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Dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, den folgenden Absatz ein zweites Mal in dieser Ausgabe finden – nämlich gleich auf Seite drei im Gespräch mit Bundeskulturminister Michael Naumann – ist ausnahmsweise Absicht. Erstmals äußerte sich unser ansonsten vorwiegend bibliophiler oberster Kultur-Staatsdiener öffentlich und ausführlich zu musikalischen Phänomenen. Und es lassen sich klare Positionen erkennen:
„Einen größeren Akzent möchte ich in Zukunft vor allem auf die Förderung des Musikunterrichts an der Schule setzen. Und das kann man auch symbolisch machen. Es ist nicht immer nur Geld, was da eine Rolle spielt. Der Musikunterricht an der Schule ist nach Aussagen aller Kenner ins Hintertreffen geraten. Ich halte das für hoch problematisch. Es ist auch aus verschiedenen anderen Gründen problematisch, die etwas mit dem Wirtschaftsleben in unserem Lande zu tun haben. Prinzipiell ist es so, dass Musik die Fenster zur eigenen Seele öffnet. Das ist meine feste Überzeugung. Dass die Musik in den Schulen ins Hintertreffen geraten ist, ist höchst bedauerlich. Das scheint mir etwas mit der Ökonomisierung unseres Selbstbewusstseins in Deutschland zu tun zu haben. Dass dieses Land eine Kulturnation sei, erzählen wir permanent allen anderen in Europa mit großem Stolz und weisen auf unsere zahlreichen Opernhäuser hin. Dass aber in diesen Opern und überhaupt in den Konzerten immer weniger junge Menschen auftauchen, ist nachweisbar und ein Problem. Das hat etwas zu tun mit dem Musikunterricht. Hier gilt es, ein öffentliches Bewusstsein zu erzeugen, um dieses Defizit zu verstehen.“
Vom 4. bis 7. November feiert der Verband Deutscher Schulmusiker in Weimar sein 50-jähriges Bestehen. Viel Grund für Festlichkeiten gibt es nicht. Der Zustand unserer Schulmusik ist in der Tat miserabel. „Brücken der Geschichte – Brücken der Erfahrung“ lautet das spürbar gewollt konstruktive Motto des Treffens. Und aus den vier Leitfragen des Vorsitzenden Hans Bäßler wabert allerhand psychologischer und soziologischer Dunst. Die Kernfrage wird nicht gestellt: Was ist zu tun, um dem Musikunterricht an unseren allgemeinbildenden Schulen den angemessenen Stellenwert zu verschaffen. Eine Antwort liefert – frei Haus – der Bundeskulturminister: Einfluss aufs öffentliche Bewusstsein nehmen. Ob das mit Podiumsgesprächen, die in ihrer Besetzung gewissermaßen an Verbands-Veteranentreffen erinnern, zu leisten ist, darf man bezweifeln. Angesichts seiner gesellschaftlichen Verantwortung möchte man dem Schulmusiker-Verband – mit Verlaub gesagt – gelegentlich ins verlängerte Rückgrat treten: um ihn in Bewegung zu setzen. Michael Naumanns engagierte Worte sind Auftrag und ausgestreckte Hand zugleich.