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Oper unter der Brücke: Michaela Schneider und Tereza Chynavova in Daniel Otts Musiktheater. Foto: Staatsoper Stuttgart
Oper unter der Brücke: Michaela Schneider und Tereza Chynavova in Daniel Otts Musiktheater. Foto: Staatsoper Stuttgart
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Uraufführung von Daniel Otts „Paulinenbrücke“ am Originalschauplatz in Stuttgart

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Zwei Frauen sind unter der Stuttgarter Paulinenbrücke gestrandet. Ihr Auto haben sie gegen einen Betonpfeiler gefahren. Ihre Wohnung in der Paulinenstraße können sie nicht beziehen. Der Vermieter ist verschwunden, kein Schlüssel da. Die Unbehausten irren mit Vogelkäfig und Gummibaum bepackt orientierungslos auf dem unwirtlichen Areal herum, treffen auf einen Märchen erzählenden Dönerverkäufer und eine Souvenirs verteilende Parkwächterin im Hirschkostüm.

Nach der Logik des Traumes erzählt und inszeniert der Schweizer Komponist Daniel Ott, Experte für experimentelles Musiktheater, seine Geschichte von der Paulinenbrücke, jenem tristen Stuttgarter Bauwerk, das vor 50 Jahren in die kriegszerstörte Paulinenstraße hineinoperiert wurde, um mehrspurig Platz zu schaffen für den expandierenden Autoverkehr. Ein Betonmonstrum, ein menschenfeindlicher Fremdkörper, der das Herz der Stadt zerschneidet.

Daniel Otts Musiktheaterstück „Paulinenbrücke“ wurde jetzt am Originalschauplatz uraufgeführt. Es ist nach „U-Musik. Bunker“ – in dem ein unterirdischer Stuttgarter Schutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg als Spielort diente – der zweite Teil einer Stadttrilogie, mit der die Staatsoper Stuttgart innerhalb ihrer Reihe „Zeitoper“ Unorte im öffentlichen Raum zu theatralem Leben erweckt. Ein Projekt, das von Dramaturg Xavier Zuber und seiner Künstlergruppe Vereinigte Hüttenwerke konzipiert und mitinszeniert wird.

Die Paulinenbrücke könnte die Gegenwart nicht besser symbolisieren – niemand weiß genau, was hier geschehen wird: Die geplanten „Verschönerungsmaßnahmen“ des Areals sind eingestellt worden. Vielleicht wird die Brücke abgerissen, um Bürogebäuden und einem Einkaufszentrum Platz zu machen. Die Tankstelle unter der Brücke, ehemals beliebter Treffpunkt von Junkies, Obdachlosen und sich ins Koma trinkenden Jugendlichen, gibt es schon nicht mehr. Bauzäune markieren die Brache.

Unter der Paulinenbrücke, mitten im lärmenden Autoverkehr, fühlt sich das Publikum nicht weniger desorientiert als die beiden Protagonistinnen (Michaela Schneider, Tereza Chynavová). Zwischen Betonpfeilern, Riesenparkplatz und Tiefgarage, flankiert von den Resten der alten Paulinenstraße und ihren Etablissements, lässt man sich von den Ohren leiten, läuft den Klängen hinterher: Dem Knall der Autocrashs, den schrillen Stimmen der Sängerinnen, dem Marsch der Hedelfinger Blaskapelle, den perkussiven Attacken auf Verkehrsschilder, den Tonschichtungen unterschiedlicher Instrumentengruppen des Staatsorchesters, die unter und um die Paulinenbrücke positioniert sind (musikalische Leitung: Stefan Schreiber).

Die Klänge führen zu den Menschen, zu den einzelnen Stationen des Dramas: Zum Bürgermeister (Rudolf Guckelsberger), der in seiner Rede zur Einweihung der Brücke 1960 ironiefrei prophezeit, sie werde „den Ruf von Schwabens Hauptstadt als das schönste Florenz festigen“. Zu Herrn K (Karl-Friedrich Dürr), der vom früheren Glanz des Prachtboulevards Paulinenstraße berichtet, den Abriss der Brücke fordert und zum Widerstand gegen die Stadtplaner aufruft. Zum Demonstrationszug, der mit Pauken und Trompeten zum Rondell des Österreichischen Platzes leitet, wo Frau B (Leandra Overmann) zum finalen Klagegesang anhebt.

Im Vakuum des Ortes verschmelzen Daniel Otts kleine Dramen um die Sehnsucht nach dem Alten, die ungeduldige Erwartung des Neuen und die desolate Gegenwart zu einem großen assoziationsreichen, klingenden Ganzen, das das Zeitgefühl in einen eigenartigen Schwebezustand versetzt: Die Zeit scheint stillzustehen in diesem Schattenreich im Herzen der Stadt.

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