Unmögliches wird sofort erledigt, Wunder dauern etwas länger. Ungefähr 300 Jahre nämlich. Dann aber ist es soweit. Eine eigentlich verlorene, 1729 entstandene Bach’sche Begräbniskantate, erfährt nach einer Rekonstruktionsgeschichte von einhundertvierzig Jahren eine bewegende Wiederaufführung. Schauplatz: Kammermusiksaal im Deutschlandfunk, Forum Alte Musik.
„Wir haben nichts, was uns für diesen vielleicht auf immer eingetretenen Verlust entschädigen kann.“ So klagte noch Bachbiograph Philipp Spitta. Das denkwürdige Konzert von Lautten Compagney Berlin, Theatre of voices und Capella Angelica unter Wolfgang Katschner beim Kölner Forum Alte Musik hätte ihn mit Sicherheit getröstet.
Doch von vorn: Im November 1728 werden mit dem überraschenden Tod des Fürsten Leopold die Flaggen in Anhalt-Köthen auf Halbmast gesetzt. Bach, mittlerweile Leipziger Kirchenmusiker, ist tief getroffen, weiß er doch genau, was er Leopold verdankt. In Diensten seines Fürsten hatte er sich für mehr als fünf Jahre beinahe ausschließlich mit der instrumentalen Kammermusik befassen können. Jetzt, mit Leopolds Tod sieht er sich noch einmal herausgefordert, schreibt auf einen Text von Picander eine Begräbnismusik, in der er, wie es Spitta so schön ausdrückt, „seine ganze Kraft zusammennimmt“. Es entsteht die Köthener Trauermusik (BWV 244a), von der heute bis auf das Libretto allein die Begeisterung des ersten Bachbiographen Johann Nikolaus Forkel geblieben ist, dem letzten Besitzer der Partitur. Letztere verschwindet nach Forkels Tod spurlos.
Doch bevor man sich in der Bachgemeinde mit dem Verlust abfindet, entdeckt der spätere Thomaskantor und Mitherausgeber der ersten Gesamtausgabe Wilhelm Rust Parodiebezüge zur Matthäus-Passion (BWV 244) sowie zur Trauer-Ode für Kurfürstin Christiane Eberhardine (BWV 198). Daran orientieren sich erste Teilrekonstruktionen, in denen die Rezitative allerdings noch gesprochen werden. Erst mit der Vermutung des Bach-Forschers Detlev Gojowy, wonach auch für die Accompagnato-Rezitative der Matthäus-Passion Parodiebezüge vorliegen, kommt das Verfahren wieder in Gang. Schließlich ist es am Weimarer Cembalisten und (nicht umsonst auch) gelernten Architekten Alexander Grychtolik, den Schlussstein einzufügen. Allein dort, wo der Notentext der Matthäus-Passion nicht hinreicht, ist er dazu übergegangen, Bachs Kompositionstechnik selbst zu rekonstruieren. Grychtolik, bei der Kölner Wiederaufführung selbst am Cembalo und einer Truhenorgel aktiv, möchte seine Ergänzungen wie seine Neuschöpfungen im Sinne eines „ästhetisch wie stilistisch geschlossenen Annäherungsversuchs“ verstanden wissen.
Das klingende Ergebnis war verblüffend. Nichts erinnerte in dieser inspirierten Aufführung an das grob Technische einer „Rekonstruktion“. Wer befürchtet hatte, im Kammermusiksaal des Deutschlandfunk einem Bach-Gerippe zu begegnen, das wie zur vorgerückten Geisterstunde an Fäden gezogen zum Laufen gebracht werden würde, sah sich angenehm überrascht. Alles, was Wolfgang Katschner seiner Lautten Compagney und der durch vier Solisten von Theatre of Voices verstärkten Capella Angelica entlockte, war aus Fleisch und Blut, hatte Stil und Charakter. Nur zu bereitwillig übernahmen die Interpreten den Puls eines federnden Dirigats, übersetzten es in ein berückendes Stück Musik. Was vor allem bezauberte, war das Unangestrengte, mit der sich die Musiker ihrer Aufgabe widmeten, den Fürsten zu verabschieden und sich gerade nicht in eine „Rekonstruktion“ zu verbeißen. Wahrscheinlich war genau dies der Grund, weshalb sie gelang respektive (da das Urteil der hohen Bachforschung noch aussteht) als beglückend gelungen empfunden wurde. Eine Sternstunde.
Hinweis:
Konzertmitschnitt Deutschlandfunk, 30.3., 21:05
Wiederholungskonzert der Lautten Compagney im Rahmen der Thüringer Bachwochen: Erfurt, Heizwerk, 19.4., 19:30