Am 17. September wäre Isang Yun (1917–1995), der bedeutende deutsch-koreanische Komponist, 90 Jahre alt geworden. Dieter Senghaas, Friedensforscher an der Universität Bremen, würdigt Yun als einen Künstler, der in seinem Leben geradezu schicksalhaft mit den politischen Abgründen des 20. Jahrhunderts konfrontiert wurde.
In Isang Yuns gesamter Biographie dokumentiert sich die Tragödie der Geschichte Koreas im 20. Jahrhundert, in ihr spiegeln sich aber auch die lang gehegten Hoffnungen, die heute mit der „Sonnenschein-Politik“, dem koreanischen Pendant zur Willy Brandtschen Ost- und Entspannungspolitik, verbunden werden. Yun hat sich weder während des Zweiten Weltkrieges mit dem Besatzungsregime des faschistischen Japan, noch später in Südkorea mit den Militärdiktaturen arrangiert. Als Oppositioneller wurde er vor 1945 von den Japanern verfolgt, verhaftet und gefoltert. Yun kam 1956 nach Westeuropa (Paris und Berlin), um sich mit den kompositorischen Techniken der europäischen Avantgarde vertraut zu machen.
Gleichzeitig engagierte er sich mitten im Kalten Krieg von Deutschland aus für die Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea. Im Juni 1967 wurde er vom südkoreanischen Geheimdienst entführt, von Berlin nach Seoul verschleppt, dort inhaftiert und nunmehr von seinen eigenen Landsleuten gefoltert und zu lebenslanger Haft verurteilt. Nur aufgrund von internationalen Protesten kam er zwei Jahre später frei und konnte nach Deutschland zurückkehren, wo er 1974 in Berlin auf eine Professur für Komposition an der Hochschule der Künste Berlin berufen wurde, die er bis zu seiner Emeritierung 1985 innehatte. 1971 nahm er die deutsche Staatsbürgerschaft an.
Yun liebte sein koreanisches Land, dessen südlichen Teil er bis zu seinem Tod nicht mehr besuchen konnte. Er verabscheute die unterschiedlichen Diktaturen des Nordens und des Südens, konnte oder wollte sich jedoch einer gewissen Zuneigung durch Kim Il-sung, Nordkoreas „Großem Führer“, nicht entziehen: Mehrfach wurde er nach Pjöngjang eingeladen, wo seit 1982 regelmäßig im Herbst ein Isang Yun Festival veranstaltet wurde und es seit 1993 ein Isang-Yun-Musikinstitut mit einem Konzertsaal für 600 Zuhörer gibt. Dieser Sachverhalt und Kompositionen wie beispielsweise „Exemplum in memoriam Kwangju“ (1981), mit der Yun gegen ein Massaker des südkoreanischen Militärs in der Provinzhauptstadt Kwangju (Mai 1980) protestierte, machten den Komponisten zu einer im Süden viele Jahre lang offiziell verfemten Figur, die er seit seiner „Entführung“ aus Berlin ohnehin war.
Brückenkopf zwischen Nord und Süd
Heute jedoch figuriert Yun wie ein musikalischer Brückenkopf zwischen dem Norden und dem Süden. Schon im November 1998 fand in Pjöngjang ein dreitägiges Isang-Yun-Wiedervereinigungskonzert statt. Damals musizierten die nord- und südkoreanischen Musiker an verschiedenen Abenden allerdings nicht mit-, sondern nacheinander. Inzwischen steht der Aufführung der Werke von Yun auch im Süden des Landes nichts mehr im Wege. Seit 2002 findet nach zweijährigem Vorlauf in Yuns Heimatstadt, im südkoreanischen Tongyeong, ein internationales Musikfestival statt, das sich vor allem der Aufführung von Yuns Kompositionen und zeitgenössischer Musik widmen möchte (siehe nmz 6/07). Im übrigen bereiste schon 1999 das von Yun inspirierte Isang-Yun-Ensemble aus Pjöngjang, mit dem er immer wieder intensiv probte, mit großem Erfolg die Bundesrepublik. Die Initiative hierzu ging seinerzeit von der deutschen Botschaft in Seoul, dem dortigen Goethe-Institut und dem Berliner Haus der Kulturen der Welt aus.
So hat Isang Yun mit Musik zur Vorbereitung der „Sonnenschein-Politik“ des seinerzeitigen südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-jung beigetragen, ehe diese Politik formuliert war beziehungsweise in erste praktische Versuche übersetzt werden sollte. Im übrigen verdankt Kim Dae-jung sein Leben auch Isang Yun: 1973 sollte der inhaftierte Oppositionspolitiker Kim von einem Schiff aus in einer Kiste im Meer versenkt werden. Dieser Plan der südkoreanischen Diktatur wurde bekannt und durchkreuzt, weil es Personen wie Isang Yun – damals von Berlin aus – gelang, einen weltweiten Protest gegen die Absichten der Diktatoren zu mobilisieren. Selbst der US-Geheimdienst, ansonsten der Lehrmeister des gelehrigen südkoreanischen Geheimdienstes KCIA, überwachte seinerzeit mit Hubschraubern die Küste Südkoreas, um den Anschlag auf Kims Leben zu durchkreuzen.
Das friedenspolitische Wirken eines einzelnen Künstlers und Musik per se sind also nicht so bedeutungslos wie es in den schnelllebigen Zeiten des postmodernen Diskurses oft unterstellt wird. Doch Isang Yuns Biographie dokumentiert ein Weiteres: Ihm ist es nicht nur gelungen, Brücken zwischen den beiden unverschuldet geteilten Koreas zu schlagen; immer noch müssen beide Länder den ihnen einst unverschuldet von außen aufgezwungenen Ost-West-Konflikt überwinden. Seiner Musik verdanken wir auch einen besonders eindrucksvollen Beitrag zum interkulturellen Dialog – langfristig sein eigentliches künstlerisches Vermächtnis: Nach einer Anfangsphase des Suchens und Experimentierens ist dieser Dialog in jeder der Yun’schen Kompositionen aus der mittleren und späteren Schaffensphase erkennbar. Für europäische Ohren hören sich viele dieser Werke „asiatisch“ an: So wird man als Hörer mit dem vom Komponisten kunstvoll entfalteten Eigenleben des Einzeltones konfrontiert. Koreanische Ohren, so wird berichtet, empfinden die Musik ihres Landsmannes als „europäisch“, jedoch mit erkennbar koreanischen Wurzeln. Abgesehen von aller fachwissenschaftlichen Analyse dokumentiert allein schon dieser Sachverhalt, dass es Yun offensichtlich gelungen ist, einen innovativen kompositorischen Ausdruck zu finden, der sich nicht kulturell-additiv darbietet, sondern ganz eigener Art ist.
Engagierter Patriot – kosmopolitischer Weltbürger
Abseits eines durch und durch kommerzialisierten Musikbetriebes, besonders jenes, der sich heute mit dem Etikett „Weltmusik“ schmückt, sind es die Stimmen von Künstlern wie Yun, die Hoffnung vermitteln und die trotz aller Rückschläge in friedenspolitischen Bemühungen hoffen lassen.
In gewisser Hinsicht erinnert Yun an den 300 Jahre vor ihm verstorbenen Komponisten Georg Muffat, der während des Spanischen Erbfolgekrieges 51-jährig das Opfer kriegsbedingter Entbehrungen wurde – Folge einer auf Aushungerung abzielenden Belagerung des damals von habsburgischen Soldaten besetzten Passau durch eine 3000 Mann starke bayerische Truppe. Muffat schrieb 1695, wenige Jahre vor seinem Tod: „Mein Beruf ist weit entfernt vom Lärm der Waffen und der Staatsräson, die zu denselben ruft. Ich verstehe etwas von Noten, Akkorden und Klängen … Wenn ich französische Weisen mit denen der Deutschen und der Italiener vermische, so geschieht dies nicht, um einen Krieg heraufzubeschwören; vielmehr suche ich damit, der Eintracht all dieser Völker den Weg zu bereiten, dem köstlichen Frieden.“
Dringend benötigt eine mit gewaltträchtigen Konflikten durchsetzte Welt auch in den Künsten Brückenbauer wie Muffat und Yun, gerade auch in der Musik.
Nicht viele Komponistinnen und Komponisten haben ihr künstlerisches Lebenswerk dem Frieden, verstanden als Schutz vor Gewalt, Schutz der Freiheit und Schutz vor Not sowie einer Förderung von Empathie zwischen Kulturen, gewidmet. Isang Yun ist einer von ihnen, wobei er geradezu vorbildhaft dokumentiert, dass man ein kritisch gesinnter, politisch engagierter Patriot und gleichzeitig kosmopolitischer Weltbürger sein kann – und heute sein muss.
Der Erinnerung an Leben und Werk von Isang Yun widmet sich die 1996 in Berlin gegründete Internationale Isang Yun Gesellschaft e.V. Sie hat auch mehrere CDs mit Werken Yuns produziert. Zuletzt erschienen Einspielungen mit dem Iturriaga Quartett. Vom 8. bis 10. November veranstaltet sie zusammen mit der Berliner Universität der Künste das Festival „Yun im Kontext – Europa/Berlin“ mit Konzerten und Vorträgen. Details, auch zur CD-Edition, unter: www.yun-gesellschaft.de