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Der Sommerhit ist tot

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Nach einem grausamen Sommer steht fest: Der Sommerhit ist tot. Gefühlte drei Jahre mag es her sein, dass sich die Welt nach Lou Begas „Mambo No.5“ verrenkte. Konnten sich die Plattenfirmen damals noch darauf verlassen, dass wenigstens ein Song im Jahr – neben „Last Christmas“ – den Konzern aus den roten Zahlen führte, so herrscht heute das blanke Entsetzen. Dabei hat man alles versucht. Grenzdebile Mega-Partys auf Mallorca, gackernde Street-Teams in Discotheken mit zu engen Röcken oder überforderte Talentsucher auf Volksfesten und Biertischen, die antizipieren sollten, was das Volk grölen möchte. Geholfen hat alles nichts. Lediglich das bizarre Pfeifen eines spanischen Hits mutierte zum Ohrwürmchen, doch mal ehrlich: Die ausgefransten Rhythmen und zusammengeschusterten Refrains klingen mehr nach Frank Farians Dünnpfiff denn nach einem andalusischen Hirten, der seine Schäfchen ruft. In die engere Auswahl schaffte es mit Hängen und viel Würgen DJ Ötzi, dessen „Ein Stern“ als Ganzjahres-Grauen die Charts quält. Dafür nehmen ihn nun selbst die Österreicher unter drei Jahren nicht mehr ernst.

Früher konnte man für einen Sommerhit wenigstens noch die DJs anständig schmieren, doch die werden langsam durch Notebooks und MP3 ersetzt. Zudem ist das benötigte Schwarzgeld nicht mehr im Wirtschaftskreislauf, weil verprasst von Siemens oder durch die digitale Gesundheitskampagne „Copy Kills Music“.

Was aber ist dem Sommerhit widerfahren? Nehmen die Konsumenten den Sommer nicht mehr wahr, weil es ihn nicht mehr gibt? Oder sind sie angewidert, wenn Bohlen und Ziehsöhnchen Mark Medlock blöd grienend auf einer Segelyacht stehen und nach alter Schuhsohle riechende Sommerhitchen kredenzen, die Ricky Martin zu Recht abgelehnt hat?

Zu befürchten ist beides. Einerseits rotten wir den Sommer klimatisch aus, indem wir Omis Einkäufe 15 Kilometer durch die Gegend fahren, weil sie den „Meals on wheels“-Zivi als Schläfer identifiziert hat. Andererseits wurde uns der Sommerhit jedes Jahr madiger gemacht. Ständig aalten sich halbnackte und leidlich begabte Künstler auf Palmeninseln und Sandstränden, bewacht von Topmodels und flankiert von Modedrinks, die sich die gesamte Crew wochenlang in den Rachen schüttete, weil das Budget nur noch bei sieben Millionen US-Dollar pro Video liegt. Nicht zu vergessen die Drehschluss-Partys auf Spesen. Schnell mal eine Horde „Reserve-Chicks“ eingeflogen oder ein Abstecher zum Hochseefischen mit dem Regisseur. Das kostet. Da darf Neid und Überdruss beim lauschenden Volk aufkommen. Das kann sich ja keiner mehr leisten. Außer man beantragt Hartz IV, ist wohngeldberechtigt und mietzuschussfähig.

Aber nicht verzagen, die Lösung naht. Al Gore hat im Umwelttrailer „Eine unbequeme Wahrheit“ dargelegt, was passiert ist: Der Sommer hat sich verschoben. Marginal nach vorne. Wir sind seit ein paar Jahren einfach zu spät dran und sollten die Antennen künftig im April ausfahren. Und in ein paar Jahren könnte der Handel den Weihnachtskaufrausch aus dem Februar noch voll ins Quartal mitnehmen. Denn Weihnachten verschiebt sich doch dann auch, oder?

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