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Musik nachdenken

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Zur Interpretation als Hochschulfach
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Die „Tage für Interpretation und Aufführungspraxis“ sind an der Hochschule des Saarlandes für Musik und Theater mittlerweile schon Tradition. Kurz vor Beginn des Wintersemesters unterrichtet dort alljährlich ein Team aus Professoren des Hauses und renommierten Musikerinnen und Musikern von außerhalb. Das Wort „Aufführungspraxis“ wird dabei in Saarbrücken nicht hauptsächlich mit Alter Musik assoziiert, sondern im umfassenden Sinne verstanden. Unter den Dozentinnen und Dozenten sind viele, die sich auch gerade mit Neuer Musik einen Namen gemacht haben.

Für Studierende der Saarbrücker Hochschule ist die Teil nahme kostenlos, Auswärtige zahlen eine Gebühr. Anders als bei herkömmlichen Meisterkursen können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei jedem der Lehrenden Unterricht nehmen; so gehen etwa auch Sängerinnen zum Pianisten, Pianisten zur Geigerin, Bläser zum Komponisten, Streicher zur Sängerin. Daneben gibt es Sonderveranstaltungen, Vorträge oder Workshops zum jeweiligen Jahresthema des „Netzwerks Musik Saar“, eines Zusammenschlusses engagierter Musikförderer, der die Tage zu einem beträchtlichen Teil mitträgt. Thema kann zum Beispiel ein Komponist sein, wie 2001 Schönberg und 2003 Nono. Weitere Themen waren in der Vergangenheit etwa „Musik als Einspruch“ oder „Musik und Körper“.

2002 waren die Tage mit „Junge Ohren“ überschrieben und richteten sich damit erstmals auch an Studierende musikpädagogischer Studiengänge. Eingeladen war unter anderem der Kölner Komponist Bernhard König, der als Mitarbeiter des Kölner Büros für Konzertpädagogik und als freier Komponist ungewöhnliche Wege der Musikvermittlung beschreitet und unter anderem mit Schulklassen arbeitet. Bei einem von König geleiteten Round Table zum Thema „Experimentelle Gebrauchsmusik“ wurden Tendenzen der gegenwärtigen Musikkultur durchaus kontrovers diskutiert. Daneben stellte König in einem Workshop Ergebnisse seiner Arbeit, die er auf Video und CD präsentierte, zur Diskussion. Schließlich wurden zeitgenössische Stücke aus dem Kursprogramm von Studierenden für Grundschulkinder als Konzert gestaltet. Dafür suchten Bernhard König und Michael Dartsch mit den Studierenden nach unkonventionellen Zugängen und Vermittlungsformen. Was auf den ersten Blick als Fremdkörper im Kurskonzept wirken könnte, erweist sich im Sinne eines erweiterten Verständnisses von „Aufführungspraxis“ als bedeutsames Element in der Ausbildung von zukünftigen Musikprofis. So geriet die Aufführung eines Vokalwerkes für die Komponistin, eine Studentin des Hauses, zum Aha-Erlebnis. Nachdem sie im Unterricht zunächst skeptisch auf eine spielerisch-szenische Einleitung reagiert hatte, ließ sie sich dennoch darauf ein. Es ging darum, Kinder mittels einer für sie unbekannten Sprache dafür zu öffnen, dass auch Sprachelemente zum musikalischen Material werden können. Im Kinderkonzert schließlich erreichte die junge Frau die Kinder auf diesem Wege sehr direkt und erfuhr mit ihrem Werk begeisterte Zustimmung.

Neben dem Kursunterricht und den thematisch gebundenen Sonderveranstaltungen prägt ein drittes Element die „Tage für Interpretation und Aufführungspraxis“: Es sind dies die Interpretationsseminare, die sich an alle Teilnehmenden und Lehrenden richten. Jeweils ein Werk wird von Kursteilnehmern gespielt, das Plenum diskutiert ausgehend von der Partitur anschließend Interpretationsansätze, die sofort erprobt und wiederum diskutiert werden können. Das passt insofern in das Konzept der Tage, als die Studierenden hier nicht auf eine vom Meister bevorzugte und legitimierte Interpretation eingeschworen werden, sondern mit verschiedenen Persönlichkeiten in Kontakt kommen und ihren Horizont erweitern sollen.

Der Grundgedanke, dass Studierende auch über Interpretationsfragen nachdenken und sprechen sollten, hat an der Saarbrücker Hochschule vor einigen Jahren sogar zur Einführung eines neuen Faches geführt, das den Namen „Grundlagen der Interpretation“ oder neuerdings „Aufführungspraxis“ trägt und genauso wie die Interpretationsseminare bei den „Tagen für Interpretation und Aufführungspraxis“ angelegt ist. Den entsprechenden Unterricht hält der Pianist Stefan Litwin ab, der auch die „Tage für Interpretation und Aufführungspraxis“ künstlerisch leitet und in Saarbrücken eine Professur für Kammermusik, Neue Musik und eben Interpretation innehat. Die Ziele und Inhalte des Hochschulfaches „Interpretation“ verdeutlicht das folgende Gespräch mit ihm:

: Was sind die Inhalte des Faches „Grundlagen der Interpretation“ und „Aufführungspraxis“? : Da man nicht davon ausgehen kann, dass die meisten Studenten die Quellen kennen, aus denen die interpretatorischen Entscheidungen hergeleitet werden können, hat dieses Fach sich zur Aufgabe gestellt, sozusagen zusammenfassend die wichtigen Ressourcen der Interpretation darzulegen, zum Beispiel die Violinschule von Leopold Mozart, die Klavierschule von Daniel Gottlieb Türk, bis hin zu Sekundärquellen, die sich auf bestimmte Werke einzelner Komponisten beziehen. Wenn es zum Beispiel bei Beethoven um das Tempo geht, ist es hilfreich, dass man auch Beethovens Schüler Czerny als Quelle kennen lernt – neben weiteren wie der Arbeit von Rudolf Kolisch. Solche Elemente fließen in den Unterricht ein, um den Studenten eine Grundlage zu verschaffen, die dann in ihrer eigenen Arbeit eingesetzt werden kann. : Wie würdest du das Verhältnis beschreiben zwischen diesem Fach und dem Hauptfachunterricht? Ist das ein eher problematisches oder ein sich ergänzendes? Es könnte ja vielleicht manch einer denken: Das sind doch Inhalte des Hauptfachunterrichts. : Es wäre sicher wünschenswert, dass es Inhalte des Hauptfachunterrichts wären. Leider hat man wohl im Hauptfachunterricht oftmals neben den eher technischen Inhalten aber nicht mehr genügend Zeit für Interpretationsfragen, die doch eine eingehende Analyse erfordern würden. Manchmal dienen deshalb die großen Interpreten als Anhaltspunkt, so dass sich Studierende dann etwa die Aufnahmen von Brendel oder Pollini anhören, um daraus abzuleiten, wie gewisse Werke zu spielen sind. Das ist für mich nicht der richtige Weg. Für einen mündigen Interpreten müsste der Zugang sein, sich aus der Quelle, der Partitur selbst, eine Interpretation herzuleiten, die einem eigenen Bilde und vor allem dem „neuesten Stand“ entspricht. : Was hat damals an der Hochschule dazu geführt, dass man ein solches Fach etabliert hat? : Ich glaube, vielerorts gibt es die Problematik mangelnder Kommunikation zwischen den Fakultäten. So arbeiten etwa die Musikwissenschaftler nicht mit den Musikern zusammen und die Musiker nicht mit den Musikwissenschaftlern. Wir haben Berührungsängste auf beiden Seiten. So war es erforderlich, einmal eine Professur einzurichten, die dieser Tendenz entgegenarbeitet. Somit waren wir wirklich, wie ich glaube, die erste Hochschule, wenn wir nicht sogar immer noch die einzige Hochschule sind in Deutschland, die eine solche Professur eingerichtet hat – mit allen Problemen, die das mit sich führt, also Probleme der Integration eines solchen Faches in jene Fachbereiche, die die Interpretation normalerweise für sich beanspruchen. : Wie ist dein eigener Zugang zu diesem Fach? Wie hat sich aus deiner eigenen Biographie so etwas wie dieses spezielle Interesse herausgebildet, das dich für ein solches Fach qualifiziert und prädestiniert? : Ich fasse mich als Allround-Musiker auf – und nicht nur als Pianist. Ich komponiere, ich denke über Musik nach, ich spiele Musik anderer. Obwohl sich eigentlich die Mehrheit der Musiker spezialisiert hat, halte ich diese Kombination für eigentlich zeitgemäßer. Die großen Komponisten waren gleichfalls Instrumentalisten. Man denke nur an Mozart, Beethoven oder Brahms. Eine Trennung gab es nicht. Und ich glaube, dass diese Trennung einerseits erforderlich wurde durch die Spezialisierung und Radikalisierung der verschiedenen Teilbereiche, aber ich glaube, dass sie eben auch ein atomistisches Denken eingeführt hat, das zerstörerisch wirkt. Und gegen diese destruktiven Impulse möchte ich mich durch meine eigene Arbeit angehen, denn ich denke, die Aneignung der verschiedenen Aspekte – des Komponierens, des Interpretierens und des wissenschaftlichen Arbeitens – geht einher mit dem unverzichtbaren Gesamtüberblick. Dann stellen sich nämlich die einzelnen Entscheidungen eben auch anders dar, als wenn man nur aus einer Perspektive heraus handelt. Ich lerne sehr viel vom Komponieren fürs Interpretieren. Ich lerne viel vom wissenschaftlichen Arbeiten fürs Komponieren oder fürs Interpretieren. Das ist eine Wechselbeziehung, ohne die ich gar nicht arbeiten könnte. Es hat sich deshalb für mich nie die Frage gestellt, nur eine Sache zu machen und die anderen zu lassen, sondern für mich war es eine Selbstverständlichkeit, integrativ zu arbeiten.

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