Es ist wie beim Tsunami: Die Ministerpräsidenten der Länder werfen einen Spargroschen ins Wasser, die Wellenbewegung setzt sich fort und schreckt die Rundfunkintendanten samt deren Räten auf. Dadurch gewinnen die bewegten Wassermassen erst richtig an Fahrt und Höhe, und zuletzt, oder in diesem Fall auch zuerst, verschlingen diese die Menschen im Rundfunkmusikland, die Orchester und Chöre und alles, was zu einer innovativen, profilierten Musikkultur im Rundfunk gehört.
Eigentlich hat die neue musikzeitung zum aktuellen Thema das Wesentliche schon gesagt – siehe nmz 11/2004: „Die Rundfunkintendanten machen Geräusche“. Inzwischen haben sich die Geräusche zum Gefechtslärm gesteigert, und am lautesten tönt der Intendant des Südwestrundfunks, Peter Voß, aus seinem pensionssicheren Hauptquartier. Im letzten Dezember rief er zur Unterstützung seiner Absichten den Rundfunkrat des Senders ein und verteilte an deren Mitglieder ein umfangreiches Papier, in dem er seine inzwi- schen bekannten Thesen zur Kultur im Rundfunk darlegte. Damit die Diskussion nicht abstirbt, was sich manche Rundfunkgewaltige vielleicht erhoffen, veröffentlichen wir in dieser Ausgabe weitere Beiträge mehrerer Autoren zum Thema „Klangkörper des Rundfunks“. Reinhard Schulz beschreibt und kritisiert das Denken, das die gegenwärtigen Diskurse prägt (Seite 12: Was braucht der Mensch?) Die Zielrichtung seiner Kritik ist dabei klar: Auf seinen medienkritischen „Nachschlag“ zur Auflösung des Bayerischen Rundfunkorchesters (nmz 12/04-1/05) antwortet der Leiter der Abteilung Kommunikation beim Bayerischen Rundfunk, Andreas Geyer, in einem Leserbrief (Seite 9). Auf derselben Seite findet sich auch ein „Offener Brief“, den das Bundestagsmitglied Günter Nooke, Medienpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, an die ARD-Inten- danten Peter Voß (SWR) und Thomas Gruber (BR) schrieb. In Berlin hatte der Deutsche Musikrat zusammen mit dem Westdeutschen Rundfunk zu einer Podiumsdiskussion über die Rundfunkklangkörper geladen. Darüber berichtet Susanne Geißler auf Seite 8: Auslaufmodell. Schließlich ruft Max Nyffeler auf Seite 45 dem Kulturauftrag des Rundfunks ein kritisch-grimmiges „Adieu“ nach.
In den genannten Beiträgen, sogar im Leserbrief des BR-Kommunikators, finden sich genügend Argumente für eine konstruktive Diskussion. Was allerdings mehr und mehr verdrießlich stimmt, ist der wachsende Eindruck, dass die Rundfunkintendanten gar keine offene Diskussion über den Gegenstand „Klangkörper“ mehr wünschen. Sie erinnern dabei an Molières „Menschenfeind“, der seine Gesprächsabneigung mit dem Satz konterkarierte, er wolle „grimmig sein“ und „hören möge er nicht“. Dazu passt, dass in einigen Fällen Rundfunkangehörigen und Mitarbeitern ein „Maulkorb“ vorgehängt oder die Teilnahme an öffentlichen Diskussionen untersagt wurde. In manchen Führungsetagen der öffentlich-rechtlichen Anstalten scheint man seltsame Vorstellungen von demokratischer Offenheit zu haben, wozu auch die offene, sachliche Diskussion gehört.
Man wüsste auch etwas anderes gern: Wenn die Ministerpräsidenten, ängstlich auf die Stimmung des allgemeinen Volkes bedacht, die beantragte Gebührenerhöhung genehmigt hätten, wären dann die eingeleiteten oder angedrohten Orchesterauflösungen oder Reduzierungen unterblieben? Es verstärkt sich der Eindruck, dass die Intendanten das klägliche Verhalten der Ministerpräsidenten, speziell der Herren Steinbrück, Stoiber, Milbradt, insgeheim nur allzu gern zum Vorwand nehmen, um ihre Vorstellungen von „Rundfunk und Musik“ durchzusetzen.
Dass diese Vorstellungen die gewachsene Geschichte der Musik im Rundfunk einfach auszuklammern versuchen, sich opportunistisch selbst einen „Kulturauftrag“ neu definieren, der sich nur mehr auf Berichterstattung und simple Vermittlung beschränken möchte, muss entschiedenen Widerspruch hervorrufen.
Aber vielleicht muss man auch einfach nur resignieren: Auch in den Rundfunk- und Fernsehanstalten regiert inzwischen eine Generation, die Reinhard Schulz in seinem „Nachschlag“ (Seite 12) treffend charakterisiert. Früher hätte man solche Leute als Banausen bezeichnet.
Heute genießen sie allgemeine Hochachtung, weil sie auf einem Kulturniveau agieren, von dem aus kaum noch Zeichen zur Bildung und Formung einer bewussteren Menschengesellschaft ausgehen. Auch wenn es heute pathetisch klingen mag, aber der Dichter Grillparzer hat schon zu seiner Zeit hellseherisch eine Entwicklung vorausgesehen, die auch in unseren Tagen nicht zum Stillstand gekommen ist: „Das Edle schwindet von der Erde; das Hohe sieht vom Niedern sich verdrängt und Freiheit wird sich nennen die Gemeinheit.“ Je länger man über Grillparzers Worte nachdenkt, hinter ihrem hohen Bildungston forscht, desto aktueller scheint ihre sachliche Mitteilung zu sein: Was mit den Musikern in den Funkanstalten geschieht, hat viel mit Grillparzers „Gemeinheit“ zu tun.