Als Intendant des Deutschen Radio-Symphonie-Orchesters in Berlin hatte Peter Ruzicka von 1979 bis 1987 mit inhaltlichen Schwerpunktprojekten – unter anderem auch für damals aufführungspraktisch unterbelichtete Komponisten wie Siegfried Wagner und Hans Pfitzner – neue Impulse geschaffen. Sein Vorgehen hatte sich als orchesterdramaturgisch richtungweisend erwiesen, und seine Praxis war rasch von anderen Klangkörpern übernommen worden.
Der nachmalige Intendant der Hamburger Staatsoper, der Münchner Biennale für neues Musiktheater und der Salzburger Festspiele, war dann wiederholt als Dirigent zu jenem Orchester zurückgekehrt, das schon im Mai 1971, drei Jahre vor Amtsbeginn des Intendanten, erstmals eine Komposition von ihm zur Uraufführung gebracht hatte.
Ein neues Programm mit dem DSO unter Ruzickas Stabführung sollte daher programmatisch und inhaltlich den Bogen schlagen zwischen Weltbühne, Bühne und Konzertsaal. Dafür kombinierte Ruzicka zwei Werke von Beethoven mit zwei eigenen und wählte den im selben Jahre wie Beethoven geborenen Friedrich Hölderlin, auch Thema von Ruzickas zweitem Bühnenwerk, als gemeinsamen Nenner.
In der kurzen Ouvertüre zu Kotzebues „König Stephan“ aus dem Jahre 1812, sucht der Dirigent bei allem Wohlklang die den französischen Freiheitsidealen verpflichtete Reibung von höfischer und populärer Musik in Beethovens zunächst tonal unbestimmtem Rahmen. Noch deutlicher manifestiert sich diese Lesart in Ruzickas Interpretation von Beethovens erstem Klavierkonzert: revolutionäre Direktheit im Spiegel klassischen Formenbewusstseins, gipfelnd im skurrilen Finalsatz, einem multiplen Tanz als Befreiung. Ruzickas eher ruhige Stabführung evoziert szenische Kraft; beim geradezu dialektischen Aufgreifen der Themen zwischen dem Orchester und der adäquaten Tastenvirtuosin Elena Bashkirova erweist er sich als Klang-Spielführer.
Maelstrom, den Namen eines Strudels, der durch gegenläufige Strömungen entsteht, hat Ruzicka für die symphonische Paraphrase auf seine Oper „Hölderlin. Eine Exposition“ gewählt. Doch anders als in der Oper, entwickelt sich der beständige Wechsel musikalischer Klangströme hier in einer eigenen „Dramaturgie nicht-linearen musikalischen Fortschreitens“ (Ruzicka). Das dreifache Holz und Blech, mit vier Hörnern und vier Tuben, ist erweitert um Pauken und ein umfangreiches Schlagwerk für vier Spieler. Auch Harfe, Klavier und Celesta bilden im Wirbel von Streichern und Bläsern schillernde, irisierende Lichtpunkte. So wird das Bild des rasenden Wirbels zu einer Sicht des inneren Stillstands, in dem einzelne Klangreize – etwa die sanft berührten Styroporblöcke – nachhaltige Eindrücke schaffen.
Jene „Ereigniszustände“ des „Maelstrom“, wie auch das vom Dirigenten herausgearbeitete tänzerische Aufbegehren bei Beethoven, finden ihre Überhöhung in der nachfolgenden Uraufführung: „Symphonische Fantasie aus der Oper ‚Die Frau ohne Schatten’, nach der Originalbesetzung der Oper adaptiert von Peter Ruzicka“, – ein Titel, so lang, wie ihn sonst nur Henze pflegt. Strauss’ Sinfonische Phantasie aus dem Jahre 1946 gibt Hofmannsthals Handlung linear wieder, wobei die Gefühlswelt des Färberpaares über die von Kaiserin und Kaiser dominiert. Die musikalische Erzählung beginnt mit dem auch die Oper eröffnenden Thema „Keikobad“, springt dann rasch, Meerberge hinan, zum Schlussakt und gipfelt in der Apotheose der wiedergefundenen Paare und ihrer Ungeborenen. Der Hörer kannte das Werk bislang nur in Strauss’ eigener, die Klangpracht der Oper reduzierender Orchestrierung.
Außer einigen satztechnischen Veränderungen bei Szenenübergängen, hat Ruzicka nunmehr die Opulenz des Orchesterklangs, analog der Opernpartitur, mit vierfachem Holz, acht Hörnern und sechs Trompeten, zwei Celestas, zwei Harfen, Orgel, Glasharmonika und groß besetzten Streichern, retouchiert. Diese um zahlreiche Reizwirkungen von Ruzickas Wirbelklängen angereicherte Welt des Strauss’schen Schönklangs versöhnt das Publikum mit der Moderne: Provozierte die Erstaufführung des „Maelstrom“ auch einen heftigen Buhruf, so zollte das Publikum am Ende des Konzerts in der nahezu ausverkauften Philharmonie dem bestens disponierten DSO und seinem Komponist-Dirigenten einhelligen Zuspruch.