In einem Offenen Brief hat Bundestagspräsident Norbert Lammert am 29. November 2010 den Fernsehrummel um die Verleihung des Deutschen Theaterpreises "Faust" kritisiert. Wir veröffentlichen hier diesen Brief sowie die Antwort des Deutsche Bühnenvereins auf das Schreiben.
1. Offener Brief von Prof. Dr. Norbert Lammert"
"Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Herr Bolwin,
auf deutschen Bühnen habe ich schon manches gesehen. Vieles hat mich begeistert, manches verstört, einiges irritiert, häufiger inspiriert. Ich bin selten verärgert, nie wütend aus dem Theater gegangen.
Bis zum letzten Sonnabend und der Verleihung des Deutschen Theaterpreises "Faust" im Essener Aalto-Theater. Diese unglaubliche Selbstabdankung des Theaters und seiner Ansprüche zugunsten eines beliebigen Fernseh-Unterhaltungsformats, das für fast alles Zeit hat, nur nicht für authentisches Theater, macht mich fassungslos: Grußworte, Moderationen, Laudationes, Musikeinlagen, Slapsticks und eine Saalwette (!!) mit zwei renommierten Schauspielern als Showmaster, die für ihre mal geistreichen, mal albernen Auftritte vermutlich höhere Gagen erhalten haben, als für ihre bei weitem besseren, gehaltvolleren Theaterrollen. Und dazwischen: Nominierungen für Darsteller, Tänzer, Sänger, Regie, Bühnenbild, Choreographie, präsentiert in fernsehgerechten Häppchen von jeweils etwa 30 Sekunden aus der Konserve – ein Format, das die Kunst bis zur Unkenntlichkeit entstellt, während die allgegenwärtige Unterhaltung in der Verantwortung des Deutschen Bühnenvereins dem Theater ihre Lektionen erteilt.
Ich hätte wissen sollen, worauf ich mich eingelassen habe, als ich Ihrer ausdrücklichen Bitte zur Teilnahme und Mitwirkung an der Preisverleihung folgte. Schließlich habe ich schon die Premiere vor fünf Jahren als abschreckendes Beispiel empfunden und öffentlich kritisiert, dass sich das Theater nicht selbst zum Affen machen darf. Mit kaum entschuldbarer Treuherzigkeit habe ich mich auf Ihre Zusicherung verlassen, inzwischen sei das Konzept weiterentwickelt worden: "Unser Hauptanliegen ist, dass die nominierten Künstler ihre Arbeit positiv gewürdigt sehen, und dass die Zuschauer am Verleihungsabend die Breite und die Bedeutung unserer Theaterlandschaft erleben." Auf diesen fast selbstverständlichen Anspruch passte das Hollywood-Format wie die Faust aufs Auge. Die einzige für mich erkennbare Weiterentwicklung war die geradezu umwerfende Saalwette, mitten aus dem Theaterleben, in dem es kaum Aufregenderes gibt, als die unterschiedliche, von wirklichen Schauspielexperten deshalb leicht erkennbare Qualität von Brühwürstchen in den Theaterkantinen. Spätestens an dieser Stelle wird – hoffentlich – die Hälfte der "28 Zuschauer im ZDF-Theaterkanal", so Wolfram Koch als Conférencier, das Programm gewechselt haben. Schlimmer geht’s nimmer. Oder doch: wetten, dass!
Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Norbert Lammert"
2. Antwort des Deutschen Bühnenvereins vom 1. Dezember:
"Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident, lieber Herr Lammert,
dass Ihnen die FAUST-Verleihung in Essen am vergangenen Wochenende, über deren Verlauf Sie ja weitgehend vorher informiert waren, nicht gefallen hat, ist Ihre persönliche Angelegenheit. Es wirft aber auf Ihre Meinungsfindung ein merkwürdiges Licht, dass Sie sich ein öffentliches Urteil anmaßen, obwohl Sie die Veranstaltung bereits nach etwa einer Stunde verlassen haben und deshalb vieles gar nicht wahrnehmen konnten. Hoffentlich findet Ihre Meinungsbildung in anderen wichtigen Fragen nicht auf ähnlich fragmentarischer Grundlage statt. Dass Sie weder über den Humor noch das Verständnis für eine Parodie auf ein Fernsehformat wie die Saalwette verfügen, hatten wir nicht erwartet. Auch nicht Ihre Intoleranz gegenüber dem Anliegen von zwei wunderbaren Schauspielern, einer Preisverleihung mit künstlerischem Wagemut und Ironie einen eigenen Stil zu geben, über den wir gerne streiten mögen. Mehr Grandezza gegenüber der Kunst und ein liebevollerer Blick auf das, was da in Essen geleistet wurde, hätten den zahlreichen dort anwesenden Künstlern sicher gut getan. Schade, dass gerade Sie dies nicht mitbringen. Bei vielen, vor allem jüngeren Besuchern hat im Übrigen die Veranstaltung großen Anklang gefunden. Auch das sollte Ihnen zu denken geben.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Klaus Zehelein, Präsident
Rolf Bolwin, Geschäftsführender Direktor"