„Wer spielt mit ,Stadt–Land–Fluss‘?“, „Kennst Du die Aufnahme mit Hogwood? – Total krass ...“, „Wer will ein Kaugummi?“ – ganz klar: klassische Gesprächsfetzen eines Jugendorchesters auf Reisen. Auf den ersten Blick ein ganz normales Jugendorchester, auf den zweiten dann doch etwas besonderes: kein Blas-, Streich- oder Zupforchester, das da im Bus von Michaelstein im Harz über Madgeburg nach Berlin fährt, sondern „Bachs Erben“. Es ist das Jugendbarockorchester, das von der Ständigen Konferenz Mitteldeutsche Barockmusik e.V., einer Institution, die sich der Förderung der Barockmusik verschrieben hat, und der Landesmusikakademie Sachsen-Anhalt im Jahr 2006 ins Leben gerufen wurde. Nach seiner zweiten Sommerarbeitsphase Anfang August 2007 präsentierte es nun sein Programm im Kloster Michaelstein, in der Magdeburger Konzerthalle „Georg Philipp Telemann“ und in der vollständig ausverkauften Nikolaikirche in Berlin.
Wie kommt man überhaupt auf die Idee, ein Jugendspezialensemble für Barockmusik zu gründen? Da war zum einen die Motivation der Ständigen Konferenz Mitteldeutsche Barockmusik, junge Musiker auf besondere Weise an das historische Erbe heranzuführen, zum anderen die lange Erfahrung, die das Kloster Michaelstein mit der Organisation von Kursen zur Aufführungspraxis Alter Musik hat und nicht zuletzt die Initiative der Berliner „Akademie für Alte Musik“, eines der weltweit renomiertesten Spezialensembles, „Alte Musik für junge Leute“ mit Leben zu füllen.
„ Alte Musik“ hat die 30 Teilnehmer im Alter von 13 bis 20 Jahren infiziert, sie kommen aus Musikschulen, Spezialschulen oder stehen kurz vor dem Studium, da treffen Sachsen auf Badenser, Brandenburger auf Niedersachsen, und so entstehen über die Barockmusik ganz nebenbei Kontakte quer durch die Bundesrepublik.
Der Tagesplan der Sommerphase im Kloster Michaelstein ist prall gefüllt: Stimmproben am Morgen, intensive Kammermusik am Nachmittag – denn was schult die Ohren besser –, Tutti am Abend, und das in wechselnder Reihenfolge. Nicht wenigen war das noch nicht genug: Bis Mitternacht saßen Unermüdliche zusammen und musizierten, diskutierten mit und ohne Dozenten, über Musik, über Einspielungen und historische Traktate. Für einige sind die musiktheo-retischen Werke von Quantz, Mattheson und C.Ph.E. Bach zur Standardlektüre geworden und untermauern das, was sie praktisch in der Arbeit mit Raphael Alpermann oder Stephan Mai umsetzen. Inzwischen spielen viele von ihnen mit einem Barockbogen, haben die Instrumente mit Darmsaiten bespannt. Die Cellisten verzichten auf den Stachel und erfahren so wie dynamisch Cellospiel in der Barockmusik werden kann.
Und doch gibt es noch viel zu lernen: „Einige haben hier wohl das erste Mal in ihrem Leben eine wirklich reine Terz gehört“, so Raphael Alpermann, nachdem er – im Anschluss an die reguläre Probe – einen ausführlichen Vortrag über Stimmungen gehalten hatte.
Für die Sommerphase war die Nachfrage höher als die möglichen Plätze, denn viel mehr als 30 Musiker verträgt ein Kammerorchester dieser Art nicht, zumal es – historisch authentisch – ohne Dirigent spielt: Ansporn für die je nach Stück wechselnden Konzertmeisterinnen und Konzertmeister. Wenn ein Werk jedoch einmal einen Einsatz vom Bass erfordert, dann gibt auch einer der Cellisten den Einsatz – und das Orchester reagiert genauso präzise und kraftvoll. Die 24 Streicher werden ergänzt durch 6 Cembalisten, die sich die Continuoarbeit teilen und mitunter direkt aus dem bezifferten Bass spielen.
Und was ist mit der „Einbahnstraße Barockmusik“? Schließlich stehen die jungen Musiker ganz am Anfang einer eventuellen Musikerkarriere. Birgt eine allzu frühe Spezialisierung nicht die Gefahr einer Sackgasse? Die Dozenten haben das sehr wohl im Blick. Ihnen geht es nicht um Schmalspurmusiker, sondern darum, dass diese Jugendlichen mit einer anderen, tieferen Erfahrung mit dem Farbenreichtum der Barockmusik wieder auseinandergehen. Sachsen-Anhalts Landtagspräsident Dieter Steinecke übernahm Anfang 2007 die Schirmherrschaft über „Bachs Erben“ und ließ das Orchester zu einem Konzert aus Anlaß des Festaktes zum Tag der Deutschen Einheit verpflichten – eine Herausforderung, auf die sich das junge Orchester sehr freut.
Die letzten Töne von Bachs Motette im Berliner Konzert sind verklungen, gegenseitig signierte Konzertplakate werden als Erinnerung ausgetauscht und beim Abschied liegen sich die Jungen und Mädchen in den Armen: ein ganz normales Jugendorchester
eben ...