Franz Schuberts Sonaten für Violine und Klavier in D-Dur, a-Moll und g-Moll, einst op. 137, nun D 384, D 385 und D 408, wurden zu Lebzeiten des Komponisten nicht gedruckt und veröffentlicht. Durch den Verkauf des Nachlasses durch Schuberts Bruder Ferdinand gelangten sie an den Verleger Anton Diabelli, der die Werke im Jahr 1836 – also acht Jahre nach Franz Schuberts Tod – herausgab.
Diabelli ließ die Sonaten als „Sonatinen“ drucken, denn Ferdinand Schubert hatte sie ihm als „drei leichte, sehr schöne Sonaten für Klavier und Violine“ verkauft. Dies war vermutlich nicht nur eine Verkaufsstrategie, um viele Interessenten mittleren Spielniveaus zu erreichen, sondern doch eine inhaltliche Darstellung. Denn fast alle dieser Sonaten verfolgen das damals beliebte Serenadenschema: Neben einem schwergewichtigen Satz stehen spielerische Formen mit tänzerischen Strukturen.
Wesentlich anders, großräumiger und strenger angelegt ist die Sonate A-Dur D 574, die erst später, wiederum von Diabelli, im Jahr 1851 herausgegeben wurde.
Die Einspielung dieser neuen CD mit Frank-Immo Zichner am Flügel und dem Violinisten Gernot Süßmuth überzeugt sowohl durch die dramaturgische Gestaltung der Stücke als auch durch eine enorme Klangvielfalt, wie man sie selten hört.
Das Verhältnis zwischen dem grundständig führenden Klavierpart und den begleitenden, solistischen und kammermusikalisch gearbeiteten Partien der Violine (man beachte die vielen, wunderbar gestalteten Unisoni-Stellen) könnte nicht besser ausgearbeitet sein.
Der Gestus der Kompositionen Schuberts wird jeweils angemessen interpretiert, und das erscheint mir das wichtigste am Schubert’schen Werk: mal liedhaft, einfach und nahezu naiv zu spielen, dann wieder mit großem Bogen der geballten Professionalität – ein typischer Charakterwandel in Franz Schuberts Liedern und Instrumentalwerken, der auch die zerrissene Welt im Innern des Komponisten widerspiegelt.
Der an der Eissler-Musikhochschule in Berlin in der Meisterklasse von Dieter Zechlin und später Menahem Pressler (Bloomington), Jacob Lateiner (New York) und György Kurtag (Budapest) geförderte Frank-Immo Zichner unterrichtet inzwischen selbst an den Hochschulen in Berlin, Leipzig und Weimar. Durch seine Auftritte bei den Berliner Festwochen, beim Moskauer Herbst und weiteren Festivals in mehr als 25 Ländern hat er es zu Weltruhm auf dem Gebiet des kammermusikalischen Konzertierens gebracht.
Sein Violin-Partner Gernot Süßmuth, der ebenfalls seine Ausbildung an der Berliner Eisler-Musikhochschule absolvierte, war Konzertmeister des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin und ist seit 2002 erster Konzertmeister der Staatskapelle Weimar. Seit mehreren Jahren widmet er sich der Ausbildung junger Nachwuchstalente an den Musikhochschulen in Berlin und Weimar. Seit 2004 unterrichtet er als Honorarprofessor an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar.
Man könnte nun meinen, bei Kammermusikpartnern dieser Qualität müsse jede Interpretation gut sein – es gibt jedoch zuviele, wenn auch gut gemeinte Fehlinterpretationen, in denen das Klavier üblicherweise zur Begleitfigur mutiert, der Violinist sich in solistischer und meist zu lauter Pose darstellt und die Kammermusik mit Klavier und Violine zur Solosonate für Violine mit Begleitung eines Klaviers (falsch) verstanden wird.
Insofern ist diese Interpretation besonders erfreulich: Sie ist nicht nur spannend und abwechslungsreich zu hören in ihrer dynamischen Klangvielfalt, sondern sie liefert gleichzeitig eine Analyse der Werke von Franz Schubert und einen Einblick in die Seele dieses Komponisten.
CD-Tipp
Franz Schubert: Sonaten für Violine und Klavier; Gernot Süßmuth, Violine, Frank-Immo Zichner, Klavier
CD-Label: Querstand, www.querstand.de