Hauptbild
Arbeiten wie mit den Profis: Alessandro de Marchi probt mit dem Bundes-jugendorchester. Foto: Johannes Radsack
Arbeiten wie mit den Profis: Alessandro de Marchi probt mit dem Bundes-jugendorchester. Foto: Johannes Radsack
Banner Full-Size

Das Bundesjugendorchester hinter den Kulissen

Untertitel
Sommerarbeitsphase 2007 des BJO in der Musikakademie Schloss Weikersheim
Publikationsdatum
Body

Klaus Obermayer besuchte den Sommerworkshop 2007 des Bundesjugendorchesters in der Musikakademie Schloss Weikersheim. Auf dem Programm „La Cenerentola“ von Gioacchino Rossini. Lesen Sie seine Impressionen über Arbeitsweise des Orchesters, in die er Wissenswertes über Organisation und Projektdurchführungen einfließen lässt.
Nehmen wir Felizia. Sie ist Mitglied im Streicherapparat der 1. Violinen des jüngsten Spitzenorchesters der Bundesrepublik, des Bundesjugendorchesters (BJO). Sie ist Schülerin der 10. Klasse eines Gymnasiums einer Kleinstadt in NRW, Jungstudentin im 4. Semester an der Hochschule für Musik in Detmold bei Prof. Elisabeth Kufferrath und neuerdings zudem auch Teilnehmerin des Detmolder Hochbegabtenzentrums, das sich auf die Förderung musikalischer Hochbegabungen konzentriert. Die hochtalentierte und vielbeschäftigte Felizia ist im BJO keine Ausnahmeerscheinung. So ist auch nicht weiter verwunderlich, dass die meisten Namen der jugendlichen Musikerinnen und Musiker in wenigen Jahren in den großen Orchestern der Bundesrepublik und Europas wieder auftauchen, wie es auch schon in der Vergangenheit seit Gründung des Orchesters 1969 geschehen ist. Im Herbst letzten Jahres hat Felizia ihr Probespiel zur Orchesteraufnahme bestanden und durfte soeben ihre dritte Arbeitsphase in Schloss Weikersheim absolvieren.

Felizias Weg ist exemplarisch für eine BJO-Karriere. Zum Probespiel, das immer im Herbst stattfindet, kann sich jeder Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren anmelden. Den musikalischen und technischen Standard, der den Jugendlichen beim Probespiel abverlangt wird, kann man durchaus mit professionellen Maßstäben vergleichen. Es wird ein schnelles und ein langsames Stück aus zwei Stilepochen als Maßgabe für die solistischen Werke verlangt. Für die Orchesterstellen werden von den Fachdozenten zumeist die schwierigen Stellen aus den aktuell zu bearbeitenden Werken für das Programm des nächsten Jahres ausgewählt. Das Entscheidungsgremium setzt sich in der Regel aus dem Projektleiter, zwei Fachdozenten, zwei Orchestermitgliedern aus der jeweiligen Stimmgruppe und oft als Gast noch einem Instrumentalprofessor der Hochschule an der das Probespiel stattfindet zusammen. Ein erfolgreich absolviertes Probespiel – diese Bewerber werden bevorzugt – ist praktisch gleichbedeutend mit der endgültigen Aufnahme ins Orchester.
Für die Streicher gibt es noch einen zweiten Weg: Wenn neben den Plätzen, die durch Probespiele besetzt werden noch Plätze im Orchester zu vergeben sind, werden diese Stellen mit 1. und 2. Preisträgern des Bundeswettbewerbs „Jugend musiziert“ ohne zusätzliches Probespiel aufgefüllt. Sie haben die strengen Auswahlkriterien bereits durch ihren Preis im Wettbewerb erfüllt. Die erste Arbeitsphase gilt für alle Bewerber als Probearbeitsphase und entscheidet über die endgültige Aufnahme.

Ziel der diesjährigen langen Arbeitsphase von beinahe fünf Wochen (in der Regel sind es zweieinhalb bis höchstens drei Wochen) war zunächst die Opernproduktion „La Cenerentola“ von Rossini mit Solisten der Jungen Oper Schloss Weikersheim und den Dirigenten Alessandro de Marchi und Patrick Lange. Die letzte Opernproduktion 2003 „Carmen“ liegt bereits vier Jahre zurück. Der lange Zeitraum erklärt sich aus der dreifachen Besetzung des Opernensembles mit den damit verbundenen dreifachen Proben. Die Einstudierung eines anspruchsvollen Konzertprogramms bildete den zweiten Teil der Probenphase des Orchesters.

Die unterschiedliche Ferienordnung der Bundesländer macht es der Organisationsleitung nicht leicht, die Arbeitsphasen so einzuteilen, dass keine zu großen Überschneidungen mit den Schulzeiten auftreten. Alle Orchestermitglieder haben jedoch in einer Kernzeit Ferien, die für die Einstudierung des neuen Programms genutzt werden kann. Für die verbleibenden Schulzeiten richtet die Organisation des BJO Unterrichtbefreiungsanträge an die Direktoren der jeweiligen Schulen. Der diesjährigen Sommerarbeitsphase folgten neun Opernaufführungen innerhalb von zwölf Tagen im Hof von Schloss Weikersheim und im selben Zeitraum zwei Konzerte in Hamburg und Berlin mit einem beeindruckenden Programm: G. Rossini: „Ouvertüre zu La Cenerentola“, A. Muno: „La mer en extase sous mes yeux“ (UA), O. Respighi: „Fontane di Roma“, B.A. Zimmermann: „Märchen-Suite“, R. Strauss: „Till Eulenspiegels lustige Streiche“.

Bei den Opernaufführungen in Schloss Weikersheim zeigte sich das Orchester makellos eingespielt – ein Kompliment an die beiden Dirigenten – blitzsaubere Streicher ohne die geringste Intonationsschwäche, grandiose Holzbläser mit herausragendem 1. Fagott, strahlende Blechbläser und präzises Schlagwerk. Die quirlige, spritzige Musik Rossinis mit ihren opernspezifischen ständigen Tempoänderungen, die große Bandbreite der Dynamik, anscheinend alles kein Problem für dieses Orchester. Spielfreude, Begeisterung und der ständige Wille, es immer noch besser zu machen, zeichnet dieses Jugendorchester aus und macht es zu einem der besten in Europa.

Der Dozentenpool des BJO ist seit langem gut gefüllt mit fachlich (Erfahrungen in der Orchesterarbeit und Kenntnisse der Literatur sind hier erwünscht) und pädagogisch (Vermittlungsqualitäten werden hochgeschätzt) hochkarätigen Lehrern. Das Kollegium wird laufend ergänzt und erweitert, nicht selten durch ehemalige Orchestermitglieder. Neue Dozenten sind immer wieder erstaunt, wie viel die Jugendlichen selbst ihnen an Strenge, Kritik und Konzentriertheit abverlangen.

Musikalische Höchstleistungen mit dem Orchester zu erzielen, Begeisterung zu wecken und zu erhalten, ist in erster Linie die Aufgabe der Stabführung. Hier kann das BJO inzwischen auf eine Fülle von Dirigenten verweisen, die den richtigen Tonfall finden, um aus den Jugendlichen einen Orchesterklang herauszukitzeln und herauszufordern, der die Zuhörer fast immer zu begeisterten Ovationen hinreißt. Bei der Auswahl der Dirigenten kommt es der Organisationsleitung nicht unbedingt auf die großen Namen an und zumeist hat das Management des Orchesters damit bisher eine glückliche Hand bewiesen. Ist es nicht ein schöner Zufall, dass der 1981 geborene Patrick Lange, der bislang Assistent Claudio Abbados beim Gustav Mahler Jugendorchester, und in Weikersheim als Assistent von Alessandro de Marchi war, just in der diesjährigen Arbeitsphase seine Ernennung zum Chefdirigenten beim Orchestre de Chambre de Genève erhielt?

Die Auswahl der Programme ist eine diffizile Angelegenheit, schließlich müssen die Konzerte auch verkauft werden und ein möglichst zahlreiches Publikum anziehen. In letzter Entscheidung wird die Programmgestaltung durch den Projektleiter Sönke Lentz vorgenommen. Programmvorschläge kommen häufig aber auch von den Dirigenten und den Solisten des Orchesters. Man darf schon jetzt gespannt sein, welches Solokonzert sich das Trompetenidol Reinhold Friedrich 2009 aussuchen wird.

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!