Götterdämmerung: Buhs sind zurück in Bayreuth +++ Kulturarena Jena und das schlechte Wetter +++ Erinnerung und Bildung bei den Achava-Festspielen Weimar +++ Domstufen-Festspiele Erfurt nur zu zwei Drittel ausgelastet
«Götterdämmerung»: Die Buhs sind zurück im Bayreuther «Ring»
Britta Schultejans, dpa
Bayreuth - Die Buhs sind zurück im Bayreuther «Ring»: Auch in ihrem zweiten Jahr ist die Inszenierung von Regisseur Valentin Schwarz bei den Bayreuther Festspielen bei weiten Teilen des Publikums durchgefallen und heftig ausgebuht worden. Die durchaus auch vorhandenen begeisterten Zuschauer sind am Montagabend im Festspielhaus in der Unterzahl.
Der Österreicher und sein Team zeigen sich nach der Aufführung des vierten Teils von Richard Wagners «Ring des Nibelungen», der «Götterdämmerung», zum ersten Mal auf der Bühne. Nach den ersten drei Teilen «Rheingold», «Walküre» und «Siegfried» hatten die freundlichen Publikumsreaktionen darauf hingedeutet, der «Ring» könnte in diesem Jahr besser ankommen.
Das begeisterte Publikum wirkte dabei im Vergleich zum vergangenen Jahr wie ausgewechselt, womöglich auch, weil es das zum Teil war. Zahlreiche Tickets waren zum Start der eigentlich traditionell ausverkauften Festspiele noch zu haben. Das lag auch daran, weil die vielen als konservativ geltende Gesellschaft der Freunde von Bayreuth - nach Angaben von Intendantin Katharina Wagner wegen des späten Verkaufs - mehrere Tausend Karten für den «Ring» zurückgegeben hatte. So dürften in diesem Jahr viele Kurzentschlossene auf den Grünen Hügel gekommen sein und auch der ein oder andere Bayreuth-Debütant.
Für die Wiederaufnahme der umstrittenen Produktion hatten Schwarz und sein Team, wie es dem berühmten Gedanken von der «Werkstatt Bayreuth» entspricht, nochmal deutlich an der Inszenierung gefeilt - und im Gegensatz zum letzten Jahr beispielsweise den berühmten Weltenbrand auch tatsächlich auf die Bühne gebracht. Catherine Foster (als Brünnhilde ein großer Gewinn für die Produktion) verschüttet Benzin und ein Lichtervorhang wird hochgezogen, an dem Göttervater Wotan erhängt baumelt. Auch kleine Erklär-Passagen für seine vielen Ideen hat Schwarz eingebaut. Dass er Siegfried und Hagen nicht als Gegenparts sieht, sondern vielmehr als zwei Seiten einer Medaille wird durch subtile, kleine Änderungen im Spiel der Sänger deutlicher als noch im Vorjahr.
Für ihn sei der «Ring» ein Drama des Hier und Jetzt, hatte Schwarz über seine ambitionierte, streckenweise aber auch überfrachtete und etwas unstrukturiert wirkende Produktion gesagt. Die war vor ihrer Premiere auch als «Netflix-Ring» bezeichnet worden, weil der Regisseur die vierteilige Richard-Wagner-Oper als eine Art Drama-Serie inszeniert und die Figuren mit Hintergrund-Geschichten ausstattet.
Manchmal holt der Regisseur auch den Holzhammer raus. Diejenigen, die womöglich nicht ganz verstanden haben, dass es sich bei dem schweigsamen und zuletzt von Gunthers Untergebenen gefolterten Begleiter Brünnhildes, um das treue Pferd Grane handelt, bekommen einen Wink mit dem Zaunpfahl: Am Ende des zweiten Aktes wird mitten auf der Bühne eine halbierte Pferdeskulptur platziert. Auch diese Ideen scheinen aber vielen nicht zugefallen - ganz im Gegensatz zur Leistung der Sänger. Für Foster und für Andreas Schager als Siegfried gibt es einzelne Standing Ovations.
Schager ist in diesem Jahr der Marathon-Mann bei den Festspielen. Eigentlich sollte er den Siegfried nur im gleichnamigen dritten Teil singen. Weil er Stephen Gould ersetzte, tut er das nun aber auch in der «Götterdämmer» und zwischendurch singt er als Einspringer in diesem Jahr auch noch den «Parsifal». Eine ungeheure Kraftanstrengung, die man ihm in der «Götterdämmerung» aber stimmlich nicht anmerkt - und was die Spielfreude angeht, schon gar nicht.
Noch mehr Standing Ovations gibt es am Montagabend für Mika Kares für sein fulminantes Hügel-Debüt als donnernder Siegfried-Mörder Hagen. Der finnische Opernsänger ist wie Schager auch ein Einspringer und hatte die Rolle kurzfristig von Bass Dmitry Belosselskiy übernommen.
Dirigent Pietari Inkinen, der sich seit dem «Rheingold» mit jedem «Ring»-Teil hörbar steigerte, wird ebenfalls begeistert gefeiert. Im vergangenen Jahr hatte er sein Dirigat wegen einer Corona-Erkrankung noch kurzfristig an Cornelius Meister abgeben müssen. Nächstes Jahr soll Philippe Jordan dirigieren.
Mit der «Götterdämmerung» endete der vierteilige «Ring». An diesem Dienstag gehen die Festspiele dann weiter mit dem «Fliegenden Holländer» in einer Inszenierung des russischen Regisseurs Dmitri Tschernjakow. Im dritten Jahr dirigiert Oksana Lyniv aus der Ukraine. 2021, bei der Premiere des «Holländers», debütierte sie als erste Frau überhaupt, die auf dem «Grünen Hügel» eine Oper dirigiert.
Schlechtes Wetter macht Kulturarena Jena zu schaffen
Jena - Regen, Konzertabsagen und Kaufzurückhaltung machen der Kulturarena Jena dieses Jahr zu schaffen. Zur Halbzeit registrierten die Veranstalter 27 500 Gäste. Die Auslastung bei den Konzerten, Theaterstücken oder Filmen sei etwas niedriger als im vergangenen Jahr, sagte eine Sprecherin am Dienstag. «Wir merken, dass wir die großen, populäreren Künstler nahezu ausverkaufen. Aber bei kleineren, unbekannteren Künstlern sind die Leute zurückhaltender.» Es verfestige sich der Eindruck, dass die Menschen ihr Geld zusammenhalten und nicht mehr so viele Konzerte besuchen.
Die Konzerte der Künstlerin Mine sowie von Faber, Sophie Hunger und Dino Brandão waren aus gesundheitlichen Gründen abgesagt worden. Außerdem hatte es immer wieder regnerische Abende auf dem Theatervorplatz in Jena gegeben. Ein Konzert hatte deswegen auch zeitweise unterbrochen werden müssen.
Ausverkauft seien bislang die Konzerte mit den Toten Hosen, Gerhard Polt und den Well-Brüdern gewesen, ebenso wie mit Wanda und Bosse. Außerdem seien bei drei Theaterstücken und einem Filmabend alle Tickets vergriffen gewesen. Für die zweite Hälfte des Festivals sind für das Konzert von Hubert von Goisern schon keine Karten mehr erhältlich, für die Antilopen Gang gebe es noch wenige Tickets. Im Jahr 2022 lockte die Kulturarena rund 63 000 Gäste an. Die diesjährige Ausgabe geht noch bis zum 20. August.
Erinnerung und Bildung bei den Achava-Festspielen Weimar
Weimar - Workshops mit Schülerinnen und Schülern, die auf Holocaust-Überlebende treffen, Zusammenarbeit von Musikern von Weltrang mit Jugendorchestern, die zum Abschluss gemeinsam auftreten: Jungen Menschen durch interkulturelle und interreligiöse Bildungsarbeit mehr Offenheit zu vermitteln, das ist ein Anspruch der Achava-Festspiele. Unterhaltungsformate und mehr gehören aber auch dazu. Es gehe um «eine lebendige Verbindung zwischen den Strängen Erinnerung und Bildung», sagte der Vorsitzende des Trägervereins, Hellmut Seemann, am Montag in Weimar. Dort stellte Intendant Martin Kranz gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern von Partnern des jüdisch-interkulturellen Festivals das Programm für die neunte Auflage vom 5. bis zum 22. Oktober vor.
53 Veranstaltungen sind dafür in Weimar, Erfurt, Eisenach und Gotha geplant. Der Austausch zwischen Kulturen, Religionen und Generationen steht dabei immer wieder im Zentrum bei den Konzerten, Kursen, Ausstellungen und Zeitzeugengesprächen.
So können Schülerinnen und Schüler etwa in Weimar und Gotha in einem mehrtägigen Workshop lernen, einen Animationsfilm zu erstellen - als Inhalt dienen Geschichten des KZ-Überlebenden Pavel Taussig. Auch das auf mehrere Musikkulturen zurückgreifende Ensemble Sadaqa arbeitet über mehrere Tage mit jungen Musikern in Weimar zusammen. Am Ende soll es ein Abschlusskonzert geben.
In Erfurt wird unter anderen die kanadisch-israelische Sängerin und Friedensaktivistin Yael Deckelbaum auf dem Petersberg auftreten. Dort steht auch die «Paradiesbaum»-Installation des israelischen Künstler-Duos Ruth Horam (1932-2021) und Nihad Dabeet (55), die für die Achava-Festspiele 2020 aufgebaut wurde. Mit Dabeet sind dieses Jahr unter anderem Künstlergespräche geplant.
In Eisenach sind unter anderem Schüler-Workshops, etwa zum jüdischen Essen geplant. Am 22. Oktober soll es dort ein großes Familienfest geben. Das Abschlusskonzert auf der Wartburg mit dem Kantor der Liberalen Jüdischen Gemeinde, Yoed Sorek, wird im Deutschlandfunk übertragen. Sorek werde zudem bei zwei interreligiösen Begegnungen in Eisenach und Gotha singen.
Erstmals hat das Festival in diesem Jahr auch ein Sommerkino auf die Beine gestellt: Etwa 400 Gäste kamen zu den Filmen des Open-Air-Kinos auf der Seebühne im Weimarhallenpark an fünf Abenden bis Sonntag. Auch im kommenden Jahr sei ein solches Format denkbar, sagte Kranz.
Das hebräische Wort «Achava» bedeutet «Brüderlichkeit». Im vergangenen Jahr zählte das Achava-Festival bei 60 Veranstaltungen rund 17 000 Gäste.
Domstufen-Festspiele Erfurt in diesem Jahr nur zu zwei Drittel ausgelastet
Erfurt - Der Besucherzuspruch bei den diesjährigen Domstufen-Festspielen in Erfurt hat nicht mit dem früherer Jahre mithalten können. Nur etwa zwei Drittel der Plätze waren bei den Open-Air-Aufführungen von Hector Berlioz' Oper «Fausts Verdammnis» ausgelastet, wie eine Sprecherin des Theaters Erfurt am Montag auf Anfrage sagte. Im Gegensatz zu den Vorjahren sei keine einzige der insgesamt 20 Vorstellungen ausverkauft gewesen. «Einige Abende waren aber nahe dran.» Genaue Angaben zur Besucherzahl machte das Theater nicht.
Die Festspiele vor der stimmungsvollen Kulisse von Mariendom und Severikirche waren am Sonntagabend zu Ende gegangen. Beim Finale waren etwa 1200 von 2000 Plätzen besetzt.
Im vergangenen Jahr waren 40 000 Menschen zu den Aufführungen der Verdi-Oper «Nabucco» geströmt. Die Ticketpreise waren im Vergleich zum Vorjahr unverändert geblieben, die Preisspanne lag zwischen 75 und 85 Euro. Als positiv bewertete die Sprecherin, dass es in diesem Jahr im Gegensatz zu früheren Festspieljahrgängen keine wetterbedingten Ausfälle gab.
Im nächsten Jahr steht der Musicalklassiker «Anatevka» von Jerry Bock auf dem Programm der Domstufen-Festspiele (2. bis 25. August 2024).