Während Stuttgart-21-Gegner am Freitagabend im Stuttgarter Schlossgarten mit Vuvuzelas und Trillerpfeifen lärmend ihrem Unmut über die unsäglichen Ereignisse des Vortags Luft machten, ging es im Zentrum an der Halle in Ostfildern besinnlicher zu. Im Eröffnungskonzert des Großprojekts „Zukunftsmusik“, das sich als „Festival innovativer Musik“ vom 1. bis 10. Oktober in Stuttgart und Umgebung der Vermittlung zeitgenössischer Musik widmet, waren zwar gut 200 Musizierende beteiligt – neben Profis wie den Neuen Vocalsolisten und dem Percussion Ensemble Stuttgart vor allem Kinder und Jugendliche der Musikschule Ostfildern und 128 singende Erwachsene der Stadt.
Dennoch bewegte sich Paolo Perezzanis neuestes Werk "Au bord du sens" (Am Saum des Sinns) meist in ruhigen Gefilden. Die gut 50-minütige Musik kommt ohne Text aus, es werden aber permanent kluge Worte des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy und einiger seiner Kollegen an die Wand projiziert: "Zuhören ist Widerhallen" oder "Indem er den Raum überflutet, überflutet der Klang auch die Zeit" oder "Die Stimme setzt ein, wo der Rückzug des Einzelnen beginnt". Bedeutungsvolle Sätze, die das Hören wahrscheinlich in eine bestimmte Richtung lenken wollen, doch letztlich illustrativ bleiben. Denn das Werk erklärt sich problemlos aus sich selbst heraus. Seine besondere Wirkung erzielt es durch die ungewöhnliche Hörperspektive.
Das Publikum sitzt in der Mitte, die Ensembles sind drumherum positioniert: Die vier Jugendorchester aus Gitarren, Flöten und Streichinstrumenten in den vier Ecken, die acht Solisten, die vier Schlagzeuger und die acht Chöre an den Seiten. Dadurch entsteht ein akustischer Surround-Sound aus Instrumenten und Stimmen. Man sitzt im Zentrum des Klangs, badet quasi in wogenden Klangmassen, fühlt die Wellenbewegungen unmittelbarer, als dies in der traditionellen Konzertsituation der Fall wäre. Lange Passagen des Solistenensembles, das sich des typischen Stimmvokabulars der Neuen Musik inklusive Schreien, Bibbern und Zischen bedient, werden immer wieder durch dissonante Klangmassierung kontrastiert. Jetzt dürfen die jugendlichen Instrumentalgruppen geräuschhaft vor sich hin improvisieren, bilden etwa das Echo der Perkussionsinstrumente durch einfaches Schrammeln auf der Gitarre oder Tremolieren auf der Geige – schöne Klangeffekte entstehen so. Eine Uhr auf dem Monitor gibt den Kindern die Sekunden an, in den Noten ist der Zeitpunkt und die Dauer des Einsatzes notiert und mit Hinweisen auf die Lautstärke versehen. So kann Andrea Molino am Dirigierpult sich auf die komplexeren Vorgänge zwischen Solisten und Chören konzentrieren.
Das Festival "Zukunftsmusik" sucht bewusst seine Mitwirkenden und sein Publikum an Orten des kommunalen Kulturlebens. Man will innerhalb vertrauter Strukturen Neugierde für das Neue wecken. Veranstalter sind das Netzwerk Süd, das sich seit 2008 und bis 2011 – finanziert über das Netzwerk Neue Musik der Bundeskulturstiftung – unter dem Dach von Musik der Jahrhunderte der Vermittlung von Neuer Musik in der Stuttgarter Region widmet. Für "Zukunftsmusik" hat sich das Netzwerk Süd mit einem anderen Netzwerk zusammengetan: Mit dem Verein KulturRegion Stuttgart, einem Zusammenschluss von 38 Städten und Gemeinden, die seit 1991 durch gemeinsame Kulturprojekte das Erscheinungsbild der Region mitprägen wollen. Für das Festival wurden zwölf Komponisten mit Projekten beauftragt, die speziell in einer schwäbischen Klein- oder Mittelstadt umzusetzen sind und die Menschen vor Ort einbeziehen.
Arbeitsmarktplatz Esslingen
Mit dabei ist auch Esslingen. Hier startete der politisch ambitionierte Johannes Kreidler am letzten Samstagmittag im Schwörhof seine Performance "Arbeitsmarktplatz Esslingen", in der er selbst mit Zylinder den Ton angab. Beteiligte außerdem: Mitglieder des SWR Vokalensembles, die singende Polizisten mimten, Schlagzeuger, Musiker der Esslinger Musikschule und Mitglieder des Jugend-Theaters Stage Divers(e). Johannes Kreidler interessierte vor allem die Tatsache, dass in Esslingen 1894 das erste Arbeitsamt gegründet wurde und versuchte in seinem Festival-Beitrag eine Reflektion darüber,
Er spielt mit Klischees zum Thema Arbeitszeit, Arbeitslosigkeit und Vollbeschäftigung. Zum endlos repetierten Ton E (gleich Euro) und einer abzählenden Roboterstimme etwa mimen Jugendliche ferngesteuerte Menschenmaschinen, die in der Hierarchie der Arbeitswelt längst zum willenlosen Objekt degradiert wurden und am Ende nach Kurzarbeit und Verlagerung des Produktionsortes nach China entsorgt werden, um dann arbeitslos vor sich hinzudümpeln.
Musikalisch passiert wenig. Das kleine Orchester aus Akkordeon, Klarinetten, Geigen und Klavier ist weitgehend unterbeschäftigt. Meist werden Texte rezitiert, die auf Monitoren ihre Verdopplung erfahren. Finaler Höhepunkt ist die "erste Roboter-Demonstration". Auf einer Rampe stapfen in Reih' und Glied 100 Spielzeugroboter bewaffnet mit Demo-Plakaten wie "Arbeit für alle" ihrem Untergang entgegen. Denn Polizisten fangen bald darauf an, die hilflosen Plastikmonster zu zerdeppern. Schöner Nebeneffekt: Die anwesenden Kinderseelen bluteten beim Anblick der Zerstörung eines solch hippen Spielzeugs und schritten zur Tat: So fanden einige der futuristischen Puppen unversehrt in glücklichen Kinderarmen Zuflucht. Klasse!
Die Klischeehaftigkeit und der Dilettantismus der Aufführung waren vermutlich Absicht. Vielleicht hätte eine Aufführung auf dem belebten Esslinger Marktplatz mit einem größeren, zufällig anwesenden Publikum den gewünschten Effekt gebracht: Der Schein des Spontanen wäre dann zum Ausdruck gekommen. Im hermetischen Raum des Schwörhofes mit seinem Fachpublikum stand automatisch der Kunstcharakter im Vordergrund, so dass Kreidlers Happening derart plakativ wirkte, dass man sich nicht gewundert hätte, wenn plötzlich "das Gespenst des Kommunismus" höchstpersönlich über den Platz gehuscht wäre.
Festival im Festival
Integriert in "Zukunftsmusik" ist ein kleines Festival im Festival, eine eigene, vom Innovationsfonds Musik der Stadt Stuttgart geförderte Konzertreihe, die Orte in der Landeshauptstadt bespielt. Den Anfang machte am Dienstag "Galerie": ein "musiktheatralischer Parcours", den der Komponist Hannes Seidl und der Videokünstler Daniel Kötter im Stuttgarter Klett-Areal in der Rotebühlstraße unter der engagierten Mitarbeit der Verlagsangestellten angelegt haben.
In 41 Stationen führt diese Klang-Video-Bild-Installation die Besucher einzeln durch die Eingeweide der Klett-Verlage – durch Heizungskeller, Lagerräume, Büros – und macht sie selbst zu Protagonisten der theatralen Aktion. Kein Mensch ist sonst da. Ein Telefon klingelt, man nimmt ab, niemand antwortet. Auf einem Monitor sieht man sich selbst, vor fünf Sekunden den Gang betretend. Schnitt: Ein anderer Mensch passiert dieselbe Stelle. Man dreht sich um, niemand ist hinter einem. Knarzen und Knarren dringt aus der Wand, es grummelt hinter den Türen. Eine alte Rechenmaschine rattert, ein alter Nadeldrucker surrt. In einem Holzverschlag steht ein Fernseher: Eine Klett-Mitarbeiterin parliert über den Kunstcharakter von Arbeitsgeräten. Durch das scheinbar menschenleere Gebäude weht der Nachklang eines Arbeitstages, zeigen sich die Arbeitenden nur geisterhaft im Rückblick. Ein irritierendes Spiel mit der Vergangenheit und Gegenwart, das Spaß macht – obwohl man sich permanent beobachtet fühlt. Kein Wunder: Klett-Mitarbeiter sitzen unsichtbar in Verschlägen, fixieren die einsam Wandelnden, um im richtigen Moment Geräte und CDs zu starten. Aber das erfährt man erst danach.
Weitere Städte, in denen Komponisten in dieser Woche ihre Projekte verwirklichen: Backnang (Mario Verandi), Rechberghausen (Gordon Kampe), Schwäbisch Gmünd (Niklas Seidl), Burgruine Hohenstaufen bei Göppingen (Sergej Newski), Ditzingen (Maximilian Marcoll), Ludwigsburg (Werner Cee), Waiblingen (Christoph Ogiermann), Remseck (Annesley Black), Leonberg (Alan Hilario).
Das ausführliche Programm und weitere Informationen gibt es unter www.zukunftsmusik-das-festival.de