Unsere Nische schrumpft. Das gesamtgesellschaftlich betrachtet kleine Winkelchen, in dem sich hierzulande noch qualitätvolle Komposition, verantwortungsbewusste Musikpädagogik, ästhetisches Experiment, Pflege des gewachsenen Kulturgutes abspielen darf, wird ständig enger. Dabei behilflich ist der Zustand unserer gewählten Volksvertreter, die immer öfter ihre Entscheidungen in der Sache an die Quantität medialer Präsenz heften. Was fest auftritt, massenkompatibel ist, Hype generiert, wird gefördert. Qualität spielt zweite Geige letztes Pult.
So kippte kürzlich die Musikchefin des sogenannten Kultursenders MDR-Figaro, Angela Kaiser, eine fest vereinbarte Produktion von Werken Erwin Schulhoffs mit dem Argument, diese Musik sei nicht senderelevant. Was für den Mitteldeutschen Rundfunk, der zur niveaulosen Juxbude der ARD verkommen ist, bei seinem aktuellen Zustand durchaus zutreffen mag. Sendeplätze für zeitgenössische Musik oder Oper wurden rigoros eingedampft. Weshalb für solch quotengesteuertes Kleinhirn-Programm noch Rundfunkgebühren anfallen, darf man laut rätseln. Doch das tut fast niemand. Fast niemand registriert mehr, dass der „Echo“, selbsternannt „wichtigster deutscher Musikpreis“, eine in jahrelanger emsiger Lobby-Arbeit ins öffentlich-rechtliche Abendprogramm gehievte Werbekampagne der Musikindustrie ist, bei der sich die Companies gegenseitig in Anwesenheit der musikalischen Talmi-Prominenz die scheußlichen Trophäen zuschanzen. Gegen solch eine Big-Show samt Thomas-Gottschalk-Glamour wirkt der seriöse und kompetenzgetragene „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ in der öffentlichen Wahrnehmung wie eine graue Maus. Mit den eingangs genannten „kultur“-politischen Konsequenzen.
Wie verhalten sich die Repräsentanten unseres seriösen Musiklebens, die Vertreter kultur- und bildungs-orientierter Verbände zu solchen teils plumpen, teils geschickten Kommerz-Deformationen unserer Zivilgesellschaft? Die einen ziemlich wirkungslos: Da werden seitenlange Berliner oder Rheinsberger Appelle formuliert, Resolutionen mit mächtig moralischen Überschriften entworfen. Solche Appellizitis verursacht allenfalls kurze mediale Strohfeuer. Andere versuchen, die offensichtlich erfolgreichen Maschen der Kommerzglanz-Produzenten zu imitieren. Schon mangels Masse meist mit wenig Erfolg und groben Ausrutschern in die Kuhfladen der Peinlichkeit.
Was fehlt ist eine gemeinsame, klare Haltung zu den Degenerationserscheinungen unserer Kultur-Zeit. Unter vorhandenen gemeinsamen Dächern herrscht aber Familienkrach. Eifersucht, Partikularinteressen, falsche Rücksichtnahme, mangelndes Selbstbewusstsein: In solch verkrampfter Muskulatur wächst keine laute Stimme. Es wird Zeit für eine große Allianz der fantasievollen Pragmatiker. Der Deutsche Kulturrat – bislang auch nicht gerade ausgewiesene Heimat kultureller Solidarität – schenkt sich zu seinem dreißigsten Geburtstag eine Satzungskommission mit dem Ziel einer Reform an Haupt und Gliedern. Wir wünschen Erfolg wenigstens lutherischen Ausmaßes.