassik- und der Popbranche?
Gastland Polen
Ewa Bogusz-Moore, Direktorin des Adam Mickiewicz Instituts, wies in ihrer Ansprache explizit auf die enge Verbindung von Politik und Kultur in Polen hin. Das Engagement ihres – dem deutschen Goetheinstitut vergleichbaren – Kulturinstituts auf der jazzahead rührt aus der Tatsache, dass Polen dieses Jahr das 100. Jahr seiner Staatsgründung feiert. In Bremen kommunizierte man das Jubiläum mit einem vierzehntägigen, vielfältigen Kulturprogramm. Mit einer Lichtinstallation von Karolina Halatek vor der Bremer Kunsthalle, einer Nacht der polnischen Literatur, mit Improtheater und natürlich mit viel Jazz stellte sich Polen als Partnerland der jazzahead 2018 vor. Das kommt nicht von ungefähr: Musikalisch gilt der in den 1950er Jahren entstandene „Polski Jazz“ als ein charakteristischer, eigenständiger Stil. Neben Krzysztof Komeda, dem 1969 im Alter von 38 Jahren verstorbenen Pianisten und Komponisten, gehörte zum Kreis der Jazz-Innovatoren auch der Pianist Andrzej Trzaskowski, der sich Mitte der 60er-Jahre mit seinem Quintett mit Tomasz Stańko, Janusz Muniak, Jacek Ostaszewski, Adam Jędrzejowski dem Free Jazz öffnete. In den 1990er Jahren entstand mit dem „Yass“ erneut ein genuin polnisches Jazz-Phänomen. Diese lange Jazz-Tradition Polens lebt in einer vitalen und eigenständigen Szene bis heute weiter. Stars wie Anna Maria Jopek, Lezek Możdżer und vor allem der Altsaxophonist Maciej Obara mit seinem Quartett gastierten im Bremer Konzerthaus Die Glocke. Die eigentlichen Entdeckungen konnte man dagegen in den Showcase-Konzerten in den Messehallen und im Kulturzentrum Schlachthof machen.
Das eigenwilligste Konzept war sicher das des World Orchester von Grzech Piotrowksi. Zur Eröffnung der Messe hatte er einen Bruchteil seines bis auf 200 Mitwirkende erweiterbaren Orchesters dabei. Der Crossover-Klangkörper – dirigiert von Piotrowski nach Kapellmeisterart am Saxophon – bot diversen Sängern und Solisten ein Podium. Damit ist das Konzept auch schon beschrieben: Solisten können sich sozusagen weltweit in das Orchester einkaufen – das Konzept ist flexibel, Arrangements und Stückauswahl werden aufeinander abgestimmt.
Das World Orchestra diente auch als polnischer Jazz-Pool: So waren die vier Stimmen des Atom Streichquartett gleichzeitig auch Mitglieder im Orchesterklangkörper. Der Poolgedanke reichte noch weiter ins Showcase-Programm der Polish Night: Bassist Max Mucha spielte sowohl mit im quirligen Elektro-Experimental-Jazz der Pianistin und Komponistin Joanna Duda und legte aber auch mit seinen schwarzen Basssounds das Fundament für das berückende Singer-Songwriter-Programm der charismatischen Sängerin Monika Borzym. „Echten“ Jazz mit großartigen Virtuosen und neuen Konzepten boten die Pianisten Kamil Piotrowicz (im Sextett) und Piotr Orzechowski mit seinem High Definition Quartet. Insbesondere Orzechowski war der klingende Beweis für die Fortexistenz des modernen Polski Jazz auf höchstem Niveau.
Mehr zur jazzahead, insbesondere zu den weiteren Konzerten sowie zum Musikvermittlungssymposium „Jazz für Kinder“, in der nmz Mai 2018.