Hauptbild
Blick auf Salzbrug. Foto: Hufner
Ruzicka will Osterfestspiele Salzburg dramaturgisch erneuern. Foto: Hufner
Hauptrubrik
Banner Full-Size

Salzburger Festspiele: Erlöser ante portas

Publikationsdatum
Body

Salzburg - Die Salzburger Festspiele stehen vor einem Intendantenwechsel. Die Erwartungen an den künftigen Festspielchef Markus Hinterhäuser sind hoch. Doch in diesem Jahr verantwortet noch der 58-Jährige Übergangs-Intendant Sven-Eric Bechtolf das Gesamtprogramm. Zudem steht er auch selbst auf der Bühne und ist für die Wiederaufnahme von Opern zuständig. Man wäre fast geneigt, das Festival (22. Juli - 31. August) spaßeshalber in Sven-Eric-Bechtolf-Festspiele umzubenennen.

Das ändert sich bald. Der in Darmstadt geborene Bechtolf wird sich mit Ende der diesjährigen Saison nach fünf Jahren, zunächst als Schauspieldirektor, dann auch als künstlerischer Leiter, von Salzburg verabschieden. Er hatte nach dem vorzeitigen Abtreten von Intendant Alexander Pereira (68) die Position kommissarisch übernommen.

Im Herbst nimmt dann Markus Hinterhäuser das Zepter in die Hand. Mit dem Dienstantritt des 58-jährigen Pianisten und Kulturmanagers verbinden sich bei den Salzburger Festspielen nach unsteten Zeiten mit schnell wechselnden Intendanten die allergrößten Hoffnungen auf mehr Kontinuität und neue künstlerische Impulse.

Hinterhäuser war nach dem ebenfalls vorgezogenen Abschied Jürgen Flimms schon einmal für eine Saison (2011) künstlerischer Leiter der Festspiele. Davor organisierte er unter Flimm das Konzertprogramm und setzte Akzente im Bereich der zeitgenössischen Moderne. Zu Zeiten Gerard Mortiers, der die Festspiele vom Staub der Karajan-Ära befreit hatte, war er für das Avantgarde-Programm «Zeitfluss» verantwortlich. Zuletzt hatte er die Leitung der Wiener Festwochen inne. Ein ausgefuchster, bestens vernetzter Kulturprofi, der als brillanter Pianist immer wieder gerne selbst in die Tasten greift.

Was Hinterhäuser, der in Salzburg zuweilen wie ein Erlöser gehandelt wird, für die nächste Saison im Köcher hat, ist ansatzweise schon durchgesickert. Es soll laut Nachrichtenmagazin «News» vier Schauspiel- und fünf Opernproduktionen geben. Bei den Opern soll es sich ausschließlich um szenische Neuproduktionen handeln, auch um Repertoire aufzubauen. Darunter eine Mozart-Produktion mit Originalklangensemble und ein Schlüsselwerk der Moderne.

Man kann davon ausgehen, dass die zeitgenössische Musik bei Hinterhäuser nicht zu kurz kommt. Als Gegenpol soll wohl Stardirigent Riccardo Muti (74) künftig im Festspielprogramm eine größere Rolle spielen. Vielleicht als Ersatz für den im März verstorbenen Nikolaus Harnoncourt, der viele Jahre die unumstrittene Leitfigur war. Muti gilt als konservativ. Schließlich muss Hinterhäuser, damit die Kasse stimmt, auch die Traditionalisten zufriedenstellen.

Mutis internationale Karriere ist untrennbar mit den Festspielen verbunden, seit ihn Herbert von Karajan 1971 einlud, die Neuproduktion von Mozarts «Così fan tutte» zu dirigieren. Seither stand er in der Mozartstadt immer wieder am Opernpult. Doch seine Beziehung zu Salzburg war nie ungetrübt. Anfang der 90er Jahre scheiterte eine Neuinszenierung von Mozarts «La clemenza di Tito» an seiner Reserviertheit gegenüber dem modernen Regie-Theater.

Von 1995 bis 2005 mied er es, in Salzburg Opern zu dirigieren. Von 2007 bis 2011 konnte man ihn alljährlich bei den von ihm geleiteten Pfingstfestspielen als Operndirigent erleben, wo er, mit wechselndem Erfolg, unbekannte neapolitanische Musiktheaterwerke ausgrub.

Bei den Salzburger Sommerfestspielen hat der kapriziöse Maestro seit 2011 keine szenische Oper mehr geleitet. Jetzt ist Hinterhäuser offenbar ein Coup gelungen. Wie österreichische Medien berichteten, wird Muti nächstes Jahr erstmals seit fünf Jahren bei den Festspielen wieder eine große Oper herausbringen: Verdis «Aida».

Vor seiner Rückkehr ans Salzburger Opernpult ist Muti dieses Jahr in einem Orchesterkonzert mit den Wiener Philharmonikern und einem Strauss-Bruckner-Programm zu erleben. Als Einspringer für Harnoncourt hat man Andrés Orozco-Estrada als Interpret von Beethovens «Neunter» gewonnen, einen in Wien lebenden Kolumbianer, der zur Zeit das hr-Symphonieorchester in Frankfurt am Main und das Houston Symphony leitet. An begabten Dirigenten herrscht weltweit kein Mangel. Da muss Hinterhäuser nur zugreifen.

 

Höhepunkte der Salzburger Festspiele

Es dürfte kaum möglich sein, noch eine Karte für den Auftritt der russischen Diva Anna Netrebko in einer konzertanten Aufführung von Giacomo Puccinis Oper «Manon Lescaut» zu ergattern. Doch es muss ja nicht immer nur Netrebko sei. Weitere Höhepunkte der Festspiele (22. Juli bis 31. August):

Mozart/da Ponte: In diesem Jahr gibt es die seltene Gelegenheit, alle drei Meisteropern, die Wolfgang Amadeus Mozart zusammen mit dem kongenialen Librettisten Lorenzo da Ponte geschrieben hat, am Stück zu sehen. Regisseur der drei Wiederaufnahmen ist Sven-Eric Bechtolf. Es gibt drei Dirigenten: Ottavio Dantone leitet «Così fan tutte», Alain Altinoglu dirigiert «Don Giovanni», und Dan Ettinger steht bei «Le nozze di Figaro» am Pult.

Zeitgenössisches: Freunde der zeitgenössischen Musik kommen bei der Premiere von Thomas Adès Oper «The Exterminating Angel» auf ihre Kosten. Weitere Werke des englischen Komponisten (geboren 1971) bietet die Reihe «Salzburg Contemporary».

Shakespeares «Sturm»: Der Schauspieler Horst Sachtleben ist den meisten wohl nur als Kekse essender Bischof in der TV-Serie «Um Himmels Willen» bekannt oder als Stimme des legendären Inspektors Columbo. Doch Sachtleben, einer der dienstältesten deutschen Mimen, ist mit allen Theaterwassern gewaschen. In der Neuinszenierung von William Shakespeares «Der Sturm» auf der Perner-Insel in Hallein spielt er Gonzalo, den weisen Ratgeber des Königs Prospero.

Thomas Bernhard: Bei seiner Uraufführung vor 44 Jahren war Thomas Bernhards Stück «Der Ignorant und der Wahnsinnige» Anlass für den Salzburger «Notlicht-Skandal»: Da sich die Festspiele weigerten, am Ende die von Bernhard vorgesehene Finsternis eintreten zu lassen und auch das Notlicht auszuschalten, kam es aus Protest zu keiner weiteren Aufführung. Dieses Jahr steht das skurrile Stück wieder auf dem Spielplan der Festspiele.

Orthodoxer Chorgesang: Wer die Don Kosaken für das Nonplusultra des russischen Chorgesangs hält, kann diese Fehleinschätzung korrigieren. Die «Ouverture spirituelle» zur Eröffnung der Festspiele bietet Musik aus dem christlich-orthodoxen Kulturkreis. Neben dem Chor der Staatlichen Kapelle St. Petersburg singen Ensembles aus Griechenland, Armenien, dem Libanon, Ägypten und Äthiopien.

In memoriam: Der Tod des Dirigenten Nikolaus Harnoncourt im vergangenen März hat bei den Salzburger Festspielen eine schmerzliche Lücke hinterlassen. Eigentlich sollte der Altmeister der historischen Aufführungspraxis zusammen mit seinem Originalklangorchester Concentus Musicus Wien die 9. Symphonie von Ludwig van Beethoven spielen. Jetzt wird daraus ein Gedenkkonzert mit dem gleichen Programm. Leitung: Andrés Orozco-Estrada.

 

Ort