Potsdam - Mit sinkenden Corona-Werten können auch viele Kulturveranstalter wieder aufatmen. Doch die größeren Open-Air-Festivals in Brandenburg warten noch immer auf ein Signal aus der Politik. Eine zweite Saison mit großen Verlusten können sich viele Veranstalter nicht vorstellen.
Auch drei Monate nach dem Brandbrief von 50 Open-Air-Festivals in Brandenburg fehlt vielen Veranstaltern noch immer eine Perspektive für die kommenden Monate. Zwar sollen bald öffentliche Veranstaltungen im Freien mit bis zu 1000 Teilnehmern erlaubt werden, die großen Musikfestivals, die im vergangenen Jahr schon wegen der Corona-Pandemie weitgehend ausfielen, warten damit aber noch immer auf grünes Licht.
Die Festivals hatten Mitte März in einem offenen Brief auf ihre existenzbedrohende Lage verwiesen und Ministerien und Kommunalverwaltungen um Unterstützung gebeten. Erwartet wurden Hilfen bei der Ausarbeitung von Hygienekonzepten, sowie die Übernahme von Einnahmeverlusten, Planungs- und Organisationskosten. «Viele Veranstalter haben mit Blick auf die sinkenden Corona-Zahlen Open-Air-Festivals für die kommenden Monate geplant und wissen noch immer nicht, ob sie die Veranstaltungen doch noch absagen müssen», sagt Carsten F. Hiller, Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur Brandenburg.
Nach dem Programm «Neustart Kultur» vom Sommer 2020 hatte der Bund Ende Mai dieses Jahres einen Sonderfonds für Kulturveranstaltungen in Höhe von 2,5 Milliarden Euro für Konzerte, Theateraufführungen und Kinovorstellungen aufgelegt. Von Juli an sollten es Veranstaltungen mit bis zu 500 Personen geben, einen Monat später mit bis zu 2000 Besuchern. Ab September soll auch diese Grenze fallen, so der Bund.
Viele der größeren Open-Air-Festivals in Brandenburg, die in normalen Jahren Besucher im sechsstelligen Bereich anziehen, haben Veranstaltungen zwischen Juni und August geplant. «Für sie kommt das Sonderprogramm zu spät, oder der planbare Zeitraum für Festivals liegt zu weit im Herbst», betont Hiller. Zudem sei es noch unklar, wann die vom Bund avisierten größeren Besucherzahlen in Brandenburg wieder möglich sind, da hier bislang eine Besucherzahl von höchstens 1000 gilt.
«Selbst wenn in Brandenburg wieder Veranstaltungen von mehr als 2000 Besuchern erlaubt werden, gibt es immer noch das Risiko steigender Corona-Zahlen», sagt Hiller. Eine staatliche Bürgschaft für coronabedingte Ausfälle könnte den Veranstaltern mehr Planungssicherheit geben. Auch sollten mehr Veranstaltungen als Modellprojekte möglich sein, die von wissenschaftlichen Untersuchungen begleitet werden.
Eines der ganz wenigen Modellprojekte ist «Zurück zu den Wurzeln» in Niedergörsdorf (Teltow-Fläming), das bis zu 3500 Teilnehmer besuchen dürfen. Festival-Mitgründer Björn Oesingmann hat für dieses Jahr zwei Veranstaltungen geplant. «Eine Veranstaltung für Juni mussten wir absagen, weil sich das Kulturministerium nur für gemeinnützige Festivals zuständig fühlt.» Für Oesingmann ist das eine «Frechheit», wie er sagt. «Wir sind nicht bei Blohm und Voss und bauen Schiffe, sondern wir sind ein temporäres soziokulturelles Zentrum und machen echte Kulturarbeit.»
Große Unterstützung habe er dagegen beim Wirtschaftsministerium gefunden. «Die Zusammenarbeit hat super geklappt. Nach dem Ok vom Gesundheitsministerium war unser Projekt genehmigt.» Nun hofft er, das Defizit von rund zwei Millionen Euro, das durch die Begrenzung auf drei Veranstaltungen 2020 mit jeweils nur 1000 Teilnehmern entstanden war, in den nächsten Jahren ausgleichen zu können.
Auch für den Gründer des Niederlausitz-Festivals «Wilde Möhre», Alexander Dettke, wäre ein 1000-Besucher-Limit eine «Riesenkatastrophe». Damit wären größere Festivals unwirtschaftlich. «Wir haben viele Vorschläge für größere Veranstaltungen gemacht, auch im Brandbrief», sagt Dettke. Nach einem Jahr Erfahrungen mit Corona erwarte er mehr von der Politik.
Bleibende Schäden in der Festival-Landschaft Brandenburgs befürchtet Hiller, sollten die Corona-Zahlen im Herbst wieder steigen und einen weiteren Lockdown auslösen. Die meisten Festivals hätten sich «so durchgeboxt». Noch eine Saison mit den bisherigen Einschränkungen würden etliche aber nicht überstehen, ist sich Hiller sicher. «Mit dem Verlust von Festivals würde viel verloren gehen, was Kultur, Tourismus und Weltoffenheit Brandenburgs auszeichnet.»
Das Kulturministerium hat nach eigenen Angaben für ein 2020 begonnenes Hilfsprogramm zum Ausgleich von Einnahmeausfällen für gemeinnützige Brandenburger Kultureinrichtungen bis Ende Juni des Jahres fünf Millionen Euro bereitgestellt. Unter den Veranstaltern befanden sich im Vorjahr fünf Festivals aus dem Bereich Popularmusik und Jazz. In diesem Jahr werden unter anderem das Kunstfestival aquamediale 14 im Spreewald, die 30. Musikfestspiele Potsdam Sanssouci und der Choriner Musiksommer gefördert.