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Oberammergau: Regisseur Stückl im Passionsspiel-Stress

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Oberammergau - Im Hintergrund der riesigen Passionsspielbühne von Oberammergau steht ein künstlicher Baum. An ihm wird sich ab 15. Mai über 100 Mal Judas erhängen - nachdem er Jesus verraten und dafür 30 Silberlinge kassiert hat. «Unser Judas hat den Baum selbst gebaut», sagt Spielleiter Christian Stückl und deutet auf einen langhaarigen jungen Arbeiter, der gerade einen Balken über die Bühne schleppt.

«Judas ist auch unser Bühnenbildner», erklärt der Chef der nur alle zehn Jahre stattfindenden Aufführung. In vier Wochen ist Premiere. Und Stückl ist nervös. «Für mi' is' der Premierentag ein Graus'», sagt der 48 Jahre alte Spielleiter. Dabei inszeniert der gebürtige Oberammergauer das weltberühmte Christus-Event bereits zum dritten Mal. Noch laufen die Proben. Jeden Abend nach der Arbeit kommen die Laiendarsteller ins Passionstheater. Mit einem Mikrofon in der Rechten und einer Zigarette in der Linken tigert Stückl über die Bühne, dirigiert und korrigiert.

Der eine betont seinen Text nicht richtig, der andere kommt von rechts aus einem Torbogen, statt von links. Warum das eine falsch und das andere richtig ist, weiß nur Stückl. Er pocht auf Disziplin. Diskutiert wird nicht. Wer Proben schwänzt, fliegt raus. «Ich laufe auch ständig durchs Theater und sage: Kaugummi raus», schildert der Regisseur die profane Seite seiner künstlerischen Tätigkeit.

Über die Erwartungen des Publikums - immerhin bis zu 480 000 Menschen - denke er lieber nicht nach, sagt Stückl. Die Bandbreite reiche da wohl vom «historischen Spektakel bis zum Gottesdienst». Er wäre zufrieden, wenn die Zuschauer das Theater «angeregt, vielleicht betroffen» verlassen. Aber wirklich steuern lasse sich das nicht: «Jeder nimmt mit, was er meint.»

Trotz der unbestrittenen Führungsrolle Stückls, das Stück ist ein Gemeinschaftsprojekt des Dorfs im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Jeder gebürtige Oberammergauer und auch jeder, der mindestens seit 20 Jahren dort lebt, hat ein Anrecht darauf, eingesetzt zu werden. Für den Regisseur eine ziemliche Herausforderung. Beim Einzug nach Jerusalem stehen 450 Darsteller gleichzeitig auf der Bühne, bei der Verurteilung Jesu durch Pontius Pilatus sind es sogar 900.

Wer mitspielen darf, lässt sich leicht an der Haartracht erkennen. Überall im Dorf sind Männer mit struppigen Mähnen und Vollbärten unterwegs. Junge Burschen kurven auf ihren Skateboards herum. Mit breiten Frottee-Stirnbändern verhindern sie, dass ihnen die schulterlangen Haare die Sicht nehmen. Seit Aschermittwoch 2009 durften sich die Darsteller nicht mehr rasieren oder zum Friseur. Schließlich soll ja alles schön authentisch aussehen, wenn die über 2200 Mitwirkenden das neue Testament auf die Bühne bringen – mal abgesehen vom breiten oberbayerischen Dialekt der meisten Darsteller.

Die 2500 Kostüme wurden fast vollständig in Oberammergau gefertigt. Seit einem Dreivierteljahr sind Freiwillige damit beschäftigt, die aus der Türkei und Indien importierten, rauen, kratzigen Stoffe zu färben und zurechtzuschneidern. Die Rüstungen der Römer, die Lanzenspitzen und die Schwerter wurden vom Dorfschmied gefertigt. «Da gibt's kein Plastik», betont Stückl. Die Sandalen hat er in Israel bestellt. 600 Stück. Verhandelt wurde der Deal von einer protestantischen Pfarrerin in Jerusalem, erzählt Stückl und schmunzelt.

Doch dieser Aufwand geht ins Geld. 31 Millionen Euro hat die Gemeinde mit ihren nur 5200 Einwohnern als Kosten für die Festspiele veranschlagt. Allein 20 Millionen davon sind Gagen. «Die fließen ja wieder an die Bevölkerung zurück», versucht Stückl der Zahl den Schrecken zu nehmen und versichert: «Die Passionsspiele tragen sich selbst.»

Jedenfalls war das bisher immer so - nicht zuletzt dank der vielen Gäste aus den USA. Doch die lassen Oberammergau diesmal im Stich. 300 000 sogenannte Arrangements sollten dort verkauft werden – mindestens 199 Euro kostet so eine Übernachtung plus Eintrittskarte. Das sei schon ein teurer Spaß, räumt Stückl ein. Aber dafür bekomme man ja auch viel geboten. «Des is' koa gloane G'schicht», verweist er auf das Ausmaß der fünf Stunden langen Aufführung.

50 000 Arrangements blieben in den USA dennoch übrig. Auswirkung der Wirtschaftskrise, heißt es. Nun sollen die Sitzplätze einzeln losgeschlagen werden, hauptsächlich in Deutschland und Österreich. Normalerweise sind die Passionsspiele für die Hoteliers das Geschäft des Jahrzehnts. «Diesmal sind nicht alle Betten voll. Das erschreckt ein paar», sagt Stückl lakonisch. Er macht nicht den Eindruck, als würde ihn das sonderlich beunruhigen.

 

Fünf Daten zu den Passionsspielen 2010 in Oberammergau
-- Das traditionelle «Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus» geht auf ein Pestgelübde aus dem Jahr 1633 zurück. Die Passionsspiele werden alle zehn Jahre aufgeführt.

-- Premiere des 41. Passionsspiels ist am 15. Mai. Bis zum Ende der Aufführungen am 3. Oktober erwarten die Veranstalter fast eine halbe Million Zuschauer aus aller Welt.

-- Die Eintrittspreise beginnen bei 49,50 Euro und gehen bis 165 Euro. Ein Teil der Karten wird nur in Verbindung mit Übernachtungen angeboten. Das Theater bietet 4700 überdachte Sitzplätze.

-- Gespielt wird immer dienstags, donnerstags, freitags, samstags und sonntags. Beginn ist immer um 14.30 Uhr. Inklusive einer dreistündigen Pause dauern die Aufführungen bis 22.30 Uhr.

-- Neben den Hauptfiguren wie Jesus, Petrus, Judas, Pontius Pilatus und Maria gibt es 120 größere und kleinere Sprechrollen. Sie sind in der Regel doppelt besetzt. Insgesamt wirken mehr als 2200 Oberammergauer am Passionsspiel mit, darunter mehr als 600 Kinder.