Osterholz-Scharmbeck - Verborgen im Wald liegt das ehemalige Munitionsdepot Lübberstedt im niedersächsischen Landkreis Osterholz. Das Theater «Das letzte Kleinod» hat sich das 70 Jahre lang vor den Augen der Öffentlichkeit verborgene Gelände jetzt als ungewöhnlichen Spielort gewählt.
Mit einem historischen Triebwagen erreicht das Publikum über ein altes Eisenbahngleis die Inszenierung «Muna Lübberstedt», die dort vom 1. bis 11. September gezeigt wird. «Während des Zweiten Weltkriegs wurden in den Bunkern und Fabriken Munition und Seeminen hergestellt», sagte Jens-Erwin Siemssen, Autor und Regisseur des Theaters, am Dienstag. Bis zum vergangenen Jahr habe die Bundeswehr das Gelände noch als Depot genutzt. Jetzt wird die Militärbrache Ort einer dokumentarischen Inszenierung, für die sich Siemssen auf Spurensuche in die Region begab.
Der Regisseur sprach in den umliegenden Dörfern mit Frauen, die als junge Mädchen in der Kleiderstube der Muna gearbeitet haben. Als Nachbarsjunge erlebte ein Zeitzeuge die Sprengung der Anlage mit. In Israel traf Siemssen eine 86 Jahre alte KZ-Überlebende, die von Mai 1944 bis April 1945 in der Muna Lübberstedt Zwangsarbeit leisten musste.
Mehr als vier Stunden habe die alte Dame über ihr Schicksal erzählt. «Das war für mich ein tief beeindruckendes Erlebnis», sagte der 46-Jährige. Demnach wurde die ungarische Jüdin im April 1944 mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert. Wenige Tage später sei sie zusammen mit anderen Frauen auf einem Lkw nach Lübberstedt gebracht worden. «Sie hat überlebt, weil sie kräftig, gesund und arbeitswillig war», sagte Siemssen.
Mit der Arbeit an dem Projekt begann der Autor und Regisseur aus Schiffdorf bei Bremerhaven vor einem Jahr, nachdem er erfahren hatte, dass die Anlage brachliegt. Denn «der besondere Ort ist unser Programm», sagte Siemssen, der in der Vergangenheit auch schon eine unbewohnte Insel, ein Tiefkühlhaus oder eine Hafenkaje zu Schauplätzen seiner Inszenierungen gemacht hat.
«Muna Lübberstedt» wird von fünf Akteuren in Szene gesetzt, die dafür teilweise in verschiedene Rollen schlüpfen. Zu den sieben Spielorten auf dem Gelände gehört beispielsweise einer von 50 baugleichen Bunkern, in denen die Munition gelagert war, ein Packmittelgebäude und ein Fallschirmhaus. Ob dort Fallschirme gefertigt oder verarbeitet wurden, habe er leider nicht herausbekommen, gab der 46-Jährige zu. Für die beiden Schauspielerinnen Bodil Strutz und Wiebke Acton macht der authentische Ort einen besonderen Reiz aus. Die Geschichte könne hier noch mehr als auf einer Theaterbühne erlebbar gemacht werden.
Die Inszenierung spannt einen Bogen von der Einzäunung des Areals bis zum Kriegsende. Bis 1941 sei das bewaldete Gelände ein Ausflugsort für Erholungssuchende aus Bremen und Bremerhaven gewesen, die dort am Wochenende spazieren gegangen seien oder Pilze gesammelt hätten. Dann sei der Wald plötzlich gesperrt und von einem Stacheldrahtzaun eingezäunt worden. «Es passierten die merkwürdigsten Dinge», sagte Siemssen. So hätten ihm die Zeitzeugen erzählt, wie sie die «Anlieferung» der Häftlinge beobachtet hätten und wie beim Marschieren im Wald Soldatenlieder gesungen worden seien.
So ungewöhnlich wie der Spielort selbst ist auch die Fahrt der Theaterbesucher dorthin. Jeweils 120 Zuschauer werden vom Bahnhof Lübberstedt abgeholt und fahren mit dem über 80 Jahre alten historischen Triebwagen zu den Spielstationen auf dem Gelände. Dafür wurden die 7,8 Kilometer langen, stillgelegten Gleise der Muna mit Unterstützung der Eisenbahnen- und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser (EVB) freigeschnitten, die Weichen gefettet und der Bahndamm von Wildkräutern befreit.
Mit der Inszenierung in der Muna Lübberstedt wird der Stacheldrahtzaun erstmals seit siebzig Jahren für Besucher geöffnet. Insgesamt sind 16 Vorstellungen geplant, von denen nach Angaben des Theaters bereits mehrere ausverkauft sind.