Professionellen Musikern sagt man gelegentlich nach, sie hätten ihr Hobby zum Beruf gemacht. Das klingt dann beinahe wie ein Vorwurf, so, als wollten Musiker ernsthafte Arbeit vermeiden. Entrückt die holde Kunst etwa nicht in eine bess’re Welt?
Doch, schon. Aber wer professionell in die Musik einsteigen will, hat schon lang vor dem arbeitsintensiven Studium Zeit und Geld (meist das der Eltern) ins Instrumentalspiel oder die Stimme investiert. Und spätestens im Orchester, auf der Bühne oder in der Musikschule ist dann gelegentlich Schluss mit lustig. Manche Musiker leiden durchaus unter ihrem Beruf – natürlich nicht unter der Musik selbst, wie etwa Georg Kreislers unmusikalischer Musikkritiker. Doch die Begleiterscheinungen, die der Beruf mit sich bringt, können durchaus krank machen.
Ständige Verspannungen nach stundenlangem Üben oder Proben und gelegentliche Heiserkeit wegen stimmlicher Überanstrengung gehören noch zu den harmloseren Erscheinungen, aber im Alltag tauchen durchaus auch Hörschäden oder aufgrund feinmotorischer Höchstleistungen Entzündungen im Bewegungsapparat auf. Allergien oder kleine Verletzungen, etwa an den Fingern, die für andere relativ harmlos wären, können Berufsmusikern ernsthafte Probleme bereiten. Und Leistungsdruck oder Mobbing, die es auch in anderen Berufssparten gibt, dürfen keineswegs die künstlerische Qualität beeinträchtigen; das Umschalten von interpretatorischer Empfindsamkeit zu dickem Fell muss also schnell gehen. Kommt noch hinzu, dass in vielen Fällen gerade die Wochenenden und Abendstunden zu den Kernarbeitszeiten gehören, was dem Familien- und Sozialleben nicht eben förderlich ist.
Lange Zeit wurden die speziellen Anforderungen, denen Musiker genügen müssen, ignoriert. Mittlerweile hat sich aber eine eigene Sparte für ihre Beschwerden und Krankheitsbilder etabliert: seit Mitte der 1990er Jahre gibt es die Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin. Ihr gehören unter anderem Ärzte und Therapeuten an. Viele von ihnen haben selbst Musik studiert und kennen die Probleme ihrer Patienten aus eigener Anschauung. Mittlerweile fragen sich die Fachleute aber nicht mehr nur, was Musiker krank macht, sondern vor allem, was sie gesund hält. Und zu den Heilmitteln gehört natürlich auch die Musik selbst.
Geht mit Musik vielleicht doch alles besser?
„Wann macht Musizieren krank?“ – Diagnosen und Therapien der modernen Musikermedizin
Von Ines Stricker
SWR2, Samstag, 3. Januar 2009, 22.03 – 23 Uhr