Berlin - Am 5. September 1951 eröffneten Bundespräsident Theodor Heuss und Bürgermeister Ernst Reuter die ersten Berliner Festwochen. Das mehrwöchige Festival präsentierte Veranstaltungen aus allen künstlerischen Sparten. Heute werden das ganze Jahr über hochkarätige Festivals und Ausstellungen angeboten, vom Theatertreffen über das Literaturfestival bis hin zum Musikfest.
Im Gespräch mit dapd-Korrespondent Holger Mehlig zog Intendant Joachim Sartorius Bilanz, der Ende 2011 nach zehn Jahren aus dem Amt scheidet:
dapd: Die Berliner Festspiele werden 60, Sie hören Ende des Jahres als Intendant auf. Wie sieht eine kurze Bilanz aus?
Sartorius: Die Bilanz sieht ziemlich gut aus. Die Festivals sind über das Jahr klar verteilt und aufgestellt, mit einer sehr deutlichen Botschaft an das Publikum, die Auslastung ist hoch, zwischen 90 und 100 Prozent, und wir haben Ticketeinnahmen - einschließlich Gropius-Bau - von rund vier Millionen Euro. Das lässt sich doch sehen?
dapd: Kann noch etwas verbessert werden?
Sartorius: Das internationale Literaturfestival Berlin, das am 7. September beginnt, ist ein Festival sui generis und noch nicht ganz in die Festivalfamilie integriert. Hier wünsche ich mir eine Vollintegration. Das andere ist der Martin-Gropius-Bau, der mit zwölf Ausstellungen im Jahr auf einer Fläche von 7.400 Quadratmeter, nur eine Million Euro Programmmittel zur Verfügung hat. Der Rang des Gropius-Baus im Konzert der europäischen Ausstellungshäuser ist mittlerweile sehr beachtlich. Seinem großen Potenzial entspricht nicht die finanzielle Ausstattung. Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat bereits sehr geholfen, jetzt auch noch einmal bei der gerade abgeschlossenen Teilsanierung des Ausstellungshauses. Aber hier kann noch einiges optimiert werden, auch zum Ruhme der Hauptstadt, die so gerne Kunstmetropole sein will.
dapd: Welche Bedeutung haben die Festspiele im nationalen und internationalen Vergleich?
Sartorius: Wir genießen eine Menge überregionaler Aufmerksamkeit. Zum Beispiel: 60 Prozent der Besucher des Gropius-Baus - 640.000 im letzten Jahr - kommen nicht aus Berlin. Beim Theatertreffen hat es im Printbereich 86 ausländische, zum Teil extrem ausführliche Artikel in der internationalen Presse gegeben.
dapd: Ist die Konstruktion der Festspiele - also eine übergeordnete Einheit, die verschiedene Festivals organisiert - zeitgemäß? Viele Wirtschaftsunternehmen lagern Abteilungen aus, um kostengünstiger zu arbeiten.
Sartorius: Diese Konstruktion scheint mir durchaus zeitgemäß, denn unsere Marketing- und Ticketingabteilungen, Presse und Protokoll arbeiten für alle Festivals. Das spart eine Riesenmenge Geld. Es kommt hinzu, dass unter meiner Intendanz die Festivals ein beträchtliches Eigenleben haben - was wichtig für Sponsoren ist -, so dass die Dachmarke nicht sehr stark ausgeprägt ist. Sie sprechen Kostengesichtspunkte an. Nach zehn Jahren Umschauen weiß ich, dass wir sehr kostengünstig arbeiten.
dapd: Warum haben die Festivals nicht den Glanz wie beispielsweise die Salzburger Festspiele?
Sartorius: Es macht keinen Sinn, Festivals in Metropolen mit solchen in kleinen hübschen Residenzstädten zu vergleichen, wo nichts los ist und einmal im Jahr ein Festival-Geysir für die Reichen ausbricht. Im Vergleich zum Pariser Festival d'Automne oder zu den Wiener Festwochen oder zu der Festivalfamilie der Istanbuler Kulturstiftung können wir uns durchaus sehen lassen, was Ausstrahlung, Auslastung und internationale Resonanz betrifft. Der "Glanz" des Theatertreffens zum Beispiel übertrifft alles, was in dieser Sparte in Europa sonstwo stattfindet. Dann kommt noch ein wichtiger Faktor hinzu: das sind die persönlichen Leidenschaften. Ich bin mehr an Enno Poppe als an Anna Netrebko, mehr an Herbert Fritsch denn an Peter Stein interessiert. Dadurch entsteht natürlich ein anderer Glanz als der Salzburger.
Geschichte der Berliner Festspiele
1951: Am 5. September 1951 eröffneten der Bundespräsident Theodor Heuss und Bürgermeister Ernst Reuter die ersten Berliner Festwochen. Die Finanzierung erfolgte zunächst durch die westlichen Alliierten, ab 1953 durch das Land Berlin.
1951: 1. Internationale Filmfestspiele Berlin und 1. Berliner Festwochen.
1964 1. Berliner Theaterwettbewerb - ab 1966 Theatertreffen und 1. Berliner Jazztage - ab 1981 JazzFest Berlin
1967 Gründung der Berliner Festspiele GmbH. Die Finanzierung wird zu gleichen Teilen vom Land Berlin und der Bundesrepublik Deutschland übernommen.
1979 bis 1989 Horizonte - Festival der Weltkulturen (alle drei Jahre). 1989 geht daraus die ehemalige Kongresshalle als eigenständiges Haus der Kulturen der Welt hervor.
1980 1. Schüler-Theatertreffen - ab 1985 Theatertreffen der Jugend.
1981 Mit der Ausstellung Preußen - Versuch einer Bilanz wird im Rahmen der Berliner Festwochen der Martin-Gropius-Bau wiedereröffnet. Die Berliner Festspiele beginnen damit eine lange Reihe bedeutender kunsthistorischer Ausstellungen.
1984 1. Treffen Junger Liedermacher - ab 1991 Treffen Junge Musik-Szene zeigt Ergebnisse des Bundeswettbewerbs Schüler machen Lieder.
1987 Konzeption und Durchführung der Feierlichkeiten zur 750-Jahr Feier der Stadt Berlin. Zum ersten Mal Berliner Lektionen im Renaissance-Theater. Aus der Ausstellung Topographie des Terrors entsteht eine eigenständige Stiftung.
1991 Die Musik-Biennale Berlin wird aus der ehemaligen DDR übernommen
1999 bis 2001 Koordination der Feierlichkeiten zur Jahrtausendwende in Berlin, u.a. Ausstellung 7 Hügel - Bilder und Zeichen des 21. Jahrhunderts im Martin-Gropius-Bau.
2001 Umzug in die ehemalige Freie Volksbühne in Wilmersdorf. Die Berliner Festspiele haben damit erstmals ein eigenes Theater: das Haus der Berliner Festspiele. Sie werden jetzt ausschließlich durch den Bund finanziert.
2002 1. MaerzMusik - Festival für aktuelle Musik in der Nachfolge der Musik-Biennale Berlin.
2002 Fusion mit dem Haus der Kulturen der Welt, dem Martin-Gropius-Bau und den Internationalen Filmfestspielen Berlin zur Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH (KBB).
2004 1. spielzeit'europa - Internationale Tanz- und Theatergastspiele im Haus der Berliner Festspiele.
2005 1. musikfest berlin in Zusammenarbeit mit der Stiftung Berliner Philharmoniker, als Nachfolge-Festival der Festwochen. Das 2001 gegründete internationale literaturfestival berlin wird in die Obhut der Berliner Festspiele übernommen.
2009 Anlässlich des 20. Mauerfall-Jubiläums veranstaltet spielzeit'europa ein viertägiges Theaterspektakel in der ganzen Stadt mit rund zwei Millionen Zuschauern.
Pro Jahr verfügen die Berliner Festspiele über rund zehn Millionen Euro. Davon sind rund vier Millionen Euro Zuwendungen des Kulturstaatsministers, rund 2,5 Millionen Euro aus weiteren Bundesmitteln, der Rest sind Drittmittel für bestimmte Projekte, Koproduktionen, Sponsoring Stiftungen und Eigeneinnahmen.
Die Intendanten der Berliner Festspiele:
1951-1962: Gerhart von Westermann
1963: Wolfgang Stresemann
1964-1967: Nicolas Nabokov
1968: Peter Löffler
1969-1972: Walther Schmieding
1973-2000: Ulrich Eckhardt
2001-2011: Joachim Sartorius
ab 2012: Thomas Oberender