Zupfinstrumentenmacher - der Beruf ist selten in Deutschland. Nur etwa eine Handvoll junger Leute erlernt ihn jedes Jahr neu. Eine junge Frau schwärmt von ihm in höchsten Tönen.
Hagen - Eine Mandoline hängt im Schaufenster, Gitarren aller Art hängen an den Wänden, eine gewaltige Bandsäge beansprucht Platz zwischen zwei Werkbänken. In der Werkstatt von Paulina Pruscini in Hagen geht es um Korpus und Hals, um Hohlraum-Volumen, Grundfrequenzen, um Schwingungslehre und die besten Holzqualitäten. Und immer sind Fingerspitzengefühl und Akribie gefragt. Die 28-Jährige ist selbstständige Zupfinstrumentenmacherin - und deutschlandweit gibt es nur wenige, die ihren Beruf ausüben.
«Meine Arbeit ist schön und ich habe gut zu tun», berichtet Pruscini. Die Kunden bringen E-Gitarre, E-Bass, klassische Gitarre oder Bass, Ukulele, Banjo, Balalaika vorbei, auch schon mal eine Baglama-Laute, eine indische Sitar oder eine eher im arabischen Raum verbreitete Oud. Zur Reparatur. Präzise Handarbeit und Geduld sind erforderlich. Was reizt sie an dieser Arbeit? «Wenn eine klassische Gitarre von 1954 mit zerbröseltem Kopf bei mir ankommt oder mir eine Laute in vielen kleinen Einzelteilen gebracht wird und ich daraus etwas schönes Spielbares machen kann, ist das eine große Freude und macht mich auch stolz.»
Die 28-Jährige ist seit Ende 2021 selbstständig. Sie baut auch Zupfinstrumente, vor allem Gitarren, ebenso Ukulelen, Unikate für einzelne Auftraggeber. Feine Stecheisen, Zangen, Handsägen und Pinsel kommen zum Einsatz, unterschiedliche Hölzer warten auf ihre Verarbeitung. Holzleim, Schellack, Bienenwachsbalsam, Saiten und elektrische Bauteile liegen bereit.
Für eine akustische Gitarre braucht sie 100 bis 150 Stunden, der Preis liegt bei 3500 Euro aufwärts. Um eine E-Gitarre anzufertigen, sind 30 Stunden das Minimum, preislich geht es ab 1400 Euro los. Die Kunden kommen aus allen Bereichen. Es sind Lehrkräfte, Gitarrenlehrer und deren Schülerinnen und Schüler, viele Hobbymusiker, aber auch Berufsmusiker wie Stefan Klein von der Rockband Extrabreit.
Die junge Unternehmerin führt auch Schulklassen durch ihre kleine Werkstatt, informiert sie über Holzwirtschaft oder Musiklehre. Jüngst hat sie mit Seniorinnen Veeh-Harfen - kleine Zithern - nach Bausätzen gefertigt. «Bei einem so kleinen Handwerk wird einem früh gesagt, das man damit nicht reich wird, aber ich bin okay damit. Meine Arbeit wird wertgeschätzt.» Sie könne Menschen helfen, ihre musikalischen Vorstellungen zu verwirklichen. «Außerdem ist es eines der letzten echten handwerklichen Gewerke.»
Es gibt nicht viele Möglichkeiten, eine Ausbildung zu machen. Paulina Pruscini hat erst in einem Betrieb in Berlin gelernt, ihre Ausbildung dann in Sachsen beendet - dort an der Berufsfachschule, Richtung Gitarrenbau. Nur zwei staatliche Berufs- und Berufsfachschulen in Deutschland gibt es für den Zupfinstrumentenbau: eine im sächsischen Klingenthal, die andere im bayerischen Mittenwald. Sie habe mit 17 Jahren Feuer gefangen, als ihr Patenonkel ihr zum Abi einen Gitarrenbaukurs in Köln schenkte. «Das hat arg eingeschlagen.»
Die Gitarrenbauerin - sie spielt auch Kontrabass - hat den Gründungspreis 2023 der Handwerkskammer Dortmund erhalten, außerdem den Nachhaltigkeitspreis der Kammer. «Ich versuche, meinen Tropenholzeinsatz zu minimieren.» Also Mahagoni und Palisander nur, wenn unbedingt erforderlich. «Wir haben heimische Obsthölzer, mit denen man schön bauen kann.» Kirsche, Pflaume oder Walnuss seien gut geeignet, zudem Ahorn oder Fichte. Die Qualität des Fichtenholzes habe allerdings im Klimawandel mit zu warmen Sommern und Wintern gelitten. Und der Preis für Holz sei extrem geklettert, berichtet Pruscini. Sie bezieht ihr Holz von einem Händler aus dem Vogtland.
«Der Beruf kann definitiv als Nischenberuf bezeichnet werden», sagt Inga Schad-Dankwart vom Bundesinstitut für Berufsbildung. Laut Statistischem Bundesamt gibt es 165 Handwerksbetriebe (2019), die Zupfinstrumente herstellen. «Da aber nur 378 Personen insgesamt in dem Gewerk beschäftigt sind, ist eine niedrige Auszubildendenzahl nicht verwunderlich.» Seit 2014 schwanke die Zahl der Neuabschlüsse zwischen drei und sechs, wobei in der Fachrichtung Harfenbau schon seit längerer Zeit praktisch gar keine Neuabschlüsse mehr erfolgt seien.
Den meisten Jugendlichen sei der außergewöhnliche Beruf wohl kaum geläufig, vermutet Schad-Dankwart. Er setze «musikalisches Interesse und die Leidenschaft fürs Handwerk» voraus. Unter allen Berufen des Musikinstrumentenhandwerks bildeten die Zupfinstrumentenmacher eine kleine Untergruppe.
Pruscini glaubt, dass ihr Beruf eine Zukunft hat, auch wenn es nur wenige in ihrem Job gibt. «Die Industrie kann nur Masse fertigen, aber keine Sonderwünsche erfüllen.» Für Reparatur und Restaurierung werde es ebenfalls weiter Nachfrage geben. «Wir sind eine kleine Branche, aber sie wird bestehen bleiben.»