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Das Fauré-Quartett führte durch die Gala. Foto: Mark Bollhorst
Das Fauré-Quartett führte durch die Gala. Foto: Mark Bollhorst
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Konzerte, Gala, Präsentationen und ein Symposium

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YEAH! kürte sechs europäische Musikvermittlungsprojekte aus 15 Nominierten und 136 Bewerbern
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Sie sind die modernen Rattenfänger von Hameln: Musikvermittler locken junges Publikum in ihre Veranstaltungen und wollen sie zu Musikgenuss verführen, im eigenen Auftrag oder im Auftrag von Konzerthäusern, Orchestern und Theatern. Ihre Motive sind offensichtlich: Das Publikum droht zu überaltern, und die Konkurrenz mit anderen Freizeitangeboten wird immer größer. Stand zu Beginn dieses jungen Berufsbildes Musikvermittler – irgendwo angesiedelt zwischen Pädagoge und Künstler – noch das Werk im Mittelpunkt, so haben sich die Inhalte inzwischen explosionsartig erweitert. Vermittelt wird Neue Musik an jüngere Menschen, Pop an ältere Klassikhörer, vermittelt wird Musik an Babies, Migranten, Menschen mit Handicap oder sozialen Deprivationen. Anders ausgedrückt könnte man sagen: Klassische Musik selbst steht zwar immer weniger im Zentrum, doch mit ihren zahlreichen internationalen und genreübergreifenden Playern ist die Musikvermittlung ein Wachstumsmarkt.

Diese Entwicklung bildet das YEAH! Festival ab, das nach 2011 nun zum zweiten Mal in Osnabrück als Stadtfestival, als Symposium und als Marktplatz für Europas Musikvermittler durchgeführt wurde. Medienwirksamer Höhepunkt des Fes­tivals war die Gala zur Verleihung des Young EARopean Award. 136 Bewerber aus 21 Nationen hatten ihre Projekte eingereicht, 15 wurden von einer internationalen Jury nominiert und präsentiert. Sechs Produktionen aus den Ländern Luxemburg, Belgien, Portugal, Deutschland und Schweden wurden mit dem europäischen Preis für innovative Musikprojekte ausgezeichnet. Auf der Bühne im Schloss Osnabrück wurde ihnen das Preisgeld von insgesamt 40.000 Euro und die YEAH! Trophäe überreicht, die der Osnabrücker Künstler Volker-Johannes Trieb aus schwerem Stahl geschaffen hatte.

Die Vielfalt der möglichen Vermittlungskonzepte spiegelte sich in den Arbeiten der 15 Nominierten wider und machte auch deutlich, wo das Hauptproblem für die Jury lag: Gemeinsam war den nominierten Projekte gute Qualität, extrem unterschiedlich stellten sich jedoch Machart, Zielgruppe, Innovationspotenzial  und Ausführung dar. Eine Vergleichbarkeit ist also nicht gegeben. Die Jury hatte sich daher die zentralen Kriterien Künstlerische Qualität, bestes Konzept, Innovation und beste kreative Performance erarbeitet.

Die Preisträger

In der Kategorie „Performance“ wurden dieses Jahr vier Produktionen ausgezeichnet. Die Wahl der perkussiven Bühnenshow „Drumblebee“ von Quatuor Beat und der Philharmonie Luxemburg in Zusammenarbeit mit der Kölner Philharmonie, dem Luzern Festival und den Grazer Spielstätten beruht auf höchster künstlerischer Qualität und exzellent inszenierter Konzertmusik im klassischen Konzertsaalformat. Es zeigte sich wieder einmal: Ein guter Künstler ist per se schon ein idealer Vermittler.

Im Hinblick auf das beste Konzept wurde dem „Projekt Come in!“ von den Göteborger Sinfonikern der Award überreicht. „Come in!“ lädt Kinder vor dem Konzerterlebnis zur musikalischen Begegnung mit den Künstlern in Wohnwagen vor dem Konzerthaus ein. Es ist ein innovatives, moderiertes Schulkonzert, dessen Qualität in der persönlichen Begegnung des Hörers mit den Orchestermusikern gründet. Die jungen Hörer bauen eine Beziehung zu „ihrem“ Musiker auf – eine Geigerin der Göteborger brachte es auf den Punkt: „Es ist gut, einen Freund im Orchester zu haben.“

Der YEAH! Award für das innovativste Projekt ging an „Concerts for Babies“ von Musicalmente aus Portugal. Wohlfühlatmosphäre für Babies, Mütter und Väter, aber auch für die Musiker. Lernzielkontrolle ist bei diesem Format nicht erwünscht und die wichtigste Regel: Die gesamte Veranstaltung verläuft non-verbal und die Eltern dürfen ihr Baby keinesfalls aktiv musikalisch früherziehen oder gar zum still sein zwingen: Die Akteure sind die Babies. War man sich beim Baby-Konzert nicht ganz sicher, was das innovative Potenzial der Unternehmung angeht, so stellt sich die Frage bei der Produktion „Fall Listen to the Silence – a Journey with John Cage“ der belgischen Zonzo Compagnie nicht: Sie gewann den YEAH! Award für den besten kreativen Prozess mit einer interaktiven und innovativen Performance. Ein unorthodoxer, multimedialer Zugang zur Musik John Cages, der dessen musikalisch-philosophischen Grundideen angemessen ist.

Überhaupt kam die neue Musik gut weg beim YEAH! 2013: In der Kategorie „Process“ erhielt das Projekt „Notations“ des Klavierfestivals Ruhr, in dem unterschiedliche Gruppen – Grundschüler und Oberstufenschüler, Jungpianisten aus dem Precollege der Kölner Musikhochschule sowie Tanzstudenten der Folkwang Hochschule – sich kompositorisch mit Pierre Boulez‘ Frühwerk „Notations“ auseinandersetzten. Das traditionell am Werk orientierte Projekt zeigt, dass die klassische Music Education nach wie vor ihre Berechtigung hat. Projekte wie „Notations“ würden jedem modernen Fes­tival oder Konzerthaus gut anstehen.„Feel the Music“ des Mahler Chamber Orchestra teilte sich den Preis in der Kategorie „Process“ mit „Notations“. Es war eine Projektreihe mit mehreren Workshops für taube und schwerhörige Kinder, das auf ein generelles Problem sämtlicher Vermittlungsarbeit hinweist. Der Künstler ist zwar des beste Vermittler der Kunst, gleichzeitig aber auch der schlechteste Pädagoge. Bei der Probe an einer Klarinette den Ton zu fühlen oder im Flügel die klingenden Saiten anzufassen, das sind doch sehr rudimentäre Erlebnisse, auch wenn der Pianist Leif Ove Andsnes heißt. Den größten Lernzuwachs, zumindest was ihr Wissen über Hörgeschädigte anging, hatten hier vermutlich die Musiker.

Das YEAH! Festival ist deshalb so ambitioniert, weil es neben Best-Practise-Präsentationen und Preisen sowohl als mehrtägige Musikveranstaltung in die Stadt Osnabrück hineinwirkt, als auch dem Diskurs Raum gibt. Mehr zu Konferenz „Raum.Klang – Klang.Raum“ im untenstehenden Artikel. 

Fauré furioso

Das Fauré Quartett, das dieses Jahr die künstlerische Patronage des YEAH! Award innehatte, umrahmte die Gala mit einer packenden Darbietung von Ausschnitten aus Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“. Das war bemerkenswert aus mehreren Gründen: Zunächst war es offensichtlich, dass Musik für eine Gala keine „Umrahmungsmusik“ sein muss nach dem Motto „Die Überleitungen am Klavier spielt…“. Zudem legte das Klavierquartett mit der Wahl seines Werkes ein quasi historisches Bewusstsein dafür an den Tag, was gute Musikvermittlungsmusik sein kann. Mussorgskys Gang durch die Bilder einer Ausstellung ist nämlich selbst Musikvermittlungsmusik: Das musikalische Psychogramm eines Ausstellungsbesuchers existiert im kollektiven Bewusstsein längst auch in der – von Maurice Ravel für Orchester arrangierten – populären Version, sie erlebte eine Wiedergeburt als Pop-Hit durch die Adaption für Rockband durch Emerson, Lake & Palmer. Und außerdem boten die „Bilder“ einem Pianisten wie Valery Afanassiev einen willkommenen Anlass für inszenierte Konzerte, inszeniert bis hinein in die Feinstruktur der Komposition.

In dieser Aufführungs- und Bearbeitungslinie muss das Arrangement für das Fauré-Quartett gesehen werden – und es hält stand. Dass es etwas zu martialisch, etwas zu hart vorgetragen wurde, mag dem Zustand des Tasteninstruments geschuldet gewesen sein – dennoch wünscht man sich mehr solche mit- und hinreißende Gala-Musik bei entsprechenden Veranstaltungen.

In die Stadt hinein wirkten auch das Festivalprogramm mit Konzerten, etwadas Quartett PLUS 1, das einen Klang- und Lichtparcour durchs Museum Felix-Nussbaum-Haus inszenierte, oder die  Konzerte der Zonzo Compagnie aus Antwerpen und der Body Rhythm Factory aus Kopenhagen.

Blick in die Zukunft

YEAH! ist ein Projekt der Stiftung Stahlwerk Georgsmarienhütte und des netzwerk junge ohren, wird aber auch maßgeblich von der Initiative Musikland Niedersachsen, von der Stadt Osnabrück und der Universität Osnabrück gefördert. Stiftungsratsvorsitzender und Altbürgermeister Hans-Jürgen Fip sagte der YEAH!-Geschäftsführerin Lydia Grün und dem netzwerk-Vorsitzenden Gerald Mertens, bereits die weitere Förderung einer dritten Ausgabe des Preises im Jahr 2015 zu. Er äußerte auch eine dezidierte Meinung darüber, in welche Richtung der Preis sich entwickeln könnte: Musikvermittlung nicht nur als Vermittlung von Musik an und für sich, sondern auch als interkulturelles Agieren im Hinblick auf die zukünftige Zuwanderungsgesellschaft Deutschland.

Ob das Fach Musikvermittlung hier bildungspolitisch mitziehen will und kann, mag dahingestellt sein, nichtsdes­totrotz haben Festival und Preis das Potenzial, der große Marktplatz für innovative europäische Musikvermittlungsprojekte zu werden. Die Idee, dem Junge Ohren-Preis mit YEAH! ein internationales Pendant an die Seite zu stellen, kann als geglückt bezeichnet werden. Noch aber fehlen einige Protagonisten, um hier wirklich die benötigte kritische Masse zu erreichen. Wo sind die Entscheider wie Intendanten, Regisseure, die Orchesterdirektoren und die Festivalchefs? Wo sind die Musiker aus den Orchestern? Wo bleibt eigentlich das Gros der Künstler und Vermittler, die tagtäglich in ganz Europa Musikvermittlungsarbeit betreiben – das sind nämlich noch viel mehr als die über 100 Bewerber für den Preis. Das Festival als  Marktplatz der Möglichkeiten noch stärker für die Experten und die Szene nutzbar weiter zu entwickeln, ist sicher eine der künftigen Hauptaufgaben der Festivalmacher. YEAH! hat das Zeug, im Zusammenklang mit Festivals, Orchestern und Theatern zur überlebenswichtigen Rettungsinsel für die vom Überaltern bedrohte Hochkultur zu werden.
 

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