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Falsch gepolt?

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Nachschlag 2013/10
Publikationsdatum
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Hören will gelernt sein. Mit der Musik ändern sich auch die Hörgewohnheiten. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein waren Oper und Konzert ein Ort des politischen, religiösen, sozialen, auch erotischen Stadtgesprächs. Erst das Aufkommen der absoluten Musik forderte auch vom Zuhörer die absolute Aufmerksamkeit. In der bürgerlichen Konzerthausarchitektur manifestiert sich das moderne Hörverhalten, das Konzertritual von heute: 90 Minuten Musik mit ständigem Blick auf die Akteure auf der Bühne, ohne Unterhaltung, Flanieren, ohne Essen und Trinken. Bis heute haben wir diesen Konzertsaal in unserem Kopf.

Kürzlich hatte ich Gelegenheit, einen Vortrag des Filmemachers und Autors Uli Aumüller auf dem YEAH!-Symposium zur Musikvermittlung in Osnabrück zu hören (mehr dazu auf Seite 31). Aumüller untersuchte in seinem Vortrag, „wie wir den Konzertsaal in den Wald mitnehmen“. Das, was wir im Konzertsaal an Hörverhalten gelernt hätten, würden wir auch auf „natürliche“ Hörsituationen – etwa ein Vogelkonzert im Wald, auf Blätterrauschen oder auch auf die klingende Stadtlandschaft – anwenden.
Gibt es etwa deshalb immer mehr Menschen, die mit klassischer oder E-Musik Musik nichts mehr anfangen können, weil ihr innerer Konzertsaal „falsch“ gepolt ist? Was wollen wir also heute vermitteln, wenn wir von Musikvermittlung sprechen? Ist es wirklich „nur“ Musik, oder kann es nicht viel mehr sein? Wie kann der Musikvermittler heute Brückenbauer zwischen Musik, Musikern und Zuhörern sein? Wahrscheinlich nur, wenn er herausfindet, wo eigentlich heutzutage die Stadtgespräche stattfinden. Und mitredet!

Aber: Instrumentalisiert diese Umpolung die Musik nicht auf unerträgliche Weise? Man vermittelt Neue Musik an jüngere Menschen, Pop an ältere Klassikhörer, vermittelt wird Musik an Babies, Migranten, Menschen mit Handicap oder sozialen Benachteiligungen. „Hauptsache vermitteln, egal was?“

Wird die Zielgruppe wichtiger als das Werk? Genügt es, mit Mozart in die Lounge zu gehen und mit Neuer Musik ins Kraftwerk? Ist der Vermittler nur ein Agent der Kulturindustrie oder immerhin einer der kulturellen Bildung? Oder ist er selbst ein Künstler? Jedenfalls ist sein Job im Brennpunkt des musikalischen Lebens angesiedelt. Deswegen kann man ihn bedauern – aber noch mehr muss man ihn darum beneiden.

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