Stuttgart - Das traditionsreiche «Europäische Musikfest» der Internationalen Bachakademie Stuttgart gehört der Vergangenheit an. Als «Musikfest Stuttgart» geht das Festival am 5. September neu an den Start. Geändert wurde nicht nur der Name. Bachakademie-Intendant Christoph Lorenz hat auch Konzeption und Programm generalüberholt. Er will das Musikfest als «das große Klassikfestival in Stuttgart» installieren - mit überregionalem Anspruch.
Geistige Musik wird dabei weiter eine wichtige Rolle spielen, aber auch Experimentelles und Jazz stehen auf dem Programm, das unter dem Motto «Licht» bis 20. September mehr als 60 Veranstaltungen umfasst.
Das Europäische Musikfest wurde stets mit einem Namen verbunden: Helmuth Rilling, Gründer der Bachakademie und international als Dirigent und Chorleiter eine Autorität. Und es fand - so sieht es zumindest Lorenz - «in einer Nische» statt, der des evangelisch geprägten Oratoriums. Doch Rilling ist inzwischen 76 Jahre alt, und Oratorien allein locken weder große Massen noch junge Menschen an. «Die Stile müssen so vielfältig sein wie das Publikum», lautet deshalb der Ansatz des Intendanten, der im März 2008 an die Bachakademie kam und mit den Neuerungen auch seine eigene Handschrift einbringen will - «im Team mit Rilling», wie er hervorhebt.
Die zwei Festivalwochen sind dicht gespickt mit Musikgenuss in vielen Variationen. Das Thema «Licht», das die Worte «Es werde Licht» aus Haydns Schöpfung prägnant zusammenfasst, zieht sich dabei durch alle Konzerte, wobei drei «Musikfest-Säulen» den Schwerpunkt bilden: Messias, Psalmen und Schöpfung. Dabei wird unter anderem das Libretto, das Händel für seinen «Messiah» benutzte, in einer Neuvertonung des schwedischen Komponisten Sven-David Sandström aufgeführt. Als einen Höhepunkt wertet Lorenz auch das Psalmen-Wochenende am 12. und 13. September, das Mendelssohns Psalmen-Musik mit Uraufführungen von zeitgenössischen Kompositionen verbindet.
Geistliche Musik also in Bewahrung der Tradition auch diesmal, aber nicht nur. Das Festival bietet auch Raum für Experimente, etwa ein «Lichtmusik»-Konzert des Südpool-Ensembles, das mit einer Installation des Videokünstlers Markus Brenner einhergeht. Auch ungewöhnliche Veranstaltungsorte gehören zum neuen Konzept. So findet im Stuttgarter Fernsehturm zu früher Stunde um 7.00 Uhr ein Sonnenaufgangs-Konzert statt. Vier weitere Konzerte für Frühaufsteher wird es in verschiedenen Kirchen geben. In den Wagenhallen, in denen früher Lokomotiven und Busse gewartet wurden, steht Weltkammermusik von Klezmer bis Jazz auf dem Programm.
Wie in jedem Jahr werden wieder mehrere Hundert Künstler aus aller Welt in Stuttgart erwartet, darunter große Solisten wie der Geiger Linus Roth, der Pianist Igor Levit und der Bariton Michael Nagy. Neben dem eigenen Festivalensemble mit begabten Nachwuchsmusikern aus zahlreichen Ländern steht mehrmals auch das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR auf der Bühne.
Sein Ziel hat Lorenz hoch gesteckt: Am liebsten wären ihm 45 000 Besucher, aber zumindest die 30 000 vom vergangenen Jahr will er «toppen». Einige schlaflose Nächte hat er hinter sich gebracht, weil der Kartenvorverkauf anfangs noch schleppend verlief. «Das liegt an der Tendenz der Menschen, sich immer später zu entscheiden», sagt er. Inzwischen läuft der Ticketverkauf gut - rund 10 000 Karten sind verkauft. Die Veranstalter hoffen aber auch auf viele spontane Besucher an den Abendkassen.
In zwei bis drei Jahren werde das Publikum die «neue Marke» verinnerlicht haben, glaubt Lorenz. Die Themen für die kommenden Musikfeste stehen bereits fest: 2010 soll sich alles um die «Nacht» drehen, 2011 wird das Festival unter dem Motto «Wasser» ausgerichtet. Der Intendant hofft, dass man bis dahin «auch in Hamburg weiß, dass es in Stuttgart ein hochkarätiges Klassikfestival gibt».