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Studie: In sieben Millionen Haushalten stehen Instrumente in der Ecke

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Berlin - Musizieren wird zunehmend zum ungewöhnlichen Hobby. In lediglich 17,7 Prozent aller deutschen Haushalte wird laut einer am Mittwoch in Berlin vorgestellten Studie ein Instrument gespielt. 2008 hatten bei einer ähnlichen Untersuchung noch rund ein Viertel aller Befragten angegeben, dass mindestens ein Haushaltsmitglied ein Instrument beherrsche.

Es war einmal - ein Klavier. Oder eine Geige. Oder eine Flöte. Vielleicht fangen so irgendwann Märchen an. Eine am Mittwoch in Berlin vorgestellte Studie skizziert ein Szenario einer Gesellschaft, der Musizierende und Instrumente ausgehen. In nur noch 17,7 Prozent der deutschen Haushalte wird demnach ein Musikinstrument gespielt, 2008 hatte diese Zahl noch bei 25,6 Prozent gelegen. "Es ist erschreckend, dass diese Zahl so rückläufig ist", sagt der Geschäftsführer des Verbandes der Musikinstrumenten- und Musikequipmentbranche (SOMM), Daniel Knöll. "In sieben Millionen Haushalten liegen Instrumente einfach nur rum."

Sein Verband hat die repräsentative Studie "Musizieren und Musikinstrumente in Deutschland" in Auftrag gegeben. Branchenverbände sind nicht frei von Interessen. Und so lässt Knöll nicht unerwähnt, dass eine gute Gitarre schon für 270 Euro zu haben ist. Realisiert wurde die Studie jedoch von der unabhängigen Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), die dafür im Juni rund 11.000 Menschen befragte. Und die Ergebnisse sind sicher nicht nur für Leute interessant, die mit Instrumenten ihr Geld verdienen.

Die Erhebung schildert die Vita eines Musikers beziehungsweise eines "Abbrechers", wie es im Vokabular der Studie heißt, etwa so: Jedes zweite Kind zwischen sechs und elf Jahren erlernt ein Instrument - meist durch privaten Unterricht, nicht in der Schule. Tasteninstrumente führen dabei die Hitliste an, gefolgt von Gitarre und Bass. Fast die Hälfte der Kinder stellt das Instrument während der Schulzeit aber schon wieder in die Ecke. Die meisten haben dann keine Lust oder keine Zeit mehr. Knöll sieht "Versäumnisse vor allem an den Schulen".

Es sind überwiegend die 30- bis 59-Jährigen, die derzeit noch aktiv musizieren. Weiteres Ergebnis der Studie: Die Lust am Musikmachen steigt zwar mit dem Bildungsgrad, ist aber nicht abhängig vom Einkommen. Denn Instrumente werden nicht als zu teuer bewertet.

Kinderreiche Haushalte machen viel Musik

Viele Resultate waren möglicherweise vorhersehbar, andere wiederum überraschen. So ist es in der subjektiven Wahrnehmung und durch umtriebige Werbeaktionen von Plattenfirmen oftmals so, dass junge, neue Bands wie Pilze aus dem Boden zu schießen scheinen. Auf die Frage: "Warum würden Sie gerne ein Instrument spielen?" bewegt sich die Statistikkurve der Studie bei der Antwort "um in einer Band zu spielen" dagegen nicht aus dem einstelligen Prozentbereich heraus.

Auch das idyllische Bild der Hausmusik, in dem Mutter, Vater, Kinder sich um den Flügel scharen, ist nicht pure Fantasie. "In kinderreichen Haushalten wird sehr viel mehr musiziert als in kinderlosen", sagt Knöll.

Musizieren ist seit längerem Gegenstand der Wissenschaft. Expertenmeinungen gibt es zuhauf - dass Musik bei Lernschwierigkeiten hilft, die Sprachentwicklung unterstützt oder Alterserscheinungen mindern kann. Auch der Verband will die Studie nun nutzen, das Thema Musizieren und Bildung noch stärker in den Fokus zu rücken. "Wir müssen das Musizieren wieder in die Schulen bringen", sagt Knöll. Mit Blick auf Bands, in denen Musiker vieler Nationalitäten zusammen auf der Bühne stehen, ist Musik für ihn zudem "ein perfekter Spielball, um Integration voranzutreiben".

Und vielleicht kann die moderne digitale Variante der guten alten Musikschule das Musizieren wieder hip machen - via Anleitung im Internet. "Video-Tutorials schießen aus dem Boden", sagt Knöll.

 

Elf Daten der Studie "Musizieren und Musikinstrumente in Deutschland"

- in 17,7 Prozent der deutschen Haushalte spielten 2012 ein oder mehrere Mitglieder aktiv ein Instrument; 2008 betrug diese Zahl noch 25,6 Prozent;

- in 33,1 Prozent der Haushalte gab es 2012 ein Musikinstrument (2008: 34,1 Prozent);

- hingegen gab es in 76,4 Prozent der Haushalte mit drei Kindern und mehr 2012 ein Instrument (2008: 68,3 Prozent);

- 58,1 Prozent erlernten ein Instrument durch privaten Unterricht; 17,6 Prozent via Autodidaktik; 17,4 Prozent im Schulunterricht;

- 54 Prozent der noch Aktiven und 59 Prozent der Abbrecher erlernten zwischen sechs und elf Jahren ein Instrument;

- 46 Prozent hörten während der Schulzeit, aber nach der Grundschule auf, das Instrument zu spielen;

- 37,4 Prozent gaben an, kein Interesse mehr zu haben; 36,6 Prozent nannten keine Zeit als Grund;

- 42,6 Prozent der Aktiven und 38,0 Prozent der Abbrecher spielen beziehungsweise spielten ein Tasteninstrument; 32,1 Prozent der Aktiven und 21,2 Prozent der Abbrecher spielen oder spielten Gitarre/Bass;

- 2012 waren 38 Prozent der aktiv musizierenden Personen im Haushalt 30 bis 59 Jahre alt; 2008 lag diese Zahl bei 40 Prozent;

- auf die Frage "Würden Sie heute gern (wieder) ein Musikinstrument spielen?" antworteten 71 Prozent mit Nein und 29 Prozent mit Ja;

- die häufigste Antwort auf die Frage "Warum würden Sie gern ein Instrument spielen?" lautete: "aus Spaß"; die seltenste war: "um in einer Band zu spielen";

 

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