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Zu Tode vergnügt – der Kunst entfremdet

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Musikalische Unterhaltung als variabler Begriff &#183
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Musikalische Unterhaltung ist ein ambivalenter Begriff. Musik, die nicht unterhält (im weitesten Sinne), hat keine Existenzberechtigung. Kunst darf alles, nur nicht langweilen, hat Arnold Schönberg einmal gesagt – ein Komponist, der des Genres der sogenannten Unterhaltungsmusik weitgehend unverdächtig ist. Das Vermeiden von Langeweile ist aber Indiz des Unterhaltenden. So ist es, dies vorab, ohne Vorbehalte zu begrüßen, wenn sich der VdM bei seinem Musikschulkongress 2003 dem Begriff des Unterhaltenden in der Musik in einem großen thematischen Aufriss stellt.

Nun ist freilich der Begriff Unterhaltung, der übrigens nicht ganz leicht und nur mit begrifflichen Verschiebungen in andere Sprachen zu übersetzen ist, mehrfach korrumpiert. Unterhaltung meint zunächst das eher zwanglose Gespräch: ein Gespräch von vielleicht untergeordneter Haltung, was sowohl die gegenseitige Positionierung der Sprechenden meinen kann als auch die Bedeutung des Gesprochenen. Unterhalten heißt aber auch, die Basisbedingungen menschlicher Existenz zu sichern, was in Begriffen wie „Unterhalt zahlen“ anklingen mag. Eine gewisse Leichtigkeit des Seins resultiert aus beiden Begriffspolen. Wer unterhält (von unten hält?), beschwert nicht – selbst wenn er sich in einer Unterhaltung über so manches beschweren mag. Diese Zwanglosigkeit äußert sich auch in der unveränderten aktiven wie passiven Form des Verbs: Man kann unterhalten, man wird unterhalten. Nicht selten geht beides in eines. Die Zeit indes, die lastende, bedrückende, quälende oder leere Zeit, wird vertrieben. Diese Erleichterung schafft Wohlbefinden.

Unterhaltung als Negativum

Nun kennen wir aber auch den Begriff der Unterhaltung in abwertendem, in relativierendem Sinne. Selbst gute Unterhaltung ist nicht alles. Man stelle sich vor, jemand ginge in ein hochgelobtes Lokal und er würde, nach der Qualität des Essens befragt, antworten, er habe sich im Restaurant gut unterhalten. Ein anderer besucht ein Konzert mit, sagen wir, Beethovens Neunter oder Bachs Matthäuspassion, ein dritter geht in eine Gemäldeausstellung oder in eine Schauspielaufführung. Ihr Urteil, sie hätten sich trefflich unterhalten, müsste als abschätziges, zumindest als einschränkendes gewertet werden. Ein wenig anders ist das beim Film (insbesondere Marke Hollywood) oder beim Kabarett. Hier wirkt der Begriff der Unterhaltung deckungsgleicher mit dem Ansinnen dieser Kunstformen. Noch entschiedener ist dies der Fall im heutigen Massenmedium Nummer eins (noch), dem Fernsehen, vor allem in den diversen Talkshows, den Soap-Operas und anderen Entertainment-Aktionen, zu denen auch die diversen musikalischen Events zwischen Volksmusik und Pop zählen. Bei den meisten Computerspielen hat der Begriff Unterhaltung mittlerweile schon seine Basis verloren. Hier trifft der Aspekt des Totschlagens der Zeit schon mehr das Wesen. Bezeichnend immerhin ist, dies mag Indiz für heutige Befindlichkeit sein, dass sie dennoch breite Faszination ausüben.

Subjekt-Objekt

Es ist eine schwerwiegende Verlagerung der Gewichte (auch die hiesige GEMA-Trennung in Unterhaltungsmusik und Ernste Musik hat hieran Anteil), dass der Begriff Unterhaltung maßgeblich auf der Objekt-Seite angewandt wird. Ein kulturelles Produkt wird dem Unterhaltungssektor zugerechnet, einem anderen wird via Dekret das Unterhaltende verweigert – es wird zur ernsten, ernsthaften, mit Sinn erfüllten Kunst geadelt und weggelobt. Statistische Aspekte spielen hierbei eine nicht zu unterschätzende Rolle: Die Masse darf sich unterhalten, die Elite, was immer dies auch ist, tummelt sich in den höheren Sphären, wo via Kunst Weltanschauung, Einsichten ins „Tiefere“, schlimmstenfalls Erbauung vermittelt wird. Die als schnöde apostrophierte Unterhaltung hat hier keinen Platz.

Aber ist das wirklich so? Wohl kaum. Unterhaltung wäre auch von der Subjekt-Seite, sei es vom schöpferischen oder nachschöpferischen Künstler, sei es vom Rezipienten her, zu betrachten. Hier stellt sich der Begriff Unterhaltung weit differenzierter dar. Denn Unterhaltung schwindet nicht, wenn der Kunstanspruch wächst, sie verändert sich freilich. Es wäre ein fataler Irrtum, wenn man den Schubert der Ländler der Unterhaltungsschublade, den des G-Dur-Quartetts aber im Fach des Nicht-Unterhaltenden, des Ernsten ablegen würde (aber was heißt hier: wäre; es geschieht ja - und mit der personalen Trennung zu Ländlern von Lanner oder Strauß/Vater wird sogar ein klarer Grenzstrich gezogen). Um den Schubert des Lindenbaums oder der Forelle mögen sich dann beide Lager streiten.

Es ist zu behaupten: Bruckners oder Mahlers Sinfonien, der „Wozzeck“ von Berg oder Schönbergs „Pierrot lunaire“ suchten keineswegs das Moment der Unterhaltung auszugrenzen („Schwelgt in den Tönen“, riet Webern den Dirigenten, die mit seinen feinhörig ausgeklügelten musikalischen Drahtgeflechten nichts anzufangen wussten). Was aber ausgegrenzt werden sollte, war das Moment der künstlerischen oder ästhetischen Dummheit, das mit Formen der Unterhaltung immer wieder liebäugelt. Berg soll erschrocken reagiert haben, weil sein uraufgeführter „Wozzeck“ beim Berliner Publikum so gut ankam. Es war eine Reaktion auf einen Zustand, wo breite Akzeptanz, ob zu Recht oder auch nicht, als Indiz für Abflachung des ästhetischen Anspruchs angesehen werden konnte (und die Wiener Schule kehrte diesen Widerspruch explizit, geradezu in einer Flucht nach vorne, hervor). Nicht Unterhaltung gehört von den Frontkämpfern einer wahren und reinen Kunst an den Pranger. („Nicht schön, sondern wahr“, proklamierte Schönberg für das künstlerische Werk, änderte seinen Namen aber keineswegs in Wahrberg). Hierher gehört, und der Schönberg-Schüler Eisler tat dies, die Dummheit in der Musik – und der Dummheit sind bekanntlich nach unten keine Grenzen gesetzt. Und die Exegeten des Unterhaltenden hätten nicht die Unterhaltung zu verteidigen, sie sollten statt dessen deutlich machen, wie sie Dummheit vermeiden (oder wenigstens zugeben müssen, dass sie Mechanismen der Dummheit im quotenbestimmten Geschäftssinne einsetzen).

Musikalische Unterhaltung ist also ein variabler Begriff. Es nützt nichts, wenn die Musikgeschichte mit ihren großen Namen nach Stücken durchforstet wird, die einer festgeschriebenen Unterhaltungsschiene genügen (oder zu genügen scheinen: Mozarts „Musikalischer Spaß“ etwa ist eigentlich ein tiefernstes oder zumindest dialektisch gebrochenes Stück, das im Zusammenhang mit der Nachricht vom Tode des Vaters entstand). Es geht um den Vernehmenden, um den Menschen. Abgestumpfte, geistig festgefahrene oder depravierte Individuen haben einen anderen Unterhaltungsbegriff als wache und offene. Die Frage ist: Was wollen wir? Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen, tut es aber nicht so ohne weiteres. Denn in ihrer Individualität beschnittene Wesen sind leichter und kostengünstiger mit kulturellen Derivaten zu versorgen, sie sind leichter zu kanalisieren, ihr Widerstand ist berechenbarer, leichter abzulenken. Es gibt maßgebliche Kräfte im Land (in jedem), die diese Bequemlichkeit, die für Ruhe und Ordnung mitverantwortlich ist, weit lieber sehen.

Niveau auf Umwegen?

Es gibt eine These: Die jungen Menschen seien der Kunst entfremdet. Das Interieur, in dem sie aufwachsen, schaffe keinen Raum dafür. Deshalb sei ihnen „Classic light“ fast wie ein Placebo zu verordnen, um sie Schritt für Schritt wieder der „großen Kunst“ zuzuführen. Unterhaltung als Lockmittel. Justus Frantz zum Beispiel ist ein Leimrutenleger dieser Art: Klassik tut nicht weh, sie macht Spaß, sie unterhält. Wir bewegen uns auf einer schiefen Wellness-Ebene: über Unterhaltung zum Wesen. Geht sie wirklich hinan, öffnet sie? Zweifel sind wohl mehr als angebracht.

Kunst oder Musik lassen sich nicht als solches Aphrodisiakum benutzen. Die Gefahr ist, und sie scheint weit größer als der in Aussicht gestellte Erfolg, dass das auf Weitung gerichtete Wollen künstlerischen Tuns heruntergefahren und weggeblendet wird. Die Wucht der Unterhaltungsmaschinerie, der Event-Euphorie und des Entertainments fährt wie ein Bügeleisen darüber und glättet es ein. Ein Bewusstsein entsteht, das keine Öffnung zum Neuen, zum Andersartigen mehr sucht, sondern stets nur weitere Bestätigung. Das Fatale am postmodernistischen „Anything goes“, zumindest in der plump-postmodernen Verkürzung der These, ist, dass alles gleichwertig wird. Jeder Event in diesem Sinne ist Wasserträger eines Bedürfnisses, das immer nur und immer wieder das Gleiche will: verschieden kostümierte Zeittotschläger. Wir vergnügen und zu Tode. Das ist Unterhaltung in einem erniedrigten Sinn. Es ist aber der Begriff von Unterhaltung, der heute mehr und mehr Raum greift. Wenn man über musikalische Unterhaltung spricht, sollte man diese Tendenzen immer im Auge behalten.

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