Vor elf Jahren am 24. Juli 2009 verstarb Reinhard Schulz, unser leitender Redakteur für Musik und Kultur, nach langer und schwerer Krankheit. Er fehlt uns immer noch und immer wieder, wenn gerade die politische und kulturelle Welt deutlich aus den Fugen gerät.
Wolf Loeckle widmete ihm damals einen Nachruf „Differenzierende Genauigkeit, Offenheit für theoretische Ansätze und musikalische Umsetzungen waren der Qualitätsstandard der Schulz‘schen Urteile.“
„Was schwach war nannte er schwach und was gut war sagte er auch, in fast immer zwingender Begründung. Und wenn das Mitdenken bei uns nicht auf Anhieb klappte, lernten wir auch davon und daraus - beim immer wieder neu denken. Das müssen wir ab sofort dauerhaft und auf unabsehbare Zeit ganz alleine leisten. Die Scherben dieser nun zerbrochenen Liebe halten die Erinnerung an diese Zuneigung, an diesen wahrhaft unvergleichlichen Menschen im Bewusstsein. Und erinnern in ihrer bruchstückartigen Gestalt daran, dass eine wahrhaftige Liebe eben doch nicht zerbrechen kann.“ (Wolf Loeckle auf nmz.de)
2008 noch prognostizierte Reinhard Schulz: Es „steht zu befürchten, dass ein profundes, kritisches Betrachten musikalischer Entwicklungen zur Randexistenz verkümmert. Fachfremde Journalisten (in der Regel sehr sprachbegabt, flott und mit spitzen Formulierungen schreibend) nehmen sich immer mehr der musikalisch als Großereignis eingestuften Veranstaltungen an und berichten über sie aus der Haltung des Szenebeobachters heraus. Die Musik wird nach ihrer Wirkung auf das versammelte Publikum hin befragt, eine kritisch analytische Sichtung der Struktur, ihrer Potenziale, ihrer Stellung zum ästhetischen Denken der Zeit fällt demgegenüber unter den Tisch. Und somit droht sich langsam die ganze Landschaft zu verändern. Sätze wie ‚Ich muss über Musik nicht nachdenken, sie soll mir einfach gefallen‘ werden unhinterfragt übernommen und setzen sich in den Köpfen der Veranstalter, der Musiker und nicht zuletzt der Hörer fest: zudem mit der Überzeugung, das musikalische Geschehen wieder auf seine Grundvoraussetzungen zurückzuführen. Es ist ja wirklich so: Musik muss gefallen, sonst wäre der Konzertbesuch eine Selbstkasteiung und etwas für Masochisten. Aber das Gefallen ist eine in sich widersprüchliche Einheit, impliziert auch die Reflexion und verkümmert, wenn es allein beim Wellness-Feeling bleibt.“
Dass man es sich damit nicht zu einfach macht, dafür will auch ein Preis Sorge tragen, der explizit junge Musikjournalistinnen und -journalisten gewidmet ist und seinen Namen trägt: Zu den bisherigen Preisträgerinnen und -trägern gehören Patrick Hahn (2012), Benedikt Leßmann (2014), Theresa Beyer (2016), Leonie Reineke (2018) und Friedemann Dupelius (2020).
Aktuell betrifft es auch wieder die neuesten Entwicklungen der Radiolandschaft, die er 2003 folgendermaßen geißelte: „Denn ob die Lulu-Kritik zwischen einem Stamitz-Allegro und einer Händel-Hornpipe steht oder erst eine Stunde später zwischen Dittersdorf und Reicha (oder gar nicht), das weiß man nicht. Das was man finden will, findet man nicht, das was man ganz hören will (auch solche Hörer gibt es noch!), hört man nicht. Fazit: Das, was man einschalten will, schaltet man erst gar nicht ein.“
Gerhard Rohde hat damals in der nmz den Nachruf verfasst. Er schreibt dort: „Der Tod von Reinhard Schulz trifft viele Institutionen schwer, besonders aber die neue musikzeitung, die für ihn über zwei Jahrzehnte hindurch das Zentrum seiner vielfältigen Aktivitäten bildete. Er war die kritische Autorität, nicht nur für die Neue Musik, sondern für die Musik überhaupt. Mit größter Sorgfalt und Aufmerksamkeit gestaltete er den Phonoteil der nmz, hier erfuhr man alles über zahlreiche Neuerscheinungen, von denen man in den so genannten Feuilletons nichts las. Der Kritiker Schulz (…) gehörte zu den immer weniger werdenden Persönlichkeiten, die, gestützt auf ein großes Wissen und eine lange, tiefe Erfahrung, ihre kritische Meinung noch frei und unabhängig von irgendwelchen institutionellen Rücksichten und Vorschriften äußern und niederschreiben können. Der Tod von Reinhard Schulz bedeutet auch einen Substanzverlust für die ganze Musikkritik, deren zunehmende Boulevardisierung bedenkliche Dimensionen angenommen hat. (…) Mit Reinhard Schulz gemeinsam zu arbeiten, Pläne zu entwickeln, über den Zustand der Musik, der Medien, der Gesellschaft überhaupt zu debattieren – Schulz vertrat bis zuletzt unerschütterlich „seine“ linken Positionen, weil er in diesen trotz aller negativen realen Erfahrungen die Substanz für eine menschlichere, gerechtere Welt sah – diese Gespräche mit Reinhard Schulz waren stets von einem hohen geistigen Anspruch getragen, wobei auch das Vergnügen nicht zu kurz kam, in Form von pointierten Zuspitzungen und Übertreibungen. Schulz konnte herrlich lachen. Er bewahrte sich beim Anhören und Studieren von Musik immer auch die Sinnenfreude, die gute Musik im reichen Maße verströmt.”
In einem speziellen Dossier hat unser Chefredakteur Juan Martin Koch einige besonders wichtige Texte aus seiner Arbeit für die nmz zusammengestellt.