Berlin ist eine der wenigen Metropolen, die kein Theatermuseum besitzt, obgleich doch in Berlin, wie in kaum einer anderen deutschen Stadt, Theatergeschichte geschrieben und auch die Bühnentechnik revolutioniert wurde. Die rührige Initiative TheaterMuseum Berlin e. V. bemüht sich seit einigen Jahren intensiv darum, Räume und Möglichkeiten für eine Finanzierung und zum Aufbau eines Theatermuseums zu finden. Ein derartiges Theatermuseum, wie es die jüngste Produktion der Deutschen Oper Berlin vorführt und damit gleichzeitig die Stagionewelle von der Staatsoper – derzeit in der Bismarckstraße schräg gegenüber – auf die eigene Bühne schwappen lässt, sollte damit aber nicht gemeint sein.
Das Melodramma eroico in due atti „Tancredi“ war 1813, im Geburtsjahr Richard Wagners und Giuseppe Verdis, der erste Versuch des damals gerade 21-jährigen Gioacchino Rossini in der Gattung der Opera Seria, und auch sogleich erfolgreich.
Die im Jahre 1005 in Syrakus spielende Handlung dreht sich um die Befreiung von den Sarazenen und um eine erst in der Schlussszene aufgeklärte, politische und persönliche Missdeutung eines Liebesbriefes, den Amenaide ohne Adresse an ihren Geliebten Tancredi gerichtet hatte. Die auf Voltaires Tragödie „Tancrède“ von 1760 fußende Szenenfolge durfte aber erst in Rossinis zweiter Fassung – ebenfalls im Jahre 1813, in Ferrara uraufgeführt – tragisch enden.
In Personalunion von Ausstatter und Regisseur hat Pier Luigi Pizzi diese Oper im Jahre 1999 für das Rossini-Festival in Pesaro klassisch weiß marmorisiert. In seiner realistisch nachempfundenen Mammutdekoration werden steinerne Möbel auf Schienen hereingefahren und an Seilen wieder weggezogen, teil als eine im Spiel stillschweigend übersehene Raumveränderung, teils aber auch von den Protagonisten – wie beim Erscheinen eines quaderförmigen Fundaments – wahrgenommen und wunderlich rezipiert. Vier schwarz gewandete Statisten ergänzen dann dieses Fundament mit vier Gitterwänden nach dem Muster eines Raubtierkäfigs in der Circusmanege zu einem Gefängnis für die politisch von ihrem Vater zum Tode verurteilte Amenaide. Noch sinnstörender im Handlungsablauf sind jene Umbauten, bei denen die Rückwand während des Geschehens im 30-Grad-Winkel abkippt, um sich unter die Bühnenschräge zu schieben bzw. im Gegenzug wieder hochzufahren.
Dieser Premiere den Begriff „Neuinszenierung“ angedeihen zu lassen, wäre ein Hohn, insbesondere an einem Haus, an dem Götz Friedrich einige Dezennien lang internationale Maßstäbe für Musiktheater gesetzt hat. Um so peinlicher, dass dieser Berliner Premierenabend ungebrochene Ovationen eines spezifischen Publikums erntet, welches diese möglicherweise sogar ostentativ, bewusst einer Nicht-Inszenierung angedeihen lässt.
Sinnvoller und auch ehrlicher wäre es gewesen, die Deutsche Oper hätte sich den Schwertransport aus Italien für die nur vier angekündigten Aufführungen von Rossinis „Tancredi“ erspart und hätte auch diese Partitur konzertant dargeboten. Denn musikalisch leisten das Orchester und der von William Spaulding einstudierte Herrenchor der Deutschen Oper Berlin unter Altmeister Alberto Zedda, dem Leiter des Rossini-Festivals und der Accademia Rossiniana in Pesaro, Beachtliches.
Patrizia Ciofi die jüngst auch in der konzertanten Produktion der „Perlenfischer“ voll überzeugt hatte, spielt gegen das sinnentleerte szenische Ambiente mit Intensität an. Schon während des zweidreiviertelstündigen Abends erntet sie als Amenaide immer wieder lang anhaltende Ovationen für ihre belcantistischen Koloraturen, auch wenn sie nicht jeden Ton gleich überzeugend zu produzieren vermag. In der Hosenrolle des Tancredi erweist sich die israelische Mezzosopranistin Hadar Halévy als ein in der Alt-Tessitura warm strömender, körperlich glaubhafter Haudegen. Ein vergleichsweise zartes, aber sauberes Stimmchen setzt Hila Fahima für die kleine Hosenrolle des Roggiero ein. Mit satten Klängen stattet die französische Mezzosopranistin Clémentine Margaine wohltimbriert die Partie der Dienerin Isaura aus. Flach bleibt der sibirische Tenor Alexey Dolgov als Amenaides Vater Argirio. Stimmlich obsiegt der polnische Bariton Krzystof Szumanski als sein kahlköpfiger Gegenspieler Orbazzano.
Was aber – außer dem Fredericus Rex, und im Vorjahr des Verdi- und Wagner-Jahres – könnte die Deutsche Oper bewogen haben, diesen zwölf Jahre alten Koloss, museal arrangiert von Lorenzo Nencini und Günther Kittler, nach Berlin zu holen? Erst im Jahre 1977 hatte in Houston die Wiederaufführung des tragischen Finales von „Tancredi“ stattgefunden, das seither in Aufführungen bisweilen mit dem lieto fine kombiniert wird. Im Jahr der Tricentennar-Feierlichkeiten für Friedrich den Großen liegt in Berlin die Wahl der Voltaire gemäßeren Fassung nahe. Mit seiner breiten Sterbeszene scheint Rossini die entsprechende Praxis Verdis zu antizipieren. Und dass Richard Wagner von Rossinis melodischem Reichtum beeindruckt war, ist bekannt. Darüber hinaus stellt das Berliner Programmheft die Behauptung auf, der Chor der Schneider auf der Festwiese der „Meistersinger“ sei „eine Parodie der Eingangs-Kavatine aus ‚Tancredi’“. In meinen Ohren klingt der Chor „Als Nüremberg belagert war“ deutlich anders als Rossinis Cabaletta von Tancredis Auftrittsarie, „Di tanti palpiti“; eine gewisse Ähnlichkeit mag nachvollziehbar sein, aber – im Gegensatz zum Parodieverfahren in der Kirchenmusik – bedarf die Parodie im Musiktheater einer sinnstiftenden Funktion. Die jedoch ist weder zu sehen, noch zu hören.
Weitere Aufführungen: 26. Januar, 1. und 4. Februar 2012.