Die Festmusik »An den Wind« von Hans Werner Henze wird unter Anwesenheit des Komponisten am 26. Mai 2012, um 15 Uhr im Rahmen der traditionellen Samstags-Motette des Thomanerchores und unter Mitwirkung des Gewandhausorchesters in der Leipziger Thomaskirche uraufgeführt. Es ist die zweite von fünf Kompositionen, die im Jubiläumsjahr der Thomana vom Bach-Archiv Leipzig beauftragt wurden.
Bereits uraufgeführt wurde eine Ostermusik des amtierenden Thomaskantors Georg Christoph Biller. Zu den Kirchenfesten bis Epiphanias 2013 erklingen des Weiteren Werke von Heinz Holliger (Reformationsfest 2012), Brett Dean (Weihnachten 2012) und Krzysztof Penderecki (Epiphanias 2013).
Der in Italien lebende Komponist Hans Werner Henze zählt zu den bedeutendsten Vertretern seiner Generation. Gemeinsam mit seinem Textdichter, dem Wittenberger Theologen Christian Lehnert, schuf er aus Anlass des Thomana-Festjahres ein etwa halbstündiges Chor- und Ensemblestück, welches im Rahmen der traditionellen Samstags-Motette Pfingsten 2012 vom Thomanerchor uraufgeführt wird. Gegliedert in fünf Sätze, die sich zu zwei großen Teilen fügen, reflektiert die Festmusik die »Legende« (Henze) von Pfingsten auf mehreren Ebenen. Das Wunder, das sich mit der »Ausgießung des Heiligen Geistes« am 50. Tag nach Ostern zugetragen hat, bietet den Ausgangspunkt für eine überzeitliche Interpretation. Neben neu entstandener Dichtung werden auch der mittelalterliche Pfingsthymnus »Veni creator spiritus« sowie Bibelverse einbezogen. »An den Wind« ist musikalisch recht frei geformt und wird dabei stets inhaltsbezogen entwickelt. Während es im ersten Teil vorrangig um eine Situation von Verlassenheit und Trauer geht, formulieren Henze und Lehnert in den Folgesätzen Gründe für Hoffnung und damit für Zukunft. Das Werk schließt mit einem Choral, der Lehnerts schlichte, poetische Verse in berührende, durchsichtige Klänge kleidet.
Die 800-jährige Tradition der Thomaskirche, des Thomanerchores und seiner Kantoren ist eine Geschichte von Uraufführungen. Johann Sebastian Bach hat in seinen ersten Leipziger Jahren annähernd jeden Sonntag eine neue Kantate zur Uraufführung gebracht, aber auch viele seiner Vorgänger und Nachfolger im Amt des Thomaskantors schufen seinerzeit Werke für den berühmten Knabenchor. Vor diesem Hintergrund beauftragte das Bach-Archiv Leipzig als Partner der Thomana 2012 fünf zeitgenössische Festmusiken für die höchsten Kirchenfeste 2012/2013, die in ihrer formalen Anlage und ihrem Entstehungsanlass an die musikalische Tradition der Thomana anknüpfen. Die fünf Auftragskompositionen wurden, bzw. werden im Rahmen des Festjahres 2012 an Ostern, Pfingsten, zum Reformationsfest und an Weihnachten, bzw. beschließend zu Epiphanias 2013 jeweils im liturgischen Rahmen des Festgottesdienstes uraufgeführt und regulär im Rahmen der traditionellen wöchentlichen Motette in der Thomaskirche wiederholt.
Namhafte Künstler unterschiedlicher Herkunft, Konfession und kompositorischer Auffassung wurden für dieses Projekt verpflichtet. Neben Hans Werner Henze (Deutschland/Italien), legen die Komponisten Heinz Holliger (Schweiz), Brett Dean (Australien/Deutschland) und Krzysztof Penderecki (Polen) Zeugnis ab von der musikhistorischen Bedeutung des Triumvirats Thomanerchor, Thomasschule und St. Thomas und bestätigen den Ruf des Thomanerchores als Ensemble von Weltgeltung. Den Reigen der Festmusiken eröffnete Ostern 2012 eine Komposition des amtierenden Thomaskantors Georg Christoph Biller. Partner des Projekts sind der Leipziger Thomanerchor und das Gewandhaus zu Leipzig, ermöglicht wird es durch maßgebliche Förderung der Kulturstiftung des Bundes, der Ernst von Siemens Musikstiftung und des BMW Werks Leipzig.
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Das Bach-Archiv Leipzig versteht sich als musikalisches Kompetenzzentrum am Hauptwirkungsort Johann Sebastian Bachs. Sein Zweck ist, Leben, Werk und Wirkungsgeschichte des Komponisten und der weit verzweigten Musikerfamilie Bach zu erforschen, sein Erbe zu bewahren und als Bildungsgut zu vermitteln. Die besondere Stärke des Bach-Archivs liegt in dem Perspektivenreichtum, den es im Zusammenwirken von Forschungsinstitut, Bibliothek, Bach-Museum, künstlerischem Betriebsbüro und Servicefunktionen auf eine der herausragenden Künstlerpersönlichkeiten der europäischen Kulturgeschichte richten kann.