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Zehn Jahre auf dem Weg zur deutschen Einheit

Untertitel
Ein Bericht von den 13. Dresdner Tagen für zeitgenössische Musik
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Tatsächlich mutete das Prologkonzert am Vorabend der 13. Dresdner Tage ein kleines bisschen wie ein Klassentreffen an, denn viele waren da, die man in dieser Formation früher oft gesehen hatte – seid geraumer Zeit jedoch nicht mehr. Das trifft auf die Zusammensetzung des Publikums zu – Spezialisten in Sachen „DDR-Musik“ – und ganz besonders für die Leipziger Gruppe Neue Musik „Hanns Eisler“, die sich 1990 aufgelöst hat, nachdem die DDR untergegangen war. Das war seinerzeit nur konsequent gehandelt, denn wenn man so will, hatten die acht Musiker damit ihre Aufgabe erfüllt, die sie konspirativ vermittels diverser Partituren und doch mit offenem Visier bereits 1970 aufgenommen hatten. 1989 war, und Leipzig spielte bekanntermaßen eine führende Rolle, schließlich der Spuk vorbei. Ohne Blutvergießen, ohne Panzer, ohne Massenerschießungen. Wenn man so will: Die Musiker hatten ihren Auftrag prima erfüllt und erledigt. Die Eisler-Truppe war es nicht allein, sicher, aber sie stand ganz vorn – waren richtig bezeichnet eben die „Avantgarde“. Auf den Noten-Blättern der Musiker, die sich aufgrund intensiven Drängens des Mitteldeutschen Rundfunks noch einmal für fünf Konzerte zusammengefunden haben, standen fünf nagelneue Kompositionen geschrieben, die immerhin mit „Zehn Jahre auf dem Weg zur deutschen Einheit“ ein gemeinsames Motto mit musikalischem Leben erfüllen sollten. Von diesem Leitgedanken war allerdings herzlich wenig zu hören. Wenn überhaupt sah man ein bisschen was, und zwar im letzten Stück des Abends, das von Gerhard Stäbler komponiert wurde: West-Fernseher flimmerten im Raum der ehemals Ahnungslosen (so wurden die Dresdner Bürger oft genannt), schmucke gelbe Mülltonnen verwiesen auf die verschwundenen Sero-Annahmestellen. An Musik gab es, das Stück nannte sich übrigens „ohne netz und doppelten boden...“, einen flirrenden Klang, der 15 Minuten im Raum stand, sich kaum veränderte und nur wenig besagte. Es sei denn, man schaute ins Programmheft, wo eine dritte Ebene einbezogen war, die auf einen Text von Hölderlin & Eisler verwies. Allzu viel Kunst war in einem solchen, billigen Hinweis freilich nicht versteckt. Kompositorisch mehr los war bei den Werken, die die drei Jung-Komponis-ten Daniel Görtz, Arnulf Herrmann und Sebastian Stier angefertigt hatten. Bei aller unterschiedlicher Handschrift, soweit man davon bei „Um-die-Dreißigjährigen“ bereits sprechen kann, kam hier das expressive Moment, der unbedingte Ausdruckswillen, markant zur Geltung. Die Tonsprache war durchweg avanciert. Dennoch überzeugten die Stücke kaum, waren bestenfalls Talentproben. Es fehlte an dramaturgischer Stringenz. An einem emotional wohldosierten Ablaufplan mangelte es entschieden. Um Klassen besser Einen allzu großen Gefallen dürfte man den vier genannten Komponisten nicht gemacht haben, denn mit Friedrich Goldmann als Fünftem im Bunde war ein Meister seines Faches am Werke, dessen „Konstellationen“ zwei Klassen besser war als die anderen Stücke. Goldmann, der übrigens das gesamte Konzert auch kompetent dirigierte, löckt eben nicht nur wider den intellektuell-konstruktivistischen Stachel, sondern bietet eben auch emotionale Auf- und Abschwünge, denen man gern und mit Gewinn nachfolgt. Ein feines Stück, dass auch den großartigen Musikern der Gruppe Neue Musik „Hanns Eisler“ ihre ganze Kunst abverlangte, die sie mit viel Enthusiasmus in die Waagschale warfen. Damit war der Konzertreigen der Tage für zeitgenössische Musik eröffnet, die sich in diesem Jahr ganz auf Konfrontation einrichteten: Helmut Lachenmann versus Michael Nyman. Darüber hinaus gab es Tanz mit „LaLaLa Human Steps“ und Marcia Haydée, Konzerte mit dem Rascher Saxophone Quartet, Kroumata, dem Chor des Bayerischen Rundfunks, dem Sächsischen Vokalensemble, ein grandioses Portraitkonzert des Dresdner musica-viva-Ensembles mit Werken von George Crumb. Es wurden vier Musiktheaterproduktionen des „Blaue Brücke“-Kompositionswettbewerbs vorgestellt und nicht zuletzt gab es ein Kolloquium mit dem von Lachenmann vorgegebenen Motto: „Schönheit als verweigerte Gewohnheit“. Der Publikumszuspruch war in diesem Jahr so groß wie noch nie, die meisten Veranstaltungen waren ausverkauft und den Vogel schoss erwartungsgemäß Michael Nyman ab, der knapp 1.000 Zuhörer auf einen Schlag mobilisieren konnte. Nymans Musik ist, es sei denn, er macht Reklame für die japanische Autoindustrie, nicht von dieser Welt. Wie auch die meisten der Filme, die er vornehmlich für Peter Greenaway untermalt hat, das Hier und Heute beschwören und dennoch seltsam abgewandt von der Wirklichkeit sind. Aber das ist typisch für eine eierköpfige Postmoderne, die das Runde, Seichte und Abgefeilte forciert. Das Konzert im Alten Schlachthof begann zwar nicht mit der Autohymne, aber da hätte man sich auch täuschen können, denn Nymans Musik ähnelt sich wie ein Ei dem anderen. Dies wurde im Verlauf des Konzertes teilweise bestätigt, teilweise auch widerlegt. Vor allem als die grandiose Kontra-Altistin Hilary Summers die Bühne betrat, um ein Mozart-Rätsel („I am an unusual thing“) zu singen. Das hatte durchaus spannende Momente, wohingegen die Celan-Songs im Kitsch badeten. Hier liesse sich ausnahmsweise mal nicht über Geschmack streiten, denn Celans Gedichte weigern sich, wie sein Biograph John Felstiner schrieb, „auf Zugänglichkeit sich zu verpflichten“, haben einen „diskontinuierlichen, alogischen, willkürlichen Gestus“. Nyman tunkte die Verse in einen süßen Brei, der mit harmonischer Verheißung gewürzt war. Das ist eine faustdicke Lüge, zumindest was Paul Celan betrifft. Aber egal, das Publikum im proppevollen Alten Schlachthof focht das nicht an. Drei Stunden starrte es gebannt wie das Kaninchen auf die Schlange und wurde nicht gebissen. Das Gewohnte als Gräuel Helmut Lachenmann zielt bekanntermaßen auf etwas ganz anderes. Das Gewohnte ist ihm das Gewöhnliche, und das ist ein Gräuel. Dennoch ist er sich, zumindest tat er dies während des Kolloquiums kund, der Gefahren des permanenten Opponierens bewusst. Pointensicher verglich er das Komponieren mit dem Rodeo-Reiten. Wer kann sich am längsten auf dem Bullen halten? Abgeworfen wird man in jedem Fall, aber man hat’s wenigstens versucht. Die Versuche der Komponisten, die am Wettbewerb „Blaue Brücke“ teilgenommen haben, schienen der Jury nicht so recht geglückt. Sie hatte wohl recht, keinen ersten Preis zu vergeben. Gar zu beliebig, zuweilen bierernst und mythisch verschnurbelt waren drei der Beiträge (Ellis Is, Innen-Aussen-Mongolei, Hoop Dances) geraten. Bei Nicolas Brasart und Jean-Paul Cealis, die musikalisches Objekttheater boten, kam wenigstens ein bisschen Spaß an der Freude auf. Sie erhielten einen zweiten Preis. Nichtsdestotrotz herrschte bei der abschließenden Pressekonferenz allgemeine Zufriedenheit.

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