Drei Wochen Musik zum 30. Jubiläum des Usedomer Musikfestivals +++ «Theodor»: Neue Oper über jüdischen Staatsvisionär Herzl +++ Berliner Philharmoniker beleuchten Rolle von Heldentum +++ «Fühlst du mein Herz?» - Staatstheater Braunschweig will feiern +++ Theater zum Eintauchen - Görlitzer Inszenierung belebt Güterbahnhof
Drei Wochen Musik zum 30. Jubiläum des Usedomer Musikfestivals
Heringsdorf (dpa/mv) - Beim diesjährigen Usedomer Musikfestival steht vom 16. September bis 7. Oktober das Kulturland Lettland im Zentrum. Zu Gast beim 30-jährigen Jubiläum des Festivals für den Ostseeraum sind lettische Künstler und Ensembles wie die Sopranistin Marina Rebeka, der Bariton Egils Silin? oder die Schola Cantorum Riga, wie Intendant Thomas Hummel am Dienstag bekanntgab.
Das Spektrum der Konzerte reiche von geistlicher Musik des Mittelalters aus der Blütezeit der Hanse über die Kultur des fast ausgestorbenen Volkes der Liven bis hin zu Liedern der Letten vom 19. Jahrhundert bis heute. Die junge Musikerelite des Landes - etwa der Pianist Georgijs Osokins und Magdalena Ceple als neue Usedomer Musikpreisträgerin der Oscar und Vera Ritter-Stiftung - sei ebenso vertreten. Der Preis ist mit 5000 Euro dotiert.
Angekündigt wurden zwei große Konzerte im historischen Kraftwerk Peenemünde mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester und der Pianistin Anna Vinnitskaya sowie mit dem Baltic Sea Philharmonic. Der Cellist David Geringas gibt einen Kammermusikabend gemeinsam mit dem ehemaligen Kulturminister Lettlands, Ints Dalderis. Zu einem «Wagner-Salon» wird neben dem Wagner-Bariton Egils Silin? auch die Urenkelin des Komponisten, Katharina Wagner, erwartet. Schauspielerin Corinna Harfouch widmet sich den Angaben zufolge einen Abend lang dem Komponisten Sergej Rachmaninow anlässlich von dessen 150. Geburtstag.
Ein Sonderkonzert des Charkiw Music Festivals in Swinemünde soll Musiker aus der Ukraine, Belgien und Deutschland zusammenführen und Musik des ukrainischen Komponisten Borys Ljatoschynskyj präsentieren.
«Theodor»: Neue Oper über jüdischen Staatsvisionär Herzl
Tel Aviv (dpa) - Eine neue israelische Oper lässt den legendären Begründer des modernen Zionismus, Theodor Herzl, auf der Bühne wieder aufleben. Das Musikdrama, das am Mittwoch an der Tel Aviver Oper Weltpremiere hat, befasst sich vor allem mit zwei Schlüsselerlebnissen im Leben des Visionärs. Es zeigt Ausschnitte aus seiner Zeit als junger Mann in Wien und später in Paris.
Die Schaffung einer Heimstätte für das jüdische Volk war für den 1860 geborenen österreichisch-ungarischen Schriftsteller eine Lebensaufgabe. Er starb allerdings schon im Jahre 1904, lange vor der israelischen Staatsgründung 1948. Durch seine politische Aktivität und seine Schriften wurde der Mann mit dem charakteristischen schwarzen Bart aber eine zentrale Figur des 20. Jahrhunderts. Der geistige Vater des jüdischen Staates liegt in Jerusalem begraben.
Die Oper interpretiert zwei Erfahrungen mit Antisemitismus im Leben Herzls als treibende Kraft für seinen Kampf für einen jüdischen Staat. Zum einen die Ablehnung, die Herzl als junger Student in Wien in der deutschnationalen Burschenschaft Albia erfährt, weil er Jude ist. Und zum zweiten der antisemitisch motivierte Prozess gegen den französischen Hauptmann Alfred Dreyfus, der 1894 fälschlich wegen Landesverrats zugunsten Deutschlands verurteilt wurde. Herzl verfolgte den Prozess als Korrespondent der «Neuen Freien Presse».
Besondere Aktualität erfährt die Oper durch die gegenwärtigen Proteste gegen eine Justizreform in Israel, die Gegner als Gefahr für die demokratische Ausrichtung des Staates ansehen. Bei den Demonstrationen spielt Herzls Figur eine zentrale Rolle. Komponist Jonatan Knaan sagte, er habe sich nicht träumen lassen, «dass wir, unsere Generation sich an einem historischen Wendepunkt wiederfinden würde, mit Blick auf die Zukunft des jüdischen Staates».
Den älteren Herzl verkörpert in der Oper der Bariton Oded Reich, den jüngeren Mann der Sänger Noam Heinz, der im August zur Komischen Oper in Berlin wechselt. Das Libretto in hebräischer Sprache stammt von Ido Ricklin, dirigiert wird die Oper von Nimrod David Pfeffer.
Berliner Philharmoniker beleuchten Rolle von Heldentum
Berlin (dpa) - Die Berliner Philharmoniker wollen sich in der kommenden Saison unter dem Titel «Heroes» mit Heldentum in der Musik befassen. Heldinnen und Helden in der Musik sollten entdeckt und zugleich gefragt werden: «Was bewegt sie zu ihren Taten, und wie wirkt das heute auf uns?», hieß es am Montag in einer Mitteilung des weltbekannten Orchesters mit Chefdirigent Kirill Petrenko zum Programm der anstehenden Saison 2023/24.
«Die Sehnsucht nach Frauen und Männern mit außergewöhnlichen Kräften begleitet die Menschheit seit Anbeginn ihrer Existenz.» Je schwieriger die Zeiten, desto dringender der Wunsch nach Hilfe, um die gewaltigen Herausforderungen zu bewältigen, so das Orchester. Die Musik habe sich in vielfältiger Form mit dem Konzept des Heldentums in Mythologie und Wirklichkeit auseinandergesetzt. Dies solle in der kommenden Spielzeit zu erleben sein.
Musikalisch übersetzt steht damit unter anderem Beethovens 3. Sinfonie «Eroica» mit Herbert Blomstedt auf dem Programm, Petrenko nimmt sich Richard Strauss' Oper «Elektra» vor. Zudem wird Arthur Honeggers Oratorium «Jeanne d'Arc au bûcher» von Alan Gilbert dirigiert, die französische Oscar-Gewinnerin Marion Cotillard fungiert dabei als Sprecherin.
Die Saison feiert auch zwei Jubilare mit dem kompositorischen Schaffen von Anton Bruckner zum 200. Geburtstag im kommenden Jahr und von Arnold Schönberg, der 2024 vor 150 Jahren geboren wurde.
«Fühlst du mein Herz?» - Staatstheater Braunschweig will feiern
Braunschweig (dpa/lni) - In der «Dreigroschenoper» von Bertolt Brecht und Kurt Weill hat das Staatstheater Braunschweig sein Motto für die kommende Spielzeit gefunden. Pollys Frage «Fühlst du mein Herz schlagen?» halte die fast 600 geplanten Vorstellungen locker zusammen, teilte das von Intendantin Dagmar Schlingmann geleitete Mehrspartenhaus am Montag mit. In der Saison 2023/2024 stehen insgesamt 32 Neuproduktionen, davon 14 Uraufführungen, auf dem Programm.
Die Saison startet früh mit der Premiere von Giacomo Puccinis Oper «Tosca» am 26. August unter freiem Himmel auf dem Burgplatz. Der offizielle Spielzeitauftakt wird am 17. September mit einem Theaterfest gefeiert, das mit den benachbarten Museen und weiteren Partnern als Kulturmeile geplant ist. Anlass zum Feiern hat auch die Kinder- und Jugendtheatersparte, die als eine der ersten in Deutschland gegründet wurde und die in der im Sommer startenden Saison 40 Jahre alt wird.
Das Staatstheater Braunschweig setzt nach eigenen Angaben weiterhin auf spartenübergreifende Projekte wie «Körperfestung/Herzog Blaubarts Burg» nach Béla Bartók (Tanz und Musiktheater), «Koma» von Georg Friedrich Haas (Musiktheater mit Schauspielerinnen/Schauspielern) sowie «Carmina Burana» von Carl Orff (Tanz, Orchester und Musiktheater).
Im Schauspiel kommen neben «Der Dreigroschenoper» unter anderem die Werke zweier Bestseller-Autoren auf die Bühne, nämlich «Das mangelnde Licht» nach dem Roman von Nino Haratischwili sowie «State of the Union» von Nick Hornby. Im Jubiläumsjahr ist im Jungen Staatstheater unter anderem der Klassiker «Das doppelte Lottchen» von Erich Kästner zu sehen.
Theater zum Eintauchen - Görlitzer Inszenierung belebt Güterbahnhof
Das Theater in Görlitz wagt ein Experiment, wenn es in den kommenden Wochen auf einem früheren Bahnhofsgelände spielt. Eine klassische Bühne gibt es nicht, stattdessen verschiedene Schauplätze, die das Publikum ohne jegliche Vorgaben aufsuchen kann.
Görlitz (dpa/sn) - Premiere für neues Format in Görlitz: in der jüngsten Produktion «Malfi!» darf das Publikum auf ungewöhnliche Weise in die Theaterwelt eintauchen. Die Inszenierung in Gebäuden des ehemaligen Güterbahnhofs wird am Samstag (13. Mai) in der Neißestadt uraufgeführt.
Den Zuschauern bleibt es völlig sich selbst überlassen, sich das Geschehen zu erschließen und durch verschiedene Räume zu wandeln, die gleichzeitig bespielt werden. «So etwas gab es in Deutschland noch nicht», sagt der Intendant des Gerhart-Hauptmann-Theaters Görlitz-Zittau, Daniel Morgenroth.
Dem künstlerischen Experiment liegt die um 1613 erstmals gezeigte Tragödie «Die Herzogin von Malfi!» zugrunde, die aus der Feder des englischen Dramatikers John Webster stammt. Das Görlitzer Theater hat die Handlung in die Zeit um 1900 verlegt und lässt aus der herzoglichen Familie eine Eisenbahndynastie werden. Im Zusammenspiel von Tanz, Schauspiel, Musik und bildender Kunst entstehe ein dichtes Gesamtkunstwerk, das auf insgesamt rund 2500 Quadratmetern mit allen Sinnen zu erleben sei, hieß es.
In Ländern wie Großbritannien oder den USA existiere ein solches Aufführungsformat längst, sagt Morgenroth. Er hat die diesjährige Sommertheaterproduktion nicht nur konzipiert, sondern führt dabei auch Regie. Das Stück soll ein breites Publikum ansprechen. Jeder und jede könne das Spektakel individuell erkunden und dem eigenen Bauchgefühl dahin folgen, wo etwas interessant erscheine. «Es gibt überall etwas zu entdecken», verspricht der Görlitzer Intendant.
Nach der Einführung ins Stück sei es durchaus denkbar, an nur einem Ort zu verweilen, etwa bei einer «Show in der Show» mit Gesangssolisten, die in der Taverne auftreten. «Wir geben nichts vor», sagt Morgenroth. «Zum großen Finale versammeln sich alle wieder». An der Produktion sind neben Schauspielerinnen und Sängern auch Opernchor und Tanzcompagnie des Theaters beteiligt. Die extra für die Aufführung komponierte Musik wurde von der Neuen Lausitzer Philharmonie eingespielt. 24 Vorstellungen sind bis 23. Juli geplant.
Für das spartenübergreifende Projekt wurden eine leerstehende Halle und das einstige Verwaltungsgebäude des alten Güterbahnhofs in den zurückliegenden fünf Monaten umgebaut. Dabei kamen teilweise auch Kulissen aus früheren Inszenierungen zum Einsatz. Der Standort soll dem Görlitzer Theater künftig als Ausweichspielstätte dienen, wenn die Bauarbeiten im Stammhaus laufen.
Nach einem dramatischen Wasserschaden im November 2022 ist es derzeit nicht bespielbar. Aus ungeklärter Ursache war die große Bühne innerhalb weniger Minuten mit mehreren Tausend Litern Wasser geflutet worden.