Die Tagung der Internationalen Leo-Kestenberg-Gesellschaft „Musikunterricht in gesellschaftlicher Verantwortung“ Anfang November im Europäischen Zentrum für Jüdische Musik (EZJM) in Hannover zeigte Perspektiven für die Vermittlung von kulturellem Erbe im Musikunterricht auf, wobei insbesondere die Frage nach der Repräsentation jüdischen Kulturerbes in der deutschen Gesellschaft Thema war.

„Musikunterricht in gesellschaftlicher Verantwortung“: die eröffnende Podiumsdiskussion. Foto: BMU
Die Bedeutung des Musikunterrichts für das Kulturerbe
Den Auftakt der Veranstaltung bildete eine Podiumsdiskussion mit Gästen aus Politik und Wissenschaft. Jürgen Oberschmidt, Präsident des Bundesverbandes Musikunterricht, warf in seinem einführenden Podiumsimpuls „Musikunterricht heute: ein Ort der Angleichung, der Assimilation?!“ einen kritischen Blick auf die vorherrschenden musikdidaktischen Konzepte, dem er ein Statement von Hans Georg Gadamer entgegenhielt: „Bildung heißt, sich die Dinge vom Standpunkt eines anderen ansehen können.“ Eine klare Ansage zum Umgang mit den vielschichtigen Herausforderungen von Diversität und Tradition. Susanne Rode-Breymann, Präsidentin der Hochschule für Musik, Thea-ter und Medien Hannover, hielt die Schaffung von mehr Freiräumen in der Ausgestaltung des Lehramtsstudiums Musik für einen wichtigen Faktor, der Relevanz und Aktualität von Lerninhalten stärken könne. Bundespräsident a. D. Christian Wulff, Präsident des Deutschen Chorverbandes, stellte die Forderung des Einbezugs des Singens als kultureller Vermittler mit Beginn in der Kita.
Im Mittelpunkt der anschließenden beiden Tage standen die Vorträge von 16 Expert*innen aus Musikwissenschaft, Musikpädagogik, Musikpraxis, Jüdischen Musikstudien, Geschichte, Kulturwissenschaft und dem Bildungswesen, die Ergebnisse ihrer aktuellen Forschung zu historischen und aktuellen Perspektiven auf den Tagungsgegenstand vorstellten. Den Beginn markierte die Keynote von Sarah M. Ross, in der ein Neudenken des jüdischen Kulturerbes angeregt wurde.
Dietmar Schenk gab ein neu korrigiertes Bild von Leo Kestenberg (1882–1962), dem Namensgeber der Gesellschaft. Dem bisher üblichen Begriff der „Kestenberg-Reform“ setzt er den Begriff einer über die Einzelleistung hinausgehenden „Weimarer Musikreform“ entgegen. Hierin maßgebliche kulturreformerische Ideen wiesen weit über ihre Zeit hinaus. Dies reflektieren auch die Interviews mit Zeitzeugen in Israel, über die Theda Weber-Lucks im Rahmen einer Videoausstellung berichtete. Christine Rhode-Jüchtern stellte Emil Breslaur (1836–1899) vor, der aktiv in einer assimilierten Berliner Reformgemeinde wirkte und zur prägenden Figur einer von einem reformpädagogischen Ansatz her neu gedachten Klavierpädagogik in Deutschland wurde. Nora Born sprach über die dem Zionismus verbundene Pianistin und Musikpädagogin Irma Schoenberg Wolpe Rademacher (1902–1984), die der neuen Musik des 20. Jahrhunderts mit einer von der Rhythmik inspirierten, musikalischen Praxis begegnete.
In einer zweiten Keynote referierte Markus Tauschek über Kulturerbe und kulturelle Aneignung. Den Begriff des Kulturerbes ausdifferenzierend zeigte er, dass die Konstruktion von „kulturellem Eigentum“ die historischen Entwicklungslinien unzulässig vereinfachen würde. Er hinterfragte essentialistische Deutungen und auch die Idee einer kulturellen Authentizität. Daran anschließend illustrierte Andreas Eschen fixierende Zustandsbeschreibungen und Prozessorientierungen in der schulischen Vermittlung am Beispiel von Blues und Klezmer-Musik.
Luisa Klaus stellte demgegenüber die Musikethnologin Gerson-Kiwi (1908–1992) vor, die an ihrer Idee einer Weiterführung von alten, an orientalischer Musik und dörflicher Praxis orientierten Traditionslinien in einer neu zu erschaffenden, jüdischen Nationalmusik scheiterte.
Friedhelm Brusniak zeigte, wie sich im 19. Jahrhundert jüdische Gesangvereine in Deutschland entwickelten, während Laura Marie Steinhaus anhand von der UNESCO erstellter Bilderkarten zur Gegenwart und Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland nachwies, wie Organisationen maßgeblich darüber bestimmen, wie kulturelle Ausdrucksformen als Kulturerbe verstanden und weitergegeben werden.
Frantz Blessing und Ina Henning stellten Forschungsergebnisse zu jüdischem Kulturerbe im Schulkontext vor und verwiesen auf entsprechende Leerstellen. Kritische Denkanstöße kamen hier unter anderem von Gabriele Hofmann, die anhand einer Wiener „Belshazzar“-Inszenierung zeigte, wie der Umgang mit Macht und Gewalt thematisiert werden kann. In zwei weiteren Fallstudien zur Rezeption musikalischer Werke stellten Damien Sagrillo und Jürgen Oberschmidt eine französische Deutung vor, welche den Fliegenden Holländer als Beispiel für antisemitische Stereotype zu verstehen wusste. Jürgen Oberschmidt verwies auf antijudaistischen Elemente in Text und Musik der Passionen J.S. Bachs und plädierte für ein neues Rezeptions-Bewusstsein im Umgang mit dieser Problematik. Nicht zuletzt gab der Leiter der jüdischen Oberschulen in Berlin, Aaron Eckstaedt, in seinem Referat einen lebendigen Eindruck davon, wie man diversen kulturellen Strängen und ihren Gegensätzen durch kulturelle Teilhabe begegnen könne.
Jüdisches Kulturerbe zum Klingen brachte der Klavierabend „Jüdische KomponistInnen im Exil“ mit der Berliner Pianistin Irmela Roelcke, die ihr Publikum mit Werken von Ursula Mamlok, Arthur Schnabel, Ruth Schonthal, Mieczysław Weinberg und Stefan Wolpe zu begeistern wusste.
Parallel zur Tagung wurde für (Musik-)Studierende der PH Schwäbisch Gmünd und der Hochschule für Musik Theater und Medien ein von Sarah Ross und Ina Henning geleitetes Kompaktseminar angeboten, zu Fragen zum jüdischen musikalisches Kulturerbe und Hintergründe zur aktuellen politischen Situation aus jüdischer Sicht.
Mit einem Workshop zu jüdischer Musik und Tanz mit Aaron Eckstaedt aus Berlin endete eine gelungene Konferenz, der es gelang, das zentrale Thema so grundsätzlich zu beleuchten, dass der Begriff „jüdisches Kulturerbe“ auch in anderen, unterschiedlichsten Bezügen stehen könnte. Dafür den Blick zu weiten und zu schärfen, taugen nicht zuletzt der Aspekt der Offenheit für Diversität und die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme im Sinne Gadamers.
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