„Hier gilt’s der Kunst“, hatte weiland Wieland Wagner an die Pforten von Bayreuth geschrieben, um das Werk seines Großvaters aus politischen Umklammerungen zu lösen. Doch er irrte letztlich. Um die Kunst geht es in Bayreuth wie in vielen anderen großen Festspielstätten schon längst nur mehr am Rande. Das sind eher Servicestationen mit einer gewissen Qualitätsgarantie, die über die eingekauften Stars gewissermaßen per Zertifikat eingebracht wird.
Im Vergleich mit einem Büffet, auf dem die Garnelenschwänze nordmeeriger, der Lachs alaskischer und das Roastbeef rosiger sind. Es ist ein Gaukelladen, in dem keiner glaubt, dass einem Gottschalk, einem Beckenbauer oder einer Frau Merkel etwas an einer vertiefenden Sicht an Wagner läge. Die Sensation ist angesagt (in Salzburg heuer auch häufig wieder abgesagt) und alles schmeißt sich auf sie: weil Thielemann soo deutsch ist, Fischer soo den Klang aufblühen lässt, dass er Bouléz vergessen macht, oder die angeblich einzigartige Holzkastenakustik jedes Jahr aufs Neue verblüfft. Wo so ein Rummel ist, da darf die Kritik nicht fehlen und mit vorauseilendem Gehorsam wirft sie ihrerseits Schlagschatten auf jeden zu erwartenden Event voraus. Ob sie dann die Sache in dem Himmel hebt oder in Stücke haut, gehört zum angesagten Spiel und ist gar nicht mehr wichtig. Der Popanz des Dabeiseins wälzt alles nieder.
Fraglos gab es in Bayreuth einige große künstlerische Ereignisse (der „Ring“ von Chéreau und der von Kupfer waren Deutungen, die dem Anspruch Wagners auf der Spur waren). Das Gros aber bewegt sich im Raum der Ausstattungsästhetik, die meist mit ein paar Verkrümmungen garniert sind, die dann als erregende Neudeutung betrachtet werden oder von den Altwagnerianern mit dem Bannstrahl der Meisterschändung belegt werden.
Da stecken Protagonisten oder der Chor in NS-Uniformen (was als Mut gesehen wird), da zieht sich Schlingensief ein symbolbluttriefendes Negligé (-klischee?) über, oder da verspielt sich Katharina Wagner, Urenkelin des Meisters, in postmodernistischer Stülpverdrehung, indem sie Bayreuths Geniewahn zum Gegenstand der „Meistersinger“ macht und hiermit Beckmesser ein gutes Stück besser da stehen lässt. All das sind im Grunde nur bessere Puzzlespiele und jede Lächerlichkeit wird zum kühnen Akt erklärt. Kunst im emphatischen Sinne ereignet sich hier nicht. Man mag an Szenarien denken, an denen Strauß‘ Vater zum Tanz aufspielte, ein Moscheles oder Thalberg Konzertabende gaben und Schubert im Stillen an seiner Winterreise oder am Quintett schrieb. Das zur Sensation gebauschte Ereignis schlägt schon immer Tiefe und Intensität der musikalischen Wahrnehmung tot.
Vielleicht ist das, also die trunkene Sichtweise, ja sogar die Rettung für Wagner. Nüchtern betrachtet würde einiges an seinem Werk seiner Nebel-sphäre entkleidet. Seine so gerühmte Harmonik bleibt im Grunde hinter der aus den Préludes von Chopin zurück (wo man Tristanakkorde zuhauf findet); und von der Sensibilität des Hörens wollen wir hier gar nicht sprechen. Die Singstimmenführung kennt mehr den Kraftakt denn die melodische Tiefe. Die Leitmotivik zum Teil mehr Lückenfüllerfunktion denn musikalische Notwendigkeit. Klangliche Höhepunkte werden mit Mitteln erzielt, die andere Komponisten mit Scheu vor dem eigenen Anspruch noch einmal gebrochen hätten. Es bleibt ein stattlicher Rest an wirklich großer und öffnender musikalischer oder besser musikdramatischer Ahnung. Das müsste man nicht sagen, wenn nicht alles auf dem Pferd der PR-Geilheit säße. Wie die alles niederwalzenden Reiter in „Apocalypse now“ mit ihrem Walkürendessus.