Das interdisziplinäre Leipziger Symposium zur Kinder- und Jugendstimme Ende Februar an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig setzt jedes Jahr wohlüberlegt einen neuen Akzent. Das dichtgedrängte und vielgestaltige Programm richtet sich an Angehörige sängerischer, pädagogischer und medizinischer Berufe. Erstmals nun hat das Konzeptionsteam unter Leitung von Prof. Dr. Michael Fuchs (Sektion Phoniatrie und Audiatrie im Universitätsklinikum Leipzig) die 21. Auflage als die erste Hälfte eines Doppelpacks konzipiert. „Perspektiven I: Zukunftswelten“ lautet das diesjährige Motto, 2026 folgt „Perspektiven II: Heimaten“.
Jungen Leuten eine Stimme geben
Wie sehr beides zusammenhängt, wird schon bei der musikalischen Eröffnung durch den Oberstufenchor des Landesmusikgymnasiums aus Wernigerode (Sachsen-Anhalt) deutlich. (Er trägt seit 1973 den geläufigeren Ehrentitel „Rundfunk-Jugendchor“.) Robert Göstl, der Leiter, tritt vors Mikrofon und liest die deutsche Übersetzung des in Suaheli gehaltenen Originaltextes vor: „Unser Planet, unser Planet ist schön“. Einigermaßen groß ist die Überraschung, als das Arrangement von Maybebop-Sänger Oliver Gies plötzlich in das deutsche Volkslied „Kein schöner Land in dieser Zeit“ mündet und dieses mit einem aktualisierten Text versieht. „Zukunft gestalten kann man nicht alleine in einem Land“, kommentiert Michael Fuchs spontan, bevor er zur Begrüßung ausholt.
Im klug durchdachten Plan des Symposiums weist dieser Auftakt inhaltlich in mehrere Richtungen. Nach einer stilistisch vielfältigen Repertoire-Auswahl zur Eröffnung präsentiert der Rundfunk-Jugendchor abends noch einmal Ausschnitte aus seinem aktuellen Volkslieder-Programm, das nicht nur durch attraktive Arrangements überzeugt, sondern auch durch vielfältige Einbeziehung des Publikums in der einen oder anderen Form. Für besondere Heiterkeit im Saal und auf dem Podium sorgt das spiegelbildliche Schunkeln zu „Heißa, Kathreinerle“ mit gegenläufiger Bewegungsrichtung von Reihe zu Reihe.
Resonanzaffine Vermittlung
Hier finden sich praktische Ansätze zu einer „resonanzaffinen Musikvermittlung“, wie sie zuvor das junge Leipziger Veranstalter-Kollektiv „Godot Komplex“ unter Berufung auf den Soziologen Hartmut Rosa und die Musikvermittlerin Irena Müller-Brozovic empfohlen hat. Dass das Symposium stärker als sonst jungen Menschen „eine Stimme gibt“, hat ein in dieser Deutlichkeit nicht vorhersehbares politisches Moment. Just am Tagungswochenende endet ein vorgezogener Bundestagswahlkampf, in dem die Situation und die Perspektiven der jungen Generation eine erstaunlich geringe Rolle spielten.
Beim Poetry-Slam-Battle am Samstagabend mit vier preisgekrönten Vertreter(innen) der Disziplin wird deutlich, welche Themen junge Leute mit offenen Ohren und scharfem Blick derzeit beschäftigen: der Aufstieg der AfD und des völkischen Nationalismus, das Verhältnis Mensch/Maschine, der Klimawandel, der Einstieg in die Berufswelt, Liebe und psychische Gesundheit. Nach einem langen Tagesprogramm folgt das Publikum den originell formulierten Texten mit großer Aufmerksamkeit nicht nur für die Inhalte, sondern auch für die sprachlichen und stimmlichen Nuancen. Richtig spannend wird es, als der Saal nach der ersten Runde gegen das Reglement aufbegehrt und statt zwei alle vier Vortragenden in die zweite Runde bringt. (In der Szene nenne man so etwas „Hippie-Scheiß“, klärt die selbst poetry-slammende Moderatorin Fee Brembeck auf; mit diesem Begriff verbinde sich aber die Hochachtung vor einem besonders guten Publikum.)
Nachdenkliche Töne schlägt Robert Göstl in seinem Vortrag über „Neurobiologische Erkenntnisse in der Übertragung auf die Chorpädagogik“ an. Stark bewegt ihn die Frage, welchen Beitrag für Jugendliche das Chorsingen auf dem Hintergrund der aktuellen Weltsituation zu gelingendem Leben und Lernen leisten kann. Den wichtigsten Schlüssel findet er dazu im persönlichen Kohärenzgefühl, das Eingebundensein und Autonomie verbindet und es ermöglicht, aus dem Wohlbefinden heraus zu agieren. Die Heranwachsenden seien „Subjekte, nicht Objekte unserer Chorarbeit“. Dass dazu auch gehört, Konfliktsituationen vertrauensvoll zu besprechen, erläutert er am Beispiel des Wernigeroder Jugendchores, der zum Teil auf den Treppenstufen des voll besetzten Konzertsaales sitzend dem Vortrag seines Leiters folgt.
Kohärenzgefühle
Dafür, dass man als Teilnehmer das Kohärenzgefühl am eigenen Leib erfährt, sorgen die praxisorientierten Phasen des Programms. Das Wecken der eigenen Stimme am Samstagmorgen durch Silke Hähnel-Hasselbach gehört in diese Kategorie, oder das gemeinsame Wiederentdecken vergessener Rhythmicals von Karl Foltz unter Anleitung von Helmut Steger. Wie es dem Choreographen Josef Eder in seinem Workshop „Choreographie und Chor“ gelingt, über 100 Menschen langsam, aber wirkungsvoll in synchronisierte individuelle Bewegungen zu bringen, ist eine durchaus anstrengende, aber beglückende Erfahrung.
Im Workshop „Kreative Inspiration und Impulse für die singpraktische Zukunft“ bringt Amelie Erhard Erwachsene dazu, sich singend und bewegend in Kindergarten- und Grundschulkinder einzufühlen. Den Gegenpol bilden einige eher theoretische, oft inhaltsreiche, mitunter auch etwas trockene Beiträge, denen zu folgen je nach fachlicher Herkunft mal mehr, mal weniger leicht fällt. Hier darf man sich darauf verlassen, sie ein Jahr später in Ruhe nachlesen zu können. Neu ist nur, dass der Tagungsband künftig als E-Book versandt wird.
Künstliche Intelligenz
Gleich mehrere Vorträge widmen sich gezielt oder am Rande einem Thema, vor dessen Implikationen sich keine Bildungsinstitution mehr verstecken kann. Auch wenn der Plenumsworkshop „Erkundung generativer KI in der Musik- und Textproduktion“ krankheitshalber ausfällt, gibt es zahlreiche Impulse. Im Hauptvortrag „Digitalisierung und gesellschaftliche Folgen der Verschmelzung von Mensch und Technik“ führt Bertolt Meyer, Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der TU Chemnitz, sehr anschaulich in sein komplexes Forschungsgebiet zu Digitalisierung, Diversität und Stereotypen ein. Alexander Godulla, Professor für empirische Kommunikations- und Medienforschung, widmet sich nicht weniger fesselnd den „Chancen und Risiken der Stimm- und Musikproduktion durch generative künstliche Intelligenz“. Hier gibt es viele Nachfragen aus dem Publikum und ziemlich klare Antworten. Durchschnittliche Gebrauchskunst werde künftig von der KI absorbiert, prognostiziert Godulla, und fügt hinzu: „Meine Kreativität kann mir die KI nicht wegnehmen, aber das Absatz- und Aufmerksamkeitspotenzial schrumpft.“
Was das für Bildung und Ausbildung bedeutet, nehmen Marc Secara, Professor für Gesang und Ensemble an der Hochschule der populären Künste in Berlin, und Walter Prettenhofer als Sprecherzieher an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin mit in den Blick. „Wohin mit den vielen Talenten?“ fragt Prettenhofer. Seine Hoffnung richtet sich darauf, dass gerade in Krisenzeiten die direkte Kommunikation von Mensch zu Mensch wieder an Wert gewinnen könnte. Dass es an den universitären Lernkliniken einen zunehmenden Bedarf an Schauspieler(innen) für die lebensechte Simulation von Patienten gibt, ist ein interessanter Nebenaspekt des aufschlussreichen und in seiner Dialogform kurzweiligen Doppelvortrags „Neue Prüfungsformen in Gesangspädagogik und Medizin“ von Wolfgang Lessing, Prof. für Musikpädagogik an der Musikhochschule Freiburg, und Michael Fuchs.
Künstlerischer Ausklang
Den künstlerischen Ausklang gestalten drei junge Leute: Zwei Absolventen und eine Absolventin des Studios Leipzig präsentieren drei fesselnde Monologe. Der eitle Malvolio aus Shakespeares „Was ihr wollt“ läuft in die Falle einer Hofintrige. In René Polleschs „Kill your Darlings“ werden Gefühle zur Ressource im Kapitalismus. Georg Büchners Drama „Dantons Tod“ schließlich zeigt nationalrevolutionären Furor. Wir erleben einen seriös wirkenden Politiker im Anzug, dessen anfangs ruhige Argumentation sich zur Hassrede gegen die Feinde Frankreichs steigert und in den wutentbrannten Gesang der Marseillaise mündet – und zwar genau in die 4. Strophe, wo „unreines Blut die Furchen unserer Äcker tränkt“.
Das letzte Wort von der Bühne hat also die ebenso unschöne wie wachrüttelnde Erinnerung an den ideologischen Missbrauch von Musik. Als gelte es, diese bösen Geister wieder zu vertreiben und die Idee gemeinschaftlicher Harmonie zu retten, stimmt ein kleiner Kreis der Teilnehmenden aus dem Saal spontan einen „unschuldigen“ Vokalisen-Kanon an. Dass sie ihn aus einem der Vorjahressymposien in Erinnerung haben, spricht für die Nachhaltigkeit der Veranstaltung.
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