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Jörn Peter Hiekel: Bernd Alois Zimmermanns „Requiem für einen jungen Dichter“ (Beihefte zum Archiv für Musikwissenschaft, Band VI), Stuttgart 1995, Franz Steiner, 441 Seiten, 188 Mark.Bernd Alois Zimmermanns „Requiem für einen jungen Dichter – ein Lingual für Sprecher, Sopran- und Baritonsolo, drei Chöre, Tonband, Orchester, Jazz-Combo und Orgel“, zwischen 1967 und 1969 entstanden und zu den letzten Werken des Komponisten zählend, hat sich mit zwei CD-Veröffentlichungen der letzten Jahre (Wergo und Sony) einen für die Neue Musik außergewöhnlich exponierten Platz auf dem Tonträgermarkt gesichert. Den Aufnahmen zur Seite steht die 1993 an der Universität Bonn abgeschlossene, seit nunmehr einem Jahr publizierte Dissertation von Jörn Peter Hiekel, der seine – ums gleich vorwegzunehmen – profunde und profitable Werkdarstellung auch – freilich in äußerst konziser Form – im Booklet der Sony-Einspielung von 1996 kondensiert hat.
Damit weist das „Requiem“ eine ähnlich stupend dichte Quellenlage auf – natürlich hat das Stück etliche Aufsätze gezeitigt – wie Luigi Nonos „Streichquartett“. Doch anders als beim Nonoschen Stück, dessen „Pudels Kern“ längst noch nicht offengelegt ist, dürfte dank Hiekel in künftiger Zeit wohl kaum noch Neues, Gehaltvolles über Zimmermanns Lingual ans Licht gebracht werden.
Die Rentabilität seiner Arbeit zeigt sich bereits im Ansatz. Die Analyse des Stücks beschränkt sich keinesfalls nur auf das Musikalische, dies griffe bei einem Komponisten wie Zimmermann auch viel zu kurz. Die Analyse stützt sich vielmehr darauf, das gesamte Panorama, das wahrlich ein konvexes ist, darzubieten, das dem „Requiem“ und darüber hinaus dem Zimmermannschen Denken und Arbeiten zugrundeliegt. Die Fokussierung aufs einzelne Werk und die gleichzeitige prismatische Öffnung zum Œuvre und den weiten Interessensfeldern des Komponisten hat ein formidables Netz von Beziehungen offengelegt, wie es zweifellos bei jeder epochalen Komposition der Fall ist. Und damit greift Hiekels Arbeit auch über den beliebten musikologischen Tellerrand der Werkmonographie, und das so weit, daß die Arbeit in ihrer rhizomartigen Anlage Schule machen sollte. Allein schon die Bekanntmachung zahlloser Zimmermann-Zitate, die bislang im Nachlaß-Archiv der Akademie zu Berlin schlummerten und die belegen, wie sinnig und nötig die Gesamtedition seiner Schriften und Briefe ist, geben der Arbeit ein großes Plus. Nicht nur für die Zimmermann-Forschung wäre dies ein Gewinn, überhaupt für die geschlossenere Geschichtsschreibung der Nachkriegsavantgarde.
Der Autor bedient sich zudem der meist vernachläßigten Methode der „oral history“. Nicht daß dieser Weg stets der richtige wäre, selbst gut erinnernde Zeitgenossen verdunkeln manches mehr als es zu erhellen; indes sind die Informationen der konsultierten Personen so sacht eingeflossen, daß die Aussagen tatsächlich die erwähnten Sachverhalte affimieren, rektifizieren oder negieren. Die einzelnen Ergebnisse, die der Verfasser zu Tage gefördert hat, lassen sich allesamt nicht anreissen. Hiekel spürt das auf, was zum besseren Verständnis von Werk und Komponist notwendig ist: Werkgenese, Skizzenvergleich, zeitgeschichtliches Umfeld von Kunst, Politik und Gesellschaft, literarischer Background Zimmermanns. Die Probleme, die sich nach der Lektüre der Arbeit einstellen, sind die, daß die Einbettung des Werkes in das gesellschaftlich-politische Umfeld der 68er Zeit sowie die Diskussion um engagierte Kunst und damit einhergehende Verweise auf das „living theatre“ sowie Fluxus als auch Happening – werden fälschlicherweise miteinander gleichgesetzt (die erste Fluxus-Retrospektive fand 1970 nicht in Düsseldorf sondern in Köln statt) – nicht erschöpfend diskutiert werden. Das schmälert den Wert der Studie keineswegs, es legt vielmehr offen, wie wichtig und überfällig ein interdisziplinäres Arbeiten in dieser Hinsicht ist.