Nicht nur dem Geburtstagskind Mendelssohn widmet der Bayerische Rundfunk im Februar ein ausführliches Feature: Auch mit dem Blick der Neurophysiologie auf die Musik, mit ungewöhnlichen Musikinstrumenten oder mit der Mäzenin Winnaretta Singer-Polignac beschäftigen sich Bayern 2 Radio und Bayern 4 Klassik im kommenden Monat.
„... der schönste Zwischenfall der deutschen Musik...“
Felix Mendelssohn-Bartholdy
Von Wiebke Matyschok
1.2.2009, 18.05 Uhr, Bayern 4 Klassik
„Dass es ausgerechnet ein Komödiant und ein Judenjunge sein müssen, die den Leuten die größte christliche Musik wiederbringen“, rief er aus auf dem Opernplatz. Felix. Normalerweise vermied es der „Judenjunge“, der ein getaufter Protestant war, der Religion seiner Vorfahren zu gedenken. Doch war er übermütig, als er mit einem Freund durch Berlin spazierte - im Passionsaufzug: Blauer Rock, weiße Weste, braune Pantalons, hellgelbe Handschuhe aus Wildleder, Festschokolade in den Taschen. Der Spaziergang war erfolgreich. Alle Solo-Sänger sagten zu für die Wiederaufführung Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach. Der Komponist trat 1829 in Berlin ins Bewusstsein einer neuen bürgerlichen Öffentlichkeit infolge des Geniestreichs eines jungen Mannes. Felix Mendelssohn-Bartholdy. Deutscher, Europäer, Kosmopolit, Protestant, getaufter Jude, Enkel eines Philosophen, Sohn eines Bankiers, Komponist, später Gewandhaus-Kapellmeister. Viele Facetten einer Persönlichkeit. Er ging bald nach dem Erfolg der Matthäuspassion auf Reisen. Italien, Frankreich, Schweiz. Seltsam, fast schon visionär muten da die Bemerkungen an, die er seinem Lehrer Carl Friedrich Zelter 1832 bei seiner Rückkehr schickte: „denn da merkte ich, dass ich ein Deutscher sei und in Deutschland wohnen wolle, solange ich es könne. Sonst bleibt mir die Fremde immer noch, wo es dem Fremden leichter wird, aber ich hoffe, ich werde es nicht brauchen.“ Zu Lebzeiten gefeiert, sollte er nach seinem Tod verfemt und seine Musik 1933 schließlich sogar verboten werden. Das Denkmal in Leipzig wurde 1936 abgerissen. Felix - der Glückliche?
taktlos # 131
Kirchenmusik in Not?
Live aus der Himmelfahrtskirche in München/Sendling
5. Februar 2009, 21.03 Uhr, Bayern 4 Klassik
In einer Studie hat der Deutsche Kulturrat nachgewiesen, dass die Kirchen gerade in ländlichen Regionen als zentrale Vermittler der Künste kräftig wirken. Sie sorgen zum Beispiel für lebendige Musikkultur auch fernab der Metropolen. Nun gerät aus angeblichem Sparzwang die Kirchenmusiker-Ausbildung unter Druck: Hochschulen schließen, Kantoreien werden fusioniert, Stellen gestrichen, die professionellen Anforderungen teils drastisch gesenkt. Die Folge: ein Kultur-Kahlschlag? taktlos # 131, live aus der Himmelfahrtskirche München-Sendling sucht nach Lösungsansätzen. Am 5.2. um 21.03 Uhr auf Bayern 4 Klassik und weltweit gestreamt im Internet. Und die Live-Musik liefert der Chor der Himmelfahrtskirche Sendling, Leitung Klaus Geitner.
Musik aus der Perspektive neurophysiologischer Forschung
Von Hanno Ehrler
8. Februar 2009, 20.05 Uhr, Bayern 2 Radio
Gelbe, rote und grüne Flecken leuchten im dunklen Blau der Gehirnmasse auf dem Computerbildschirm. Die Flecken zeigen an, dass der Proband im Magnetresonanztomografen gerade etwas gehört hat. Mit solchen Bildern gewinnt die Neurowissenschaft neue Erkenntnisse über die Wahrnehmung von Musik im Gehirn. Offenbar ist die Verarbeitung von akustischen Informationen die komplexeste Leistung dieses Organs. Es muss Frequenzen und Lautstärken verrechnen, es muss diese Daten zu einem sinnvollen Ganzen fügen und sie mit bereits Gelerntem zusammenbringen. Für das Lernen von Musik werden aus der aktuellen Forschung Konsequenzen gezogen. Das neurowissenschaftliche Datenmaterial lasse den Schluss zu, dass konsonante Musik besser vom Gehirn verarbeitet werden kann als dissonante. Das Hören von „richtiger“ Musik also, zum Beispiel von Mozart, mache intelligent. Dem widersprechen viele Musikpädagogen. Sie berufen sich auf andere Erfahrungen aus der Praxis. Und da die Neurowissenschaften derzeit sehr populär sind, fürchten sie den Einfluss der bisher wenig gesicherten Erkenntnisse in politische Entscheidungen.
Eine kleine Geschichte ungewöhnlicher Musikinstrumente
Von Sibylle Kaiser
12. Februar 2009, 21.03 Uhr, Bayern 4 Klassik
Sie waren Ingenieure, Staatsmänner oder Physiker – die Neu- oder Weiterentwicklung von Apparaten, mit denen man Musik erzeugen kann, faszinierte bei weitem nicht nur Musiker und Komponisten. Natürlich war die elektronische Klangerzeugung ein Meilenstein, der vor allem Forscher dazu veranlasste, neuartige Instrumente zu bauen - die Beispiele Trautonium, Theremin oder die „Ondes Martinot“ zeugen von ihrem jeweiligen Erfinder bereits mit ihrem Namen. Doch bereits seit Menschengedenken wurde an Musikinstrumenten „herumgedoktort“ und versucht, ein Instrument kräftiger, das nächste ausdrucksstärker, ein drittes leichter bedienbar oder einfach billiger zu bauen. Dieser ungebrochene Drang, an einem Instrument doch noch etwas verbessern zu wollen, führte im Laufe der Musikgeschichte zu teilweise abstrusen Mutationen, wobei der „Fortschritt“ noch nicht am Ende angelangt zu sein scheint! Diesen seltsamen, nicht weiter zu gebrauchenden „one-hit-wonders“ der Musikinstrumente spürt Sibylle Kayser in der Sendung "Trautonium, Nagelgeige und Äolsharfe – Eine kleine Geschichte ungewöhnlicher Musikinstrumente" nach. Muse der enfants terribles
Die Mäzenin Winnaretta Singer-Polignac
Von Sabine Fringes
19. Februar 2009, 21.03 Uhr, Bayern 4 Klassik
Von Cocteau stammt das anspielungsreiche Bonmot, die Prinzessin sei in die Musik verliebt wie eine Nähmaschine in den Stoff. Winnaretta de Polignac, die Tochter des Nähmaschinenherstellers Isaac Merrit Singer, hatte von ihrem reichen Vater ein stattliches Vermögen geerbt, das sie gemeinsam mit ihrem Gatten, dem Prinzen Edmond de Polignac, auch den Künsten widmete. Alles was in Paris Rang und Namen hatte traf sich in ihrem eleganten Salon in der Avenue Georges Mandel, um gemeinsam den neuesten Werken zu lauschen.
Vor allem den jungen, eigenwilligen, noch unbekannten Komponisten galt die Liebe der begeisterten Wagnerianerin. Mit ihren Aufträgen unterstützte sie Erik Satie, Igor Strawinsky und Francis Poulenc. Diaghilev, Cocteau und Picasso verdankten ihr die Erfolge der Ballets Russes. Doch sie machte es den Künstlern nicht immer leicht: Kurt Weill wollte sie zeitweilig am liebsten an einer ihrer Orgelpfeifen aufhängen. Wie keine andere Mäzenin ihrer Zeit trug Winnaretta, die in Musikgeschichten höchstens als Randnotiz erwähnt wird, zum ästhetischen Wandel der Musik im Frankreich des 20. Jahrhunderts bei.
Enthusiastische Gefühlswelten in der Musik verborgen
Johann Martin Miller als Romancier empfindsamer Musikalität
Von Irmelin Schwalb
26. Februar 2009, 21.03 Uhr, Bayern 4 Klassik
Johann Martin Miller, geboren 1750 und 1814 gestorben in Ulm, zählt zu den Mitbegründern des Göttinger Hains und war mit Klopstock und Matthias Claudius befreundet. Neben seinen Liedern und Gedichten ist vor allem sein Roman „Siegwart. Eine Klostergeschichte“ aus dem Jahr 1776 eine Entdeckung wert. Wie Goethes „Werther“ ein wahres Fieber und eine Selbstmordwelle auslöste, traf auch „Siegwart“ das Publikum am Ende des 18.Jahrhunderts im Innersten: Miller schildert das Schicksal eines Geigers und knüpft daran die ästhetische Stellung der Musik im Zeitalter der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang. Welche Wirkung übt die Musik auf den Menschen aus? Beeinflusst sie mehr die aufklärerische Vernunft oder stachelt sie die Leidenschaften an? Kommt ihr ein ethischer Wert zu? Schafft sie gar Harmonie zwischen Rationalität und Sinnlichkeit? Miller schildert die expressive, aufgewühlte Musik seiner Zeit und inspirierte mit seinen Werken Komponisten wie Carl Philipp Emanuel Bach und Wolfgang Amadeus Mozart. Er öffnet eine ungemein sprachmächtige Gefühlswelt, in der der Mensch erst durch die Musik sich selbst bewusst wird.