Nachdem die Sache gelaufen ist, wirklich gut gelaufen ist, kann ich die Geschichte jetzt endlich erzählen. Alles begann noch zu den guten Zeiten, als mein Boss, Wolfgang Schäuble, noch Innenminister war. [aus: politik & kultur 6-2012]
Für die Sicherheit im Lande zuständig nervte ihn das ständige Geflenne, das pseudokritische Dauergenöle unserer sogenannten Kulturschaffenden und Intellektuellen elementar. Er sei einst aus der Haut gefahren, als sein Vorgänger Otto Schily »den zweitdümmsten Satz des Jahrhunderts «, nämlich: »Wer Musikschulen abbaut schadet der inneren Sicherheit« raustrompetet hatte. »Diese Kultur-Kropfköpfe destabilisieren Deutschlands Moral mit ihrem verlogenen Illusions-Geschwafel – und unterstützt werden sie von einer weltfremden Medien-Meschpoke in den Feuilletons und Kulturmagazinen. Kann man da gar nix machen?«
My Masters Voice war mir Befehl. Ausgestattet mit einem üppigen Reptilienfond machte ich mich auf den Weg zum erkennbar modischsten Herausgeber des Blattes, hinter dem immer ein kluger Kopf steckt. Frank Schirrmacher befand sich auf seiner Redaktions-Yoga-Matte gerade in der Lotus-Kerzenhaltung, was auf eine ordentliche Durchblutung seiner Cerebralregion schließen ließ. In wenigen Sätzen und dank der Zusage einer Image-Kampagnen-Anzeigenserie der Bundesregierung konnte ich ihn sehr rasch überzeugen, dass das Kulturverständnis des FAZ-Feuilletons ein völlig verengtes, komplett überholtes sei. Das greise, die differenzierte Literatur-, Musik- oder Theaterkritik noch goutierende Publikum stürbe aus. Der Blick eines Leitmediums vom Range der FAZ müsse sich drastisch weiten. Finge Kultur nicht schon längst bei der wunderbaren Ausformung und Vielfalt des wenigzelligen Bärtierchens an? Sei dessen Gen-Struktur nicht eine Art Vorab-Urbild auch allen menschlichen Seins? Und dann das All, der Urknall, die schwarzen Löcher...
Ich brauchte nicht lange zu warten – und die im Umfang erweiterten Kulturseiten der FAZ strotzten vor viertel- und halbwissenschaftlichen Langriemen mit Titeln wie »Die Helix zu Zweidritteln fast entschlüsselt«, »Chromosomen-Manipulation – unser Weg in eine menschlichere Zukunft« oder »Antimaterie als Energiequelle unserer Urenkel«. Schluss mit abseitigen Traktaten über Martin Walsers ideologische Verirrungen oder Donaueschingens Klangwirrwarr. Allenfalls noch die eine oder andere süffige Thielemann-Eloge, die eine oder andere schmuddelige Immendorff-Skandalstory – Stoff wie ihn der modern geprägte Leser gern konsumiert.
Was zu erwarten war: In Nullkommanix zogen die anderen großen Blätter nach. Und die kleineren lernten sehr schnell, dass Agenturmeldungen über den Drogenentzug eines Rockstars oder Dieter Bohlens Nasenscheidewand-Probleme viel mehr Leser ziehen als bemühte Eigenberichte zur »Schneewittchen«-Premiere beispielsweise des
Regensburger Stadttheaters.
So, die erste Front war schon mal begradigt. Nun gings ran an die elektronischen Medien, wobei ich mich auf die verknöcherten Anstalten des öffentlichen Rechtes konzentrieren konnte. Sehr hilfreich war dabei die optische und inhaltliche Zubereitung des sogenannten europäischen Kulturkanales »Arte«. Hier hatten offensichtlich medienkompetenzfreie Proporzintendanten der Creme de la Creme erfolgloser Werbefuzzis und Grafik-Designer den Auftrag erteilt, »alles anders zu machen«. Das Erscheinungsbild – ein Verschnitt aus den Techniken von er-Jahre Videoclips, Super-Mario-Konsolen-Ästhetik und vermutlich auch computergenerierten Schafen, Mädchen-Schmollmündern und klug dreinblickenden Mauergeckos hat die charmante Anmutung spekulativer Jedermann-Avantgarde. Jedenfalls ein idealer medialer Laufsteg für die Sorte von Mode-Kultur, wie sie mein Boss Wolfgang für gesellschaftsverträglich hält.
Um die »Arte«-Inhalte muss ich mich nicht weiter kümmern. Da wechseln sich regelmäßig Beiträge französischer Randritzen-Voyeure und Haute-Coulture-Fetischisten mit den Versuchen deutscher Außenseiter-Spitzenreiter-Philosophen im Widerspiegeln des abseitigst letztlich Belanglosen optisch hoch raffiniert aufbereitet ab.
Mit einem Stapel Blu-rays, vollgepackt mit lizenzfreien Hightech-Ambiente-Clips und einem ordentlich gefüllten Topf in Sachen Produktionskosten-Zuschuss suche ich die Redaktionen von »ttt«, »aspekte«, »Kulturzeit«, »Capriccio« – und wie sie alle heißen – heim. Der Erfolg ist natürlich ein durchschlagender: Wenn Dieter Moor sich mal einem Sub-Phänomen wie dem angeblich im Niedergang befindlichen deutschen Chorwesen zuwendet, wird ein australischer Filmemacher eingeflogen. Der zieht dem knödelnden Hinterzartener Gesangsverein erstmal mit dem Bumerang einen ordentlichen Scheitel. Die »Kulturzeit« widmet ihr halbes Sendevolumen leicht larmoyant aber wertungsfrei dem hoch kunstaffinen Thema »Sicherungsverwahrung« – ein Stoff , der Wolfgang Schäuble bestimmt immer noch liegt. Und Bayerns Kulturmagazin »Capriccio« prüft die Dackeltauglichkeit Münchner Weißwurst-Häute. All das in clippig-geil-jugendlichem Outfit.
Was will man mehr. Schöner kann man Kultur als Phänomen der Alltäglichkeit doch wirklich nicht mehr abbilden. Was mir sofort den nächsten Auftrag einfährt: Jetzt soll ich die ohnedies schon recht zahnlos gewordenen Polit-Magazine wie »Report« oder »Panorama« von tendenziösen Grundhaltungen und Politiker-Diff amierungen reinigen. Es dürfen ruhig komplexe, unaufregende Stoffe verarbeitet werden, damit die Quote sinkt. Kein Problem – und für mich eine Chance, ein paar soziale Scharten auszuwetzen, die ich geschlagen habe: Her mit Euch, ihr gefeuerten Alt-Feuilletonisten, Großkritiker, Sachverständige in den Angelegenheiten von Kunst und Kultur...