Die IFA in Berlin hat bestätigt, dass sich in der Elektronikbranche viel tut. Aber auch wenn „Alles wird digital!“ laut durch den Äther schallt, so hilft dem echten Musikenthusiasten der Großteil des neuen Schnickschnacks noch nicht allzu viel.
Die IFA in Berlin hat bestätigt, dass sich in der Elektronikbranche viel tut. Aber auch wenn „Alles wird digital!“ laut durch den Äther schallt, so hilft dem echten Musikenthusiasten der Großteil des neuen Schnickschnacks noch nicht allzu viel.Digitales Radio, digitales Fernsehen – vieles davon ist noch umstritten, das meiste steckt noch in den Anfängen und alles ist sehr teuer. Auch MHP, die „Multimedia Home Platform“, die den Fernseher zum allumfassenden Monitor für alle TV- und PC-Technik im ganzen Haus machen soll, kann das sattsam bekannte Alltagsproblem nicht lösen, wenn nämlich das einzige Badezimmer des Hauses dauernd von einem Familienmitglied besetzt ist: wer darf wann und wie lange?Wie auch immer, dem Klassikfreund bietet sich bereits ein Fixpunkt im wogenden Meer der Neuerungsbestrebungen an: die inzwischen fest etablierte und überzeugende Mehrkanal-Musik – mit „laufenden“ Bildern als Film auf dem Monitor oder dem Fernseher mit Surround-Sound oder ohne Bilder als klanglich bisher nicht erreichter Musikgenuss aus sechs Lautsprechern. Möglich macht’s die DVD (Digital Versatile Disc), die nach allen Voraussagen die CD ablösen wird, was Gottseidank nicht heißt, dass man seine oft mühsam erworbene Sammlung in den Müll werfen muss; denn alle einigermaßen ordentlichen neuen DVD-Abspielgeräte sind „nach unten kompatibel“, spielen also auch alle bisherigen CDs ab.
Immer noch streiten zwei Wiedergabe-Formate der neuen Silberscheibe um die Vorherrschaft im Musikgenuss, die DVD-Audio und die Super Audio Compact Disc (SACD). Die Hersteller mit den großen Namen – bei SACD Sony und Philips, bei DVD-Audio die meisten anderen – kämpfen um den Markt, die Fronten wogen hin und her. Seit einiger Zeit hat das DVD-Audio-Format die Nase vorn; SACD versucht aufzuholen.
Der neue Mehrkanalklang im DVD-Audio-Format, im Januar 2001 zum ersten Mal vorgestellt, erobert mehr und mehr den Markt. Die Werbung hat den Trend erkannt und will auf der neuen Woge mitschwimmen: allenthalben werden neue Musik-DVDs – ob als Opern- oder als Konzertmitschnitt – angeboten, aber Vorsicht ist geboten: meist handelt es sich um ältere Zweikanal-, also Stereoaufnahmen, die auf die neue Silberscheibe gepresst und mit der Bezeichnung DVD angeboten werden. An wirklich „echten“ Mehrkanalaufnahmen, eigens für das neue Medium hergestellt, gibt es als SACD in Europa derzeit nur rund 30 Silberscheiben – davon nicht einmal die Hälfte aus dem E-Musik-Bereich –, an „echten“ Mehrkanal-Audio-DVDs dagegen innerhalb von neun Monaten bereits 75 und das Angebot wächst zusehends.
Kampf der Formate
Der Streit zwischen den Formaten wird sich natürlich fortsetzen, aber dem Musikfreund kann er egal sein, weil ihm endlich auch zu erschwinglichem Preis Abspielgeräte angeboten werden, die beide Formate – DVD-V/A wie SACD – wiedergeben können, was bisher nicht der Fall war: der normale DVD-Player kann keine SACD abspielen und umgekehrt. Pioneer etwa hat vor einiger Zeit schon einen Universalplayer DV-AX 10 auf den Markt gebracht, der beides kann; weil aber das Gerät für 12.000 Mark kein Renner zu werden versprach, gibt es nun von derselben Firma ein neues und mit rund 3.000 Mark erschwingliches Gerät, den Universal-Spieler DV-747A für DVD-Audio/Video und SACD.
Wichtig ist auch, dass sich der Musikfreund nicht irritieren lässt durch die große Zahl von Kürzeln, die sich um die neuen Silberscheiben ranken und mit denen die Werbung Eindruck machen will: SACD und DVD-Audio sowie DVD-Video wurden schon genannt; dann hört man von DVD-ROM, DVD-R, DVD-RAM oder DVD-RW – alles schon bekannt von der CD, die auch alle diese Beifügungen erhielt. Denn hinter den Buchstaben verbergen sich nur bestimmte Eigenschaften der alten und der neuen Scheiben: DVD-Video legt, wie gesagt, Wert auf viel Sichtbares und vernachlässigt den Höranteil; DVD-Audio ignoriert den Filmanteil und widmet alle Ressourcen der Scheibe dem reinen Klangerlebnis. Die anderen Abkürzungen bezeichnen das Talent der Scheibe, entweder nur „fest eingebrannte“ Musik zu speichern (DVD-ROM) oder als zunächst leere Scheibe sich – einmalig (DVD-R) oder nach Löschvorgang erneut (DVD-RAM oder DVD-RW) – Musik „einbrennen“ zu lassen. Je nach Umfang des Angebots an Speichertechnik – Anzahl der bespielten Seiten und der Informationsebenen (Layers genannt) – ergeben sich Spielzeiten zwischen zwei und acht Stunden; die längeren Zeiten bedeuten allerdings Einschränkungen in der Klangqualität.
Was folgt aus all dem? Der Klassikfreund braucht zunächst zu seinen bisherigen beiden Stereolautsprechern noch vier weitere, auch wenn das vielleicht den häuslichen Frieden gefährdet. Sie müssen nicht groß sein; zwei davon stehen im Raum verteilt rechts und links den Stereoboxen gegenüber (das gab’s schon einmal beim Quadro-Sound der 70er-Jahre, der sich nicht durchsetzen konnte), dazu kommen noch ein Mittenlautsprecher zwischen den vorderen Stereoboxen und ein irgendwo unauffällig untergebrachter „Subwoofer“ für Knalleffekte im Filmsound. Derartige „Surroundsound“-Anlagen sind seit längerem der Renner des Handels, weil sich die bespielte Video-DVD gegenüber den bisherigen VHS-Videokassetten immer mehr durchsetzt: sie bietet nicht nur längere Laufzeiten und bessere Bildqualität, sondern vor allem den im „Cinemaxx“-Kino gewohnten Raumklang, wofür das Format-Kürzel 5.1 steht: Fünf Lautsprecher und eine „Effektbox“. In vielen Haushalten haben schon die Kinder für den Aufbau einer Mehrlautsprecher-Anlage gesorgt. Und es ist absehbar, dass aus denselben Gründen auch die weit verbreiteten VHS-Videorecorder bald durch DVD-Recorder ersetzt werden.
Dann braucht man einen Verstärker, der alle Kanäle vom Abspielgerät bis zu den Lautsprechern in der richtigen Weise weiterleitet. Es muss nicht Denons fast 8.000 Mark teurer Verstärker-Bolide AVC-A1SE sein; denn selbst Denon bietet etwa mit dem Receiver AVR-3802 für etwa 2.500 Mark schon, was dem Normalnutzer genügt.
Neue Klanggüte
Die DVD-Audio macht sich die Technik dieser Lautsprecherausrüstung zu Nutze und bringt Musik über bis zu sechs Lautsprecher in bisher nicht gekannter Klanggüte zu Ohren: Musik aus mehr als zwei Lautsprechern bringt eine neue Hörerfahrung. Wird der Musikklang mehrkanalig aufgenommen und weitergegeben, dann hört man die ganze Weite und die Atmosphäre des Aufnahmeraums wie noch nie zuvor. Die Aufnahmetechnik bannt die Musik in besonders feiner digitaler Auflösung auf die Scheibe – man hört es sofort. Und es sind wieder einmal die kleineren Labels, die sich mit der neuen Audio-DVD hervortun und zur Freude des Musikfreunds dabei in Ausnutzung der Mehrkanalmöglichkeiten auch klanglich sogar unterschiedliche Wege gehen: TACET etwa mit seinem Real-Surround-Sound, der den Hörer mitten ins Instrumentalensemble setzt (mehr unter www. tacet. de) oder MDG – und inzwischen auch DIVOX – mit seinem neuen „2+2+2“-Format (siehe hierzu nmz 02/2001, Seite 17), das einen wirklich überwältigenden Raumklang zaubert, wovon sich vor kurzem sowohl auf der High-End-Messe in Gravenbruch (siehe nmz 09/2001, Seite 20) als auch jetzt auf der IFA immer mehr Interessenten vergewissern konnten, die ihren Ohren nicht trauen wollten (mehr dazu unter www.mdg.de). MDG wurde eingeladen, den neuen Raumklang im Oktober auf HiFi-Messen in Italien, in den Beneluxstaaten und an anderen Orten vorzuführen.
Die Industrie hat die neuen Audio-Möglichkeiten erkannt und verspricht sich einen neuen Markt. Es werden immer mehr hochwertige Abspielgeräte angeboten, welche die anspruchsvoll „echten“ Musik-DVDs – und, wie wir sahen, als Kombiplayer auch alle anderen möglichen Formate – vollendet abspielen können: Solche hochwertigen DVD-Audio-Spieler sind nötig, weil die meisten bisherigen DVD-Videoabspielgeräte die „echte“ Audio-DVD nicht verkraften. Die Industrie arbeitet mit Nachdruck daran, solche DVD-A-Player preiswerter anzubieten: bei Denon etwa will man dem DVD-3300 für zirka 3.000 Mark mit dem DVD-1600 bald einen halb so teuren Bruder an die Seite stellen.
Wer sich ein Bild machen will, was die DVD-Audio an neuen Erlebnissen vermittelt, greife am besten zur gerade erschienenen MDG-Sampler-Audio-DVD (# 906 1069-5: „Breakthrough ... into a new Dimension“) mit fast 150 (!) Minuten Spielzeit: sie enthält 15 Ausschnitte neuester Produktionen und dazu sogar noch 30 Test-Signal-Tracks zur Überprüfung der Lautsprecher-Aufstellung, der Anschlüsse und der Geräteeinstellung für Mehrkanalwiedergaben. Auf einem DVD-A-tauglichen Player abgespielt, kann man gewohnte Zweikanal-Stereotechnik, dann Surroundsound 5.1, wie er DVD-Video begleitet, oder den neuen MDG-„2+2+2“-Raumklang hören.