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Titelseite der nmz 2017/05.
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Raus aus Aus

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Theo Geißler über eine produktive Streitkultur in der Musik
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Ausnahmsweise starte ich mit fremdem Federschmuck – mit einer Fabel von Äsop: „Die Glieder des Körpers fingen einst mit dem Bauch einen Prozess an und verlangten, dass er gleich den übrigen Gliedmaßen arbeite, wenn er ernährt sein wollte. Er forderte, dass er Speise bedürfe, aber die Hand schlug sie ihm ab. So verfiel er bald in große Mattigkeit. Durch die Hungersnot des Magens, litten auch die übrigen Glieder. Zu spät erkannten sie ihren Irrtum. Die Hand wollte dem Magen Speise zuführen: Allein er war zu sehr geschwächt und konnte sie nicht annehmen. Er ging zugrunde und alle übrigen Glieder des Körpers starben mit ihm.“

Nun, ganz so übel steht es um die geistig-körperlich-verdauungstechnische  Verfasstheit unseres Musiklebens noch nicht. Dennoch ist festzuhalten, dass stilistisch und programmatisch im Konzert unseres angeblich kulturellen Vorbild-Staates ein Monochord Marke MINT zunehmend den Solopart übernimmt. Da bejubelt unsere Wirtschaftsministerin gerade die Kür einer deutschen Astronautin verbunden mit der Zusage, deutlich mehr Gelder in die technologische Ausbildung von Mädchen zu pumpen. Unsere Kanzlerin sieht die Zukunft unserer Gesellschaft im roboterisierten Umfeld einer „Society 5.0“ nach japanischem Vorbild. Über den demnächst stattfindenden „Tag der Musik“ werden aus Politikermund dann allenfalls die bekannten konsequenzarmen Streichelworte verloren.

Mag sich die Musikwirtschaft derzeit herzlich über wachsende Umsätze, mögen sich die Musikschulen über höhere Schülerzahlen freuen: Fakt bleibt – das einstige polyphone Orchester Deutschland ist zunehmend mit digitalen Instrumenten besetzt, wird von Börse und Banken dirigiert. Das wirkt sich elementar auf die Wertschätzung unserer Bürger für alle Formen und Stufen musikalischer Bildung aus, die – da dürfte Konsens herrschen – Grundlage eines wirksam in die Gesellschaft ausstrahlenden Musiklebens ist. Zu solcher Vitalität gehören selbstverständlich kritische Betrachtungen der eigenen Entwicklung, Diskussionen bis hin zum Streit. Öffentlich – beispielsweise in unserem Blatt – ausgetragen, sorgen sie für Standortbestimmungen, die Koalitionen und Zukunftsvisionen möglich machen. Sie sind ein Beispiel für gelebte Demokratie, an dem sich die in verlogenem Harmonie-Schleim ersaufende Politik gut eine Scheibe abschneiden könnte.

Leider birgt die hochengagierte und im Detail sicher hochkompetente Struktur-Vielfalt unserer noch artenreichen Musiklandschaft das Risiko des Tunnelblickes speziell auf das eigene, leider allzu oft eifersüchtig gehegte Feld. Das führt zu energieverzehrenden Grenzkonflikten und lenkt ab von der gemeinsamen Wertehaltung, von der Notwendigkeit, sich im MINT-Land zu behaupten, durchzusetzen. Um aus dem „Tag der Musik“ das „Jahr der Musik“ zu formen, bedarf es der Kulturkompetenz aller beteiligten Akteure. Dazu gehört – es mag aus meiner Feder verwundern – nicht allein die Befestigung des eigenen Standpunktes, sondern Offenheit, Gesprächsbereitschaft, vielleicht gelegentlich ein konstruktiver Kompromiss. Höchste Zeit für einen großen runden Tisch, wobei die nmz ganz sicher im Prinzip viereckig bleibt, sich gelegentlich aber auch mal einrollen lässt und so als Lautsprecher dienen kann.

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