Hauptbild
Verneigung vor einer Legende: Miles-Tribute «Everything's Beautiful». Foto: CD-Cover
Verneigung vor einer Legende: Miles-Tribute «Everything's Beautiful». Foto: CD-Cover
Banner Full-Size

Verneigung vor einer Legende: Miles-Tribute «Everything's Beautiful»

Publikationsdatum
Body

Berlin - Für einen Jazznerd bedeutet das Gänsehaut, Herzrasen, Erfüllung: Ein Plattenlabel öffnet das Archiv der Musikerlegende Miles Davis und sagt «Nimm, was immer du brauchst». So geschehen bei Columbia/Legacy. Der Glückliche ist aber kein gewöhnlicher Fan des Trompeters, sondern Robert Glasper, ebenfalls Ausnahmemusiker und Jazzpianist.

 

Fast ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte hat Miles Davis mitgeschrieben. Vor knapp 25 Jahren starb der Mann mit dem Horn. Jetzt, am 26. Mai, wäre er 90 Jahre alt geworden. Genug Anlass also für die Tribute-Scheibe «Everything's Beautiful», produziert von Robert Glasper, der auch den Soundtrack für die aktuelle Filmbiografie «Miles Ahead» geschrieben hat.

«Die Idee hinter «Everything's Beautiful» war es zu zeigen, wie Miles die Menschen dazu inspirierte neue, eigene Kunstformen zu erschaffen», sagte Glasper dem Plattenlabel. Und so wählte der Grammy-Gewinner bekannte Songs aus der Zeit zwischen Mitte der 1950er bis Mitte der 1970er Jahre, ein paar original Trompeten-Sequenzen und Wortschnipsel.

Miles redete mit seiner markant rauen Stimme ja nie viel. Und wenn, dann oft kryptisch und metaphorisch. Er sprach von Farben und Formen. «Als wir einmal an einer stolpernden Frau vorbeigingen, zeigte er auf sie und meinte: Spielt das», erzählte einer seiner frühen Weggefährten, Pianist Herbie Hancock, in seiner Biografie «Possibilities».

Immer hellwach und in Unruhe, ständig auf der Suche nach Veränderung und Neuem. «In der Musik geht es nicht darum, still zu stehen und sich in einem sicheren Terrain aufzuhalten», schrieb Miles in seiner Autobiografie «Miles» (mit Quincy Troepe, 1989). Und so hielt es der Trompeter auch mit dem Rest des Lebens. Immer auf der Überholspur. Er liebte schicke Klamotten, schöne Frauen und schnelle Autos. Ende der 50er Jahre fuhr er zum Beispiel einen Mercedes, verkaufte ihn kurzerhand und holte sich einen weißen Ferrari - natürlich ein Cabriolet, nur um einer Frau zu imponieren.

Miles - die Stilikone. Vom Cool Jazz über Hard Bop hin zu modalem Jazz und Jazzrock, all diese Richtungen hat der Trompeter maßgeblich beeinflusst. Und «Everything's Beautiful» ist eine recht artige Verneigung der aktuellen afroamerikanischen Musikerszene vor einem ihrer großen Helden, spannt den Bogen mit entsprechenden Zitaten aus seinem Werk. «Milestone» (feat. Georgia Anne Muldrow) entstand im Original 1958 zusammen mit Schlagzeuger Max Roach. Hip-Hop-Veteran Phonte nimmt sich bei «Violets» den Song «Blue in Green» des Albums «Kind of Blue» (1959) vor.

«Right on Brotha» erinnert an das Titelstück des Albums «Nefertiti» (1968). Steve Wonder spielt mit der Mundharmonika das Thema des Wayne Shorter Songs. In seiner Biographie beschreibt Miles diese Zeit als besonders bewegend. «Die Musik, die wir spielten, änderte sich jeden Abend. Hattest Du ein Stück gestern gehört, klang es heute komplett anders. Und vielleicht wurde es ja hip.»

«Ghetto Walkin» (feat. Bilal) ist eine schnelle Version von «The Ghetto Walk» (1968-69 «The Complete In a Silent Way Sessions»). Auf «I'm leaving you» (feat. John Scofield & Ledisi) hört man Miles sagen «Wait a minute». Der Gesprächsfetzen stammt aus einer Session zum Album «A Tribute to Jack Johnson» (1971). «Maiysha» (feat. Erykah Badu) ist ein Song aus dem Fusion-Album «Get Up With It» (1974) mit einem so wunderbar typischen Trompetensolo von Miles - hier unterlegt mit einem Bossa Nova Rhythmus.

«Das schöne an diesem Album ist, dass es auf dem Fundament von Miles' Ideen basiert, auf seiner Vision, seinem Trompetenspiel, seiner Stimme, seinen Kompositionen und seiner Coolness», fasst Glasper zusammen. Und das passt. Miles Davis komponierte seine Musik selten aus. Er notierte meist nur Fragmente, um seinen Musikern kreativen Freiraum zu lassen. Er sagte: «Spiel nicht das, was da steht. Spiel das, was nicht da steht.» Sie sollten spontan ihr eigenes Ding einbringen. Das war's. Das machte ihn glücklich.