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Bochum (ddp). Annette Dabs ist eigentlich gelernte Opern- und Schauspielregisseurin, doch schon seit neun Jahren lässt sie „die Puppen tanzen“. Die 46-Jährige ist Leiterin des Figurentheaters der Nationen (Fidena) in Bochum. Ab Mittwoch erlebt das renommierte Festival für Figuren-, Puppen- und Objekttheater unter dem Titel „Frisch auf den Tisch“ seine 49. Auflage. 15 Aufführungen sind an fünf Tagen zu sehen, zudem sind eine Exkursion und ein Symposium geplant.
Diesmal widmet sich das Festival ausschließlich Inszenierungen deutscher Ensembles. Die meisten gezeigten Stücke hat Dabs, die seit neun Jahren das Festival leitet, selbst gesehen und eingeladen. „Ich gucke mir fast alle Stücke an“, sagt sie. Das sei nötig, weil nur in Inszenierungen die wirklichen Qualitäten eines Stücks zum Tragen kämen.Für die Szene ist das Festival eines der wichtigsten seiner Art in Deutschland und Europa. Wer dabei allerdings nur an Fäden tanzende Puppen erwartet, liegt falsch. Viel zu vielfältig ist die Szene mittlerweile geworden, als dass sie sich auf eine Darstellungsform reduzieren ließe. „Das Figuren- und Objekttheater hat immer den Blick auf das Innovative gehabt. Etliche Aufführungen gehen in Richtung Konzeptkunst und werden immer abstrakter“, sagt Dabs.
Die Zahl von rund 3000 erwarteten Festivalbesuchern ist zwar nicht besonders üppig, was aber daran liegt, dass die Stücke ganz bewusst im kleineren Kreis gezeigt werden. „Wir spielen in einigen Räumen, in die nur 100 Gäste reinpassen“, erklärt die Fidena-Leiterin. Das mache die Aufführungen zu etwas Besonderem, weil der Kontakt zwischen Künstlern und Publikum viel leichter zu knüpfen sei als auf großen Bühnen.
Die Szene für Figuren- und Objekttheater in Deutschland ist im Vergleich zur Schauspiel- und Opernszene klein. Von den geschätzten 300 bis 500 Ensembles in Deutschland sind die meisten nicht fest an einem Theater angestellt. In der Fidena finden sie ein Festival, auf dem sie neue Trends erleben und sich gegebenenfalls mit eigenen Stücken präsentieren können. „Das Festival ist für die Künstler eine große Chance, selbst entdeckt zu werden“, berichtet Dabs.
Als gelernte Regisseurin weiß sie aber auch, dass die Vertreter des klassischen Theaters anfangs eher abschätzig auf die Kollegen des Figurentheaters blickten. Zu Unrecht, wie sie meint: „Im Figuren- und Objekttheater gibt es eine große Fürsorge für die Dinge. Die Künstler haben einen starken Bezug zu allem, was sie umgibt“, erklärt sie.
Mittlerweile habe das klassische Theater aber erkannt, welches Potenzial in den Aufführungen des Figuren- und Objekttheaters stecke.
Auch in diesem Jahr stehen nach Ansicht von Dabs viele wegweisende Inszenierungen auf dem Programm der Fidena. Der Höhepunkt soll dabei eine Puppenversion der „Zauberflöte“ in den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum sein. Die Handlung der bekannten Mozart-Oper wurde auf 80 Minuten reduziert - musikalisch begleitet wird das Bühnenspiel von dem Countertenor Daniel Gloger und dem Ensemble Kontraste. „Gloger singt sämtliche Partien der Zauberflöte allein“, sagt die Festivalleiterin mit kaum verhohlener Bewunderung.
Während die „Zauberflöte“ für alle Altersgruppen ein Erlebnis sein soll, ist das Stück ´“Passion der Schafe“ vornehmlich für Erwachsenen gedacht. In der Inszenierung macht sich eine Gruppe „anonymer Atheisten“ daran, das Leben Jesu nachzuspielen. Dabei stellen die Schauspieler Gestalten aus der Bibel nach und ermöglichen so einen neuen Blick auf die Religion. „Das Stück zeigt, wie Menschen Probleme mit dem Glauben haben können, wenn sie ihn zu ernst nehmen“, sagt Dabs.
(fidena.de)
--Von Michael Bosse