Ein besonderes Konzert, das mit Stille begann und endete. Zu Beginn erinnerte Staatsintendant Nikolaus Bachler mit wenigen, gemessenen Worten an am Freitag verstorbenen Wolfgang Sawallisch, den langjährigen GMD und Operndirektor der Bayerischen Staatsoper. Das Publikum im ausverkauften Nationaltheater erhob sich zu einer Gedenkminute. Alle Beteiligten widmeten die folgende Aufführung dem Verstorbenen.
Eigentlich hätte das Gedächtniskonzert eher „weit-tönend“ beginnen müssen. Denn es soll über den 200.Geburtstag Giuseppe Verdis im Oktober dieses Jahres eher an seine endgültige Beerdigung erinnern. Nach Verdis Tod am 27.Januar 1901 wurde am 27.Februar sein Sarkophag an seine endgültige Ruhestätte überführt: durch die Straßen Mailands in vielleicht Verdis human größtes „Opus“, in die Kapelle des von ihm gestifteten und von seinen Tantiemen bis heute erhaltene Heim für alte und mittellose Musiker oder Sänger, die „Casa di Riposo“ – und über 300 000 Menschen säumten die Straßen, Arturo Toscanini gab die Einsätze und die Menschen sangen Italiens „zweite“ Nationalhymne „Va pensiero…“ – Flieg, Gedanke auf goldenen Schwingen“, Verdis schönsten Opernchor aus seiner Oper „Nabucco“.
Im Nationaltheater dirigierte nun Zubin Mehta – mit herzlichem „Heimkehr“-Beifall begrüßt – Verdis „Messa da Requiem“. Es wurde aus all den genannten Gründen ein anrührendes Konzert, das kleinliche Musikkritikerei unangemessen erscheinen lässt. Also beiseite gelassen, dass Bass Kwangehul Youn nach viel Wagner nun doch etwas tremoliert und die Stimme nicht immer leicht anspricht, dass Tenor Joseph Calleja mit seinem erfreulichen Obertonreichtum und der seiner leichten Höhe vieles fast trompetenhaft übertönt. Viel erfreulicher war, dass Zubin Mehta - der ja oft hochemotionale und folglich fulminante Verdi-Dirigent - sich Verdis zentralen Wunsch zu eigen machte: „…dass diese Messe nicht wie eine Oper gesungen werden darf und dass also die Phrasierungen und Dynamik, wie sie auf dem Theater angebracht sind, mir hier nicht, aber auch schon gar nicht zusagen.“
So begann das „Requiem aeternam“ mit beseeltem Pianissimo - und das kehrte oft wieder. Statt schwelgerischer „Italianità“ hatte Mehta das Staatsorchester zu straffem, fast an Toscanini erinnernden Streicherklang geformt, hatte die vier Tutti-Schläge des „Dies irae“ zwar wuchtig aufgetürmt, aber auch fabelhaft präzise Taktschlüsse mit anschließender Stille einstudiert, womit auch der gleichfalls differenziert von dreifachem Piano bis zu herrlichem Fortissimo abstufende Staatsopernchor in Sören Eckhoff Einstudierung beeindruckte.
Das Solistenquartett harmonierte und im „Quaerens me“ mischten sich Krassimira Stoyanovas Sopran und Ekaterina Gubanovas Mezzosopran betörend zu fast einer Stimme. Mehr als in einer Interpretation, die etwa an Michelangelos „Jüngstes Gericht“ erinnerte, dominierte als durchgängiger Eindruck der eines humanen „Flehens“. Anrührend gelang dies Krassimira Stoyanova im abschließenden „Libera me“. Verdi wurde im scheinbar altmodischen Klanggewand des 19. Jahrhunderts zu einem nahen Menschen, der in einer disparaten, aus den Fugen geratenen Welt einer eher utopisch anmutenden Hoffnung und einem Sehnen nach einer über allem Unrecht stehenden Gerechtigkeit Wort und Ton verleiht. Nach dem Verklingen im Piano, auch nachdem Mehta die Hände gesenkt hatte, lange Stille – Verdis Intention und dem Gedenken angemessen, danach „tristanischer“ Jubel.